Gruß zu Christi Himmelfahrt
und Sonntag Exaudi

Für dieses lange Wochenende gibt es jedenfalls wieder Musik aus unserer Kirche und zwar zusammengefasst für Christi Himmelfahrt und den Sonntag Exaudi. Es ist mal keine choralgebundene sondern freie Orgelmusik von Johann Ludwig Krebs (1713 – 1780), einem Schüler Bachs, die uns fröhlich in Richtung Pfingsten begleiten soll.

Allen ein gesegnetes Wochenende auf dem Weg zum Pfingstfest,
Ihr/Euer Kantor Tobias Braun


Gruß am Sonntag Rogate

Auch zum 5. Sontag nach Ostern, dem Sonntag Rogate (Betet) soll es wieder einen Gruß aus unserer Loschwitzer Kirche geben. Das Thema des Sonntags ist das Gebet und ein Hauptlied dazu ist die Verdichtung des Vaterunser durch Martin Luther in seinem Choral „Vater unser im Himmelreich“ (EG 344). Dietrich Buxtehude (1637 – 1707) hat dazu, wie viele andere Komponisten auch, eine Choralbearbeitung geschaffen.

Allen ein schönes Wochenende und einen gesegneten Sonntag,
Kantor Tobias Braun


Sonntag Jubilate, 3.5.2020

Kurzpredigt am Sonntag Jubilate –
in Coronazeiten 2020

Grund zum Jubeln?? Kennen Sie einen? Kennen Sie viele Gründe?

Die Geburt des Enkelkinds? Eine neue Liebe? Endlich das Geräusch prasselnden Regens über unseren staubtrockenen Fluren – oder blauer Himmel an einem neuen Morgen? Grund zum Jubeln kann auch die gefürchtete Abi-Prüfung sein, die plötzlich hinter mir liegt ..

Oder diese Zahl: Bisher weit über 9.000 ! Zugriffe auf den Gottesdienst im Netz, der am vergangenen Sonntag aus unserer Loschwitzer Kirche gesendet wurde. Was für ein Segen! Wie viel Grund, sich zu freuen.

Jubeln würde die Familie, die so dringlich eine Vier-Raum-Wohnung sucht.

Dazu bezahlbar. Haben Sie so eine zu vermieten? Andere sind bescheidener: Wünschten einfach, dass auch ihre Kinder wieder in die Schule eingeladen wären – und ein Stück Normalität einzöge. Wieder Andere würden gern wieder vor Publikum öffentlich musizieren – oder endlich einmal Urlaub machen nach vielen Wochen des Krisenmanagements ..

In diesen Zeiten permanent schlechter Nachrichten – Infektionskurven und  Todeszahlen, die steigen, Konjunkturdaten, die einbrechen – sehnt sich wohl jeder danach, das zu finden, was das Herz freut. Kantor Braun hat davon einiges gleich rund um die Loschwitzer Kirche gefunden, zeigt es auf dem YouTube-Kanal an diesem Sonntag – und jeder, der Auge und Ohr hat, mag den durchgestarteten Frühling als Augenweide in dieser Zeit begreifen! Ohnehin sind mittlerweile auch viele krisenfeste Zeitgenossen zu treffen. Die Grundstimmung, die mir begegnet, ist nicht eindeutig negativ, nein, mancher entdeckt auch im eingeschränkten, verlangsamten Modus des Alltags Gründe zur Zufriedenheit.

Manches Beglückende hat freilich auch seinen Preis – oder ist nicht einfach aus dem Zusammenhang gerissen zu feiern. So unerwartet der Rückgang des Ausstosses von Treibhausgasen in diesem Jahr weltweit zu konstatieren ist, so sehr er die Klimabewegten unter uns froh stimmen wird, kommt er doch mit der Kehrseite der sonstigen Folgen des Virus daher .. Die Krise als Chance – nicht jeder wird das gern hören.

Einen wirklich uneingeschränkten Jubel stimmt uns der 66. Psalm an. Jubilate Deo omnis terra ..  „Alle Welt“ lädt er ins Lob Gottes ein – alle Welt und darin auch uns. Lassen wir uns darauf ein?

Lassen wir uns ansprechen, zu Gottes „neuer Schöpfung“ zu gehören? Rebe am Weinstock Gottes zu sein, von dem Jesus einladend redet. Uns in einem weiten Zusammenhang zu begreifen, der uns zum Miteinander heraus-fordert und uns in unserer Individualität an die Menschen neben mir weist?

Sehe wir doch einmal hin, wer da ist!

Sehen wir einander an, wenn wir nun öfter wieder zusammensitzen können. Auch auf den Elbwiesen. Auch in den Kirchenbänken und bald auch hoffentlich wieder im Cafe und im Konzert. Nein, es ist noch nichts wieder selbstverständlich.

Und so mancher auch in unserer Stadt ist erkrankt. Und mancher ringt zwischen Tod und Leben.

Das ist ein Teil des Geheimnisses, das dazu führt, das Menschen in Jubel auszubrechen vermögen: 

Nichts ist selbstverständlich .. Nicht die großartige Erfahrung der Osternacht. Nicht die Tat Gottes, der in der Auferweckung Jesu Christi das Leben den Tod überwinden lässt.

Nichts ist selbstverständlich: Mein Leben nicht, jeder neue Morgen, an dem ich atme.. Nicht, dass der geplante Tag der Konfirmation auch stattfinden wird – und nicht, dass ich JA sage dazu, getauft worden zu sein.

Zusammen sitzen die ersten 15 oder 2 mal 15 Besucher unseres Loschwitzer Gottesdienstes hier in der Kirche und singen. Singen EG 110: „Die ganze Welt“ – also omnis terra – „fröhlich ist“! Singen von den Vöglein und hoffentlich gar wie die Vöglein. Singen von der güldenen Sonne und ermuntern einander dabei, die Stimmen zu erschwingen ..

Jubel in die Stimme zu legen .. Recht betrachtet, haben wir alle dazu Grund  – oder etwa nicht? – Weil der Sonntag heute Jubilate heißt, einer der fröhlichsten im ganzen Kirchenjahr, ist uns allen zur Aufgabe gegeben, uns darüber Rechenschaft zu geben! Und froh zu werden – wie alle Welt!

Ihr und Euer Pfarrer Markus Deckert


1. Sonntag nach Ostern, 19.4.2020

Ein Wort zum Sonntag Quasimodogeniti in Corona-Zeiten

EG 108, 1 Mit Freuden zart zu dieser Fahrt  laßt uns zugleich fröhlich singen / beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen. Das ewig Heil wird uns zuteil, denn Jesus Christ erstanden ist, welchs er läßt reichlich verkünden.

Liebe Gemeinde, ich grüße euch und Sie ,eine Woche danach‘!

Sieht man uns an, dass wir Ostern gefeiert haben? Oder sieht man uns nur an, dass wir wieder einmal einen Friseur brauchten??

Unsere Kirche steht im Schmuck der Osterfestzeit: Statt stachligem Christusdorn sind es nun rote und gelbe Tulpen .. und es sind Eure hierher gebrachten selbstgestalteten Ostereier – eine Augenweide! Und draußen vor der Kirchentür sind es die von Konfirmanden zugespielten Bibelworte – ihre gewünachten Konfirmationssprüche als eine Bestärkung am Weg! Das Lied, das uns Kantor Braun spielt, ist alt, aber noch frisch und fröhlich ..

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen .. so beginnt es. Fahrten sind derzeit nur im nahen Umkreis gestattet. Nix mehr mit Skifahren in Tirol, wie es doch sonst mancher in den Osterferien meinte, zelebrieren zu müssen. Aber – wie wäre es mit anbaden ..? Das geht auch hier. Ich hab es am Ostersonntag vollbracht. Na, vollbracht? Waren es doch 24 Grad in der Sonne ..

Anbaden zu Ostern, das ist gar nicht so weit hergeholt! Ostern ist DAS frühchristliche Taufdatum! Was für eine Fahrt endet da für einen Menschen auf der Suche nach dem Heil, nach dem Heiland, nach Jesus Christus? Eingetaucht ins Wasser der Taufe ist ein Zielpunkt erreicht. Die Fahrt ist nicht zu Ende, mit der Taufe wird sie etwas Wirkliches, nimmt sie Fahrt auf .. Wohl nur, wer als Erwachsener nach langem Suchen und Tasten zur Taufe kommt, kann das so richtig ermessen. Einen solchen Erwachsenen erinnere ich heute – Herrn Heinz Kempe, der sich im September des vergangenen Jahres hier am Taufstein 84-jährig hat taufen lassen. In der vergangenen Woche wurde der schwerkranke Mann heimgerufen zu Gott. Kam seine Lebensfahrt an ihr Ziel. Wir haben ihn im Vertrauen auf Gott beerdigt. Haben dazu dieses Osterlied gesungen, in dem es am Ende heißt: .. so wird ER uns aus Lieb und Gunst nach unserm Tod, frei aller Not, zur ewgen Freude geleiten.

Herr Kempe war ein humorvoller Herr. – Und wir, wie sind wir drauf? Die Osterbotschaft könnte uns allen eine frische Prise Humor ins Gesicht blasen. So, dass wir wieder ein bischen werden wie – ja, wie Kinder.

,Quasimodogeniti‘ – wie die neugeborenen Kinder, frisch und fröhlich, und doch schon an einem Ziel angekommen, so können sich Christenmenschen fühlen – auch in Coronazeiten.

Ganz so reichlich verkünden lässt es sich derzeit nicht, was uns zu Ostern zuteil wird.. aber nutzen wir die Möglichkeiten, die wir haben, einander in österlicher Freude zu begegnen!

Wir können einander beschenken – nicht nur mit Ostereiern. Weil wir Beschenkte sind. Einander bestärken – und wenn es mit unserem Konfirmationsspruch wäre .. weil Gott uns stärken will, gerade auch in diesen herausfordernden Tagen.

Frohe Ostern wünsche ich uns an jedem neuen Tag – die Festzeit geht ja bis Pfingsten. Spätestens das möchten wir mit Euch und Ihnen wieder in unserer Kirche feiern!

Eine Osterüberraschung aber, die habe ich noch: Am nächsten Sonntag feiern viele mit uns – einen Gottesdienst im Netz aus der Loschwitzer Kirche. Die Sächsische Posaunenmission wird ihn verantworten, und Kantor Braun und ich wirken auch mit.

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ostersonntag, 12.4.2020

Ein Ostergruß – in Corona-Zeiten

Liebe Loschwitzer und Wachwitzer, und Sie und Ihr alle sonst, die auf diesem Kanal erreichbar und jetzt schon wach sind:

Einen wunderbar guten Morgen, denn: Christ ist erstanden / Er ist wahrhaftig auferstanden!

Über die Jahrtausende reicht dieser österliche Gruß, dieses Bekenntnis, das wir hören und einander zurufen können: Christ ist erstanden / Er ist wahrhaftig auferstanden!

Wache Sinne braucht es, eben das zu hören und tief in sich aufzunehmen. So, dass die Sorge, so, dass die Angst weicht. So, dass sich Erstarrtes löst, sich das Herz öffnet und überfließt vor Freude.

Erst recht in diesem Jahr. Wie seltsam, einander nicht zu sehen und doch nahekommen zu wollen in dieser Morgenstunde! Der österliche Gruß ist hineinzusagen in eine Welt, die sich kaum wiedererkennt. Der Osterspaziergang darf gerade paarweise stattfinden, der Kirchgang ist nur gestattet, weil der Gottesdienst ausfällt. Doch HIER – begegnen wir uns – hören und sehen, singen oder summen vielleicht mit – und verbinden uns so von einem Osterfeuer zum anderen ..

Der Tod ist uns, zugegeben, nah gerückt in den Tagen der Karwoche. Bilder einer Welt im Griff der Pandemie wirken noch anders als das Erlebnis einer Passionsmusik. Die Angst vor dem tödlichen Virus ist längst dort, wo die Osterfreude erst noch hinreichen will. Nicht wenige auch in Dresden sitzen bereits in Quarantäne.

Quarantäne – dieser Begriff stammt ab vom französischen Wort ,quarantaine‘  und bedeutet die Summe von Vierzig. Das Wort ist aus der Bibel – von der vierzigtägigen Fasten-zeit vor Ostern – hergeleitet.

Die ist ja nun vorbei! – Wie schön wäre es, wir könnten feiern, dass auch die Zeit der Quarantäne JETZT vorbei sei. Das Virus besiegt und alle Angst über Bord geworfen werden könnte!

So schnell geht es nicht. Das Dunkel des Karfreitags behält abgründige Macht. Und doch: Christus ist durch dieses Dunkel hindurch gegangen. Hat es hinter sich gelassen, auch für uns.

Auferweckt, lässt ER uns aufatmen. Auferstanden, lässt ER uns hoffen – und singen.

Ja, es geht hier um uns. Um das Entscheidende für unser Leben. Um unser Heil.

Wir haben nicht alles selbst in der Hand – und müssen auch nicht alles im Griff haben. Wir können uns DEM anvertrauen, der die Liebe Gottes so gelebt hat, dass alles Dunkel in seinem Angesicht hell wird.

Jesus lebt – MIT IHM auch ich. Auch Du! Wir alle!

Darum: Frohe gesegnete Ostern!

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Bearbeitung des Liedes Erstanden ist der heilig Christ (EG 105) zum Ostermontag.

Karfreitag, 10.4.2020

Ein Wort zur „dunkelsten Stunde der Menschheit“ am Karfreitag in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen,

was sollen Worte unter dem Kreuz? Was können sie noch sagen? Ist da am Kreuz nicht alles gesagt, geurteilt, geschrien, geflüstert? Selbst die sieben Worte, die Jesus am Kreuz gesagt haben soll, sind ja jedes für sich eher zu meditieren als predigend auszulegen.

Kann es also reichen – innezuhalten, still zu werden? Auf IHN in seinem Leid zu sehen? Im Kreuz die Kreuze der Welt zu sehen?

In seiner Geißelung die Geisel der Pandemie?

Vor wenigen Tagen horchte ich bei einer Wortmeldung in den Medien auf: Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die Bulgarin Kristalina Georgieva, hatte angesichts der gegenwärtigen globalen Dramen um das Corona-Virus von der „dunkelsten Stunde der Menschheit“ gesprochen.

Ein großes Wort angesichts der verheerenden Nachrichten, die von den Kurven der Infektions- und Todesraten gespeist werden, auf die alle Welt gebannt sieht. Aber ist es angemessen angesichts der Dramen, die in der Geschichte der Menschheit bisher zu verzeichnen sind? Und – ist dieses Prädikat nicht für uns Christen ein geradezu besetztes Wort?

Die „dunkelste Stunde“ begehen wir heute, am Karfreitag, diesem dunklen, stillen Tag:

Jesus wird ans Kreuz geschlagen. Blind für seine wahre Identität oder eben in halber Ahnung, dass diese alles gefährdet und durcheinanderbringt, was gilt, wird er abgeführt und gefangengesetzt, wird er verspottet und geschlagen, bringen es Freunde fertig, ihn zu verraten und seine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Erleidet er den Foltertod.

Ach, meine Sünden haben dich geschlagen..  EG 81, 3

Meine?? Wir können abwehren und uns als Zuschauer gebärden. Wir können das Passionsgeschehen kultur- und religionsgeschichtlich einordnen. Aber – wir können uns auch berühren lassen. Von seinem Geschick. Von den überlieferten und vertonten Passionsberichten. Von Bildern und Kreuzweg-Stationen.

Mitten im Gewühl der Pilger und Touristen am Ölberg oder in den engen Gassen Ost-Jerusalems rund um die via dolorosa können wir uns plötzlich gemeint wissen.

Auf unser Zuhause zurückgewiesen an diesem Karfreitag 2020 können wir genauso  innehalten, still werden, gebannt einer Passionsvertonung lauschen oder uns anders in diese „dunkelste Stunde“ vertiefen. Dazu lade ich Sie ein.

Und schreibe Ihnen am Tag zuvor. Mit all seinen Ablenkungen und Aufgaben und Anregungen. Etwa dieser:

In einem beachtlichen Artikel, den Thea Dorn in der ZEIT unter dem Titel: „Es gibt schlimmeres als den Tod. Den elenden Tod“ schreibt, erinnert sie auch an das verquere Verhältnis der modernen Menschen zu Tod und Sterblichkeit:

Es ist keine neue Einsicht, dass Gesellschaften umso stärker dazu neigen, den Tod und mit ihm alle Gedanken an die menschliche Sterblichkeit zu verdrängen, je säkularer und je medizinisch-technologischer sie ticken. Der französische Historiker Philippe Ariès hat der Geschichte des Todes in den 1970er-Jahren eine umfangreiche Studie gewidmet. Darin blickt er mit einer Mischung aus Spott und Verachtung auf die modernen Gesellschaften, die sich naiv wie Kinder einreden wollen, sie könnten sich den Tod vom Leibe halten, wenn sie nur konsequent genug die Augen vor ihm verschlössen. Mit einer eigentümlichen Wehmut entrollt der Historiker das Panorama früherer Gesellschaften, in denen sich der Mensch, bildlich gesprochen, noch jeden Abend in Sterbekleidern zu Bett begab, weil er stets damit rechnete, am Morgen nicht mehr aufzuwachen ..

Etwas von dieser früheren Vertrautheit halten die Riten und Feiertage, die Choräle und Schriften religiöser Überlieferung wach, gerade die unseren als Christen: So, wie wir in Christi Tod getauft sind, werden wir mit IHM leben. In diesem tiefen, kaum auslotbaren Geheimnis treffen Karfreitag und Ostermorgen zusammen. Diesem Geheimnis können wir in den Tagen, in die wir jetzt gehen, nachspüren.

Heute, am Vortag des Karfreitags, ist auch des Märtyrertodes zu gedenken, den am 9. April 1945, also vor genau 75 Jahren, Georg Elser in Dachau sowie Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Hans von Dohnanyi, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz erlitten. Sie alle, im Widerstand gegen das Regime Adolf Hitlers engagiert, wurden aus blinder Rache und dem fanatischen Wunsch, dass die Feinde des Regimes dieses nicht überleben sollten, ermordet.

Und siehe – sie leben. Sie werden erinnert. Sie inspirieren Menschen heute, wach und entschieden einzutreten für die Freiheit und Würde des Menschen.

Vielen dieser Menschen, deren Namen heute Straßen bezeichnen, die uns als Vorbilder gelten dürfen, sind am Kreuzweg Jesu entlanggehend zu ihrer entschiedenen Haltung gereift. Oder haben im Sterben den Kreuzestod Jesu vor Augen gehabt.

Und siehe – wir leben. Am Karfreitag ist Ostern schon nah. Nicht nur, weil es vorbereitet sein will, das große frohe Fest. Nein, auch, weil wir wohl nur so die Begegnung  mit der dunkelsten Stunde der Menschheit ertragen können. 

In der verlässlich offenen Kirche liegen Osterkerzen bereit. Gegen Spende in den Wandtresor können Sie diese für Ihre Andacht und Besinnung, für Ihre Feier des Ostermorgens in der Familie mitnehmen. Und wie wir dann den Ostermorgen dezentral und doch gemeinsam begehen können, wie wir an ihm Jesus als das Licht der Welt feiern, dazu finden Sie in der Sonderausgabe des neuen GEMEINDEBRIEFES, der Ihnen vielleicht jetzt gerade ins Haus gebracht wird sowie auf der Website Informationen.

In der Stille dieses Tages und in leiser Vorfreude auf den nicht mehr fernen Ostermorgen grüße ich Sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Gemeinde,

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Zum Karfreitag wird Ihnen auf unserer homepage auch ein Choral zugespielt:

Das alte Passionslied: O Traurigkeit, o Herzeleid .. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 80), das sich in der Betrachtung des Kreuzestodes Jesu erschrocken seiner eigenen Anteile an der Gottesferne der Menschheit bewusst wird.

So können wir beten:

Jesus von Nazareth, König der Juden, Gottes Sohn und wahrer Mensch. Wir stehen vor deinem Kreuz – betroffen, beklommen, dankbar. Du trägst auch unsere Schuld. Du stirbst – und wir sind frei.

Viele stehen vor einem Kreuz. Hergeben kann schwerer sein als Sterben. Tröste sie, zeige ihnen einen Weg wie der Mutter Maria und dem Jünger Johannes. Finde auch Wege für uns.

Viele tragen wie Du ihr Kreuz. Schon ehe sie zusammenbrechen, sende ihnen Helfer wie Simon von Kyrene. Hilf uns helfen, tragen beten.

Wir stehen vor deinem Kreuz. In der Stille bringen wir dir unser Leid, unsere Schuld, unseren Dank: …………………..

Wir stehen vor deinem Kreuz – betroffen, beklommen, dankbar. Du trägst auch unsere Schuld. Du stirbst – und wir sind frei. AMEN

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Palmsonntag, 5.4.2020

Ein Wort zum Palmsonntag
in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen!

auch den Sonntag Palmarum werden wir in diesem Jahr nicht in unserer Kirche begehen. Er ist das Eingangstor in die Karwoche, an deren Ende uns das Osterfest erwartet. Und erzählt von einem Tor, an dem sich Spektakuläres abspielt: Jesus wird erwartet – und wird triumphal empfangen.

Zwar irritiert sein Zug auf einem Esel. Aber doch wird er bejubelt, als sei ganz klar er der erwartete Messias. Hosianna! Hilf uns! rufen sie ihm zu – Begeisterte, Aufgeputschte, Kinder, Alte, das Volk in den Straßen und von den Balkonen.

Was erwarten wir? Wen erwarten wir? Noch vor Wochen habe ich mit Konfirmanden überlegt, wer denn am Körnerplatz aufschlagen müsste, damit ihm oder ihr ein solcher Empfang wie Jesus damals bereitet würde.. Ein Popstar? Ein gefeierter Fußballer? Greta? Die Bundeskanzlerin? Für keine der Antworten gab es Mehrheiten. Und es war zu spüren, dass wir uns nicht einigen würden. Dass es wohl je nach Generation und Milieu ganz verschiedene Menschen wären, die unsere Begeisterung weckten.

Heute, Wochen später, könnten wir alle uns wohl doch auf den oder die Gruppe von Wissenschaftlern einigen, die den ultimativen Impfstoff gegen das Corona-Virus entwickeln. Sie hätten großen Applaus, ja, einen außerordentlichen Empfang in Loschwitz verdient. Sie würden gefeiert. – Ach, wäre es nur soweit!

Heilung und Heil – und sogar noch mehr – werden von Jesus erwartet. Der Wanderprediger aus Galiläa zieht die Menschen an durch sein Reden und Wirken. Und gerät mit der Faszination, die er auslöst, in den Strudel unterschiedlichster Erwartungen. Alle ziehen an ihm, Kranke wie politisch Desillusionierte, Fromme wie Deklassierte. Und er wird und muss manchen von ihnen enttäuschen. Sätze wie „Mein Reich ist nicht von dieser Welt ..“ spiegeln die Spannung zwischen ganz irdischen, ganz handfest politischen Erwartungen von Gruppen und Grüppchen in der damaligen Gesellschaft und dem Selbstverständnis des Jesus aus Nazareth wider..

Wer ist der, der da kommt..? So wisperte es nicht nur von Fenster zu Fenster in den Straßen Jerusalems. So fragen Menschen auch heute. Wer ist er mir – Jesus? Und wie hätte ich Jesus gern? Als den exemplarisch ,guten Menschen‘? Als den Gottessohn? Als den Richter über alle Welt? Als den, der aufräumt oder als den, der erlöst? Und die kritische Frage heißt: Zieh ich an ihm, mache ich IHN mir zurecht? Oder lasse ich mich in Seine Nachfolge rufen.

Dass Bild, das ich uns hier zeige, habe ich genau vor einem Jahr aufgenommen. Es hängt fast an der Stelle, an der es gewesen sein muss – damals, als Jesus mit seinen Jüngern zum Pessachfest nach Jerusalem kam. Die Luft flirrte, Frühlingssonne schien, als wir – eine ganze Gruppe Dresdner Pfarrerinnen und Pfarrer – am Ölberg spazierten und auch das Auguste Victoria-Hospital mit der evangelischen Himmelfahrtskirche besuchten. 1907 – 10 gebaut, hat man von ihrem 45 Meter hohen Glockenturm einen einzigartigen Rundblick über Jerusalem und die Judäische Wüste.

Vom nahen einstigen Dorf Betfage aus soll Jesus auf einem Esel nach Jerusalem geritten sein. Daran erinnert dieses monumentale Ölbild, das in dieser Kirche hängt und in der Ausmalung der Szenerie nichts zu wünschen übrig lässt: Ja, so könnte es gewesen sein!

Uns, denen in diesem Jahr zu Palmarum Menschenansammlungen streng verboten sind, bleibt die Frage, wie wir uns öffnen für IHN und für seine Botschaft.

Nicht mit abgerissenen Zweigen gehen wir ihm entgegen. Und auch ohne Kirchgang und Passionsaufführung (die einzige Passionsaufführung in Dresden fand 2020 ja wohl in unserer Kirche, vor genau einem Monat, am 7. März, statt!).

Gehen wir mit Andacht in die nun kommenden Tage. In der verlässlich offenen Kirche werden ab Sonntag die kleinen, Ihnen bekannten Osterkerzen bereitliegen, die Sie sich bitte gegen Spende in den Wandtresor für ihre Andacht und Besinnung, für Ihre Feier des Ostermorgens in Familie mitnehmen.

Wie wir dann den Ostermorgen dezentral und doch gemeinsam begehen können, wir wir an ihm Jesus als das Licht der Welt feiern, dazu finden Sie in der Sonderausgabe des neuen GEMEINDEBRIEFES, die Ihnen in der Karwoche ins Haus gebracht wird sowie auf der Website zu Karfreitag Informationen.

In Vorfreude auf Ostern und darum mit wachen Sinnen auf dem Weg durch die vor uns liegende Karwoche grüße ich Sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Gemeinde,

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ein Wort zum Sonntag Judika am 29. März 2020 in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen!

Wie ergeht es Ihnen gerade, jetzt, an der Schwelle zum dritten Wochenende in so außergewöhnlichen Zeiten?

Ich sehe die einen, die unter diesen Bedingungen so vieles stemmen. Die im Neuordnen-Müssen von beruflichen und familiären Herausforderungen an Grenzen geraten. Ich sehe andere, ungewohnt freigestellt. Dabei doch eingesperrt und abgeschnitten, wenn sie nicht gegenhalten und die gebliebenen bemessenen Freiräume nutzen.

Die Erfahrung, dass dieser andere Alltag anstrengt, die teilen viele: Ohne klaren zeitlichen Kompass unterwegs zu sein, täglich wechselnden Nachrichten ausgesetzt. Zwischen Hoffen und Bangen schwankend, und dabei angewiesen auf das Vertrauen, dass es ein Ende gibt, dass es am Ziel ein großes Aufatmen geben wird ..

So geht der Weg durch die Passionszeit dieses Jahres – durch herbe Wochen auf Ostern zu.

In einem Gottesdienst sehen wir uns derzeit  nicht. Und doch sehe ich viele Ihrer Gesichter vor mir: Menschen, mit denen ich in den letzten Tagen telephonierte. Anderen habe ich einen besonderen Gruß aus unserer Kirche zugespielt – all den Familien, bei denen die Taufe ihres Kindes schon eine Weile zurückliegt. Den Tauf-Rebstock habe ich dafür gepflückt, nur die letzten Taufkinder werden dort weiter namentlich erinnert.

Und habe vielen Familien so die Erinnerung ans Getauft-Sein ihrer Kinder direkt „vor die Tür“ gelegt. Nicht zum Stolpern, nein, zum Freuen!

Eigentlich sollte es am kommenden Sonntag einen „Theater-Gottesdienst“ in Loschwitz geben: War das „lukastheater“ eingeladen, das biblische Drama um Noah und die Sintflut für unsere Zeit zu interpretieren. Auch die Mitspieler hätten es bei der Ankündigung ihres Stückes nicht für möglich gehalten, dass solch ein eminentes Geschehen, wie wir es gerade erleben, ihr Spielen ausbremst.

Auch die Mitreisenden in der Arche Noahs waren .. eingesperrt und abgeschnitten.

Teilten die Erfahrung, dass dieser andere Alltag anstrengt: Ohne klaren zeitlichen Kompass unterwegs zu sein, täglich wechselnden Nachrichten ausgesetzt, zwischen Hoffen und Bangen schwankend, und dabei angewiesen auf das Vertrauen, dass es ein Ende gibt, dass es am Ziel ein großes Aufatmen geben wird .. Vierzig Tage und vierzig Nächte sollen sie in die Arche eingesperrt gewesen sein.

Am Ende der Noah-Geschichte aber wird unter dem leuchtenden Regenbogen die bleibende Zuwendung Gottes verheißen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht..

Und so steht auch das Wasser der Taufe und die ausgeteilte Taufbeere für Gottes Nähe in unserem eigenen Leben, was auch immer sich da ereignet.

Am vergangenen Sonntag trafen zur vertrauten Zeit des Gottesdienstbeginns in unserer offengehaltenen Kirche einige wenige Gemeindeglieder aufeinander. Wir sahen uns an und freuten uns, nicht allein zwischen den vielen unbesetzten Kirchenbänken zu stehen. Sangen sogar „All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und große Treu / sie hat kein End, den langen Tag / drauf jeder sich verlassen mag!“ . Beteten für diese unsere Welt – selbstverständlich mit dem notwendigen räumlichen Abstand zueinander. Und brachten uns wechselweise die Lesungen des Tages zu Gehör. Im Jesaja-Buch war da das Wort zu lesen, das in aufgewühlter Zeit für einen meiner Söhne zum Taufspruch geworden ist:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Jesaja 54, 10

Mag uns allen solches Zutrauen zuwachsen. Gott hat ein Wort für Dich und mich, dass uns in allem, was uns begegnet, was ängstet, was bedrängt, zusagt: Ich bin Dir nah. Ich spreche Dir Gnade, Frieden, Erbarmen zu.

Solche großen verheißungsvollen Worte dürfen wir hören. Sollen sie zu Herzen nehmen. Und in unser Leben übersetzen – für eine nächste Woche auf dem Weg nach Ostern.

Dann mag nicht alles leicht werden. Aber unser Herz fröhlicher und nicht zuerst bestimmt von düsteren Tagesnachrichten. Das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Seien Sie alle freundlich gegrüßt und bleiben Sie behütet!

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ansprache im Abschiedsgottesdienst für Peter Schreier
am 8. Januar 2020 in der Dresdner Kreuzkirche

Liebe Frau Schreier,
liebe Söhne, Torsten und Ralph, und
Sie alle, die Sie zur Familie gehören,
liebe Freunde, Weggefährten und Künstlerkollegen,
liebe Kruzianer – auch Ihr Ehemaligen alle,
liebe Dresdner und ihre weitgereisten Gäste,

nun nehmen wir Abschied von Peter Schreier.

Seit er nach seinem beeindruckenden Lebensweg von 84 einhalb Jahren am 1. Christfesttag seine Augen für immer schloss, sind unsere Gedanken erfüllt von Traurigkeit, aber auch von Dank und vielen Erinnerungen. Es sind Erinnerungen an einen großen Menschen, einen außergewöhnlichen Künstler, einen begnadeten Sänger.

Für Sie, liebe Frau Schreier, ist es der Abschied von ihrem lieben Ehemann, mit dem Sie weit über sechzig Jahre zusammen durch das Leben gegangen sind, es ist der Abschied von Ihrem Vater und Schwiegervater, Eurem Großvater, vom älteren Bruder, vom jüngeren Schwager ..

.. für uns alle der Abschied von einem Künstler, der mit seiner Stimme von Dresden aus die Bühnen der Welt eroberte und unzähligen Menschen unvergessliche Momente tiefer Ergriffenheit schenkte.
Sie alle, die Sie hier versammelt sind, spüren das Besondere dieser Stunde – vielleicht ja auch schon Ihr, die allerjüngsten Kruzianer! Da geht der unbestreitbar Berühmteste von uns dahin. Und wir alle bezeugen unseren großen Respekt. Treten mit Dankbarkeit an seinen Sarg und befehlen ihn nun dem Heiland, zu dessen Krippe ´im finstern Stall` er als Evangelist hingeführt hat. Zu dem hin er im Weihnachtsoratorium sang: „Du Jesu, bist und bleibst mein Freund, und werd ich ängstlich zu dir flehn: Herr, hilf! Herr, hilf! So laß mich Hilfe sehn.“

Wir stehen vor Gott, jenem Herrn, den sein Sängerfreund Theo Adam im Brahms-Requiem so viele Male angerufen hat: „Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Ja, wir müssen alle davon. Nun er.
In solchem Abschied aber wird auch die Einmaligkeit, die unwiederbringliche Schönheit und Würde eines Lebens bewusst. Und es kann uns staunen lassen, welch´ wunderbare Gaben Gott uns Menschen gegeben hat.
Wie begnadet war das Leben Peter Schreiers mit einer Stimme, die ganz unverwechselbar er selbst war – ob als Liedinterpret, Operntenor oder eben als Oratoriensänger sofort herauszuhören aus vielen anderen Stimmen. Mit bleibender Nachwirkung gilt er als Sänger der Evangelisten-Partie in den Bach`schen Kantaten und Passionen – alle Leidenschaft legte er hinein in ein die Hörerschaft ergreifendes Erlebnis.

Ich sehe ihn noch beim Abschiedsgottesdienst für Theo Adam, nah, ganz nah am Sarg in der Loschwitzer Kirche sitzen. Ein knappes Jahr gerade ist das jetzt her .. Und alle, die Peter Schreier damals grüßten und angesichts seiner sichtbar angegriffenen Gesundheit um ihn bangten, haben sich sicher so wie ich gewünscht, dass der zeitliche Abstand größer sei bis zu dem Tag, an dem wir auch von ihm Abschied nehmen müssten. Nun ist es anders gekommen – Theo und Peter, beide großen Sänger, die aus dem Kreuzchor hervorgegangen sind, Freunde, die beide am Dresdner Elbhang zuhause waren, wurden im gleichen Jahr (2019) von Gott heimgerufen. Er, der Evangelist, der zur Krippe führt, an einem hoch symbolischen Datum: Genau dem Tag, an dem die Christenheit die Geburt Jesu begeht.

So hat es seinen Grund, heute in das alte Weihnachtslied einzustimmen: „Brich an, du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tagen ..“ An seinem Sterbetag wurde es an vielen Orten und auch im Loschwitzer Gottesdienst gesungen.

„Du Hirtenvolk, erschrecke nicht ..“

Viele unter uns haben im Ohr, wie er die Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet..“ interpretierte, und dabei im Wechselspiel mit der SoloFlöte nicht nur die kunstvollen Läufe virtuos beherrschte, sondern sein Singen die erschrockenen Hirten ermunterte und die Hörer gleichsam mitzog – und so die Sehnsucht aufweckte, nun selbst „das holde Kind zu sehn.“

Wer an der Krippe war, geht anders wieder, als er dorthin gekommen ist. Wer ´das holde Kind` und damit Christus im Herzen trägt, geht anders durchs Leben. Darf sich am Ende seiner Tage bei IHM und von IHM erlöst wissen.  Aufgehoben im ´schönen Morgenlicht`, das wir Sterblichen nur erahnen, von dem aber doch schon zu singen ist.

Es ging Peter Schreier merklich nahe, vom Tod naher Freunde zu hören. Zuletzt Ende Oktober von Reimar Bluth, dem Leiter der Klassik-Aufnahmeproduktion von Eterna. Und die Fragen: Was tröstet?, Was bleibt? und: Kommt noch etwas? die kannte auch er.

Ob es ihn jeweils an ´Goethes Nachtlied` erinnerte, das er oft als Zugabe bei Liederabenden gesungen hat? Das Lied, in dem die Vögel schweigen und das memento mori angestimmt wird: „Warte nur, warte nur, balde, balde ruhst Du auch.“

Heute singen wir für ihn, der schon Schwerstes durchlebt hatte, Monate in Krankheit, Tage und Nächte im Koma, aus dem er bisher immer zurückfand ins Leben.

Dankbar dürfen wir sagen, dass die letzten Jahre noch einmal ein Geschenk an ihn waren.  Und sein Heimgang auch Erlösung ist. – So müssen wir nicht verstummen heute. Wir können singen und schon darin Trost erfahren.

Nachrufe und Buch-Portraits, Internet-Einträge und das Erzählen vieler Zeitzeugen ergeben ein reiches, inzwischen auch längst veröffentlichtes Bild, das dieses Leben nacherzählt und würdigt.

Es gibt Antwort auf die Frage, wer er war. Wer aber war er Euch und Ihnen? Für viele unter uns, auch über seine Familie hinaus, berührt diese Frage das eigene Leben, genauso, wie das Bild seines Lebens inzwischen zur Identität von Chor und Kirche und Stadt gehört. Sie, liebe Familie Schreier, finden sich da hoffentlich oft wieder – zwischen dem offiziellen Peter Schreier und Ihrem Bild vom vertrauten Menschen neben sich.

Große Kapitel der Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte sind nicht ohne seinen Namen zu schreiben! Auch nicht die jüngere Geschichte des Kreuzchores. – Mit Respekt erkennen wir ihn in all diesen Erinnerungen. Sehen, wie er sich als Künstler wie als Mensch verstand: Der Musik dienend und sie ganz aus sich selbst heraus interpretierend. Sprechend dafür war seine Entscheidung, auf der Höhe seines sängerischen Schaffens eine Dirigierkarriere zu verfolgen. Chor und Orchester um ihn herum gruppiert, widmete er sich einigermaßen singulär in einer Person als Evangelist wie als Dirigent der Partitur – verstand sich als Regisseur, der die Handlung in den Vordergrund stellt und für Dramatik sorgt. Der Hörer soll gebannt am Geschehen bleiben und auf dessen Fortgang schauen, nicht etwa von der Musik eingelullt werden.

Schon als Knabe hatte er davon geträumt, Tenor zu werden – um später Evangelistenpartien singen zu können! So jedenfalls ist es überliefert. Und auch, wie er versuchte, sich eine Tenorstimme zu verschaffen ..  J

Wenn dies hier (mehr als eine menschliche Feierstunde, wenn dies) wirklich ein Gottesdienst ist, dann soll der Tod des Verstorbenen in der Gegenwart des Gotteswortes aufgefangen sein. Uns zum Heil ist es längst gesagt und tröstet alles andere als billig. Peter Schreier hat dem Wort musikalisch immer wieder nachgespürt – ob in Liedern von Schubert oder Schumann, Brahms oder Mendelssohn, exemplarisch in den Schütz`schen Kleinen Geistlichen Konzerten. Dass das Wort im Hörer zur Wirkung kommt, ist ja nicht selbstverständlich – auch in dieser Stunde nicht. Es ist auf viele Bedingungen angewiesen. Aber die Musik ist eine goldene Brücke ins Herz der Hörer. Und wenn Bach für manchen als der fünfte Evangelist gilt, wäre nun zu zählen, wo Peter Schreier einzureihen ist ..

Dort, wo das Wort nicht untergeht in schöner, gar lauter Musik. Sondern, wo es durch ehrliche und geradlinige Interpretation wirkt. Es nützt doch nichts, wenn nur schöne Töne abgeliefert werden! – ein typischer Schreier-Satz!

Von welchem Wort bekommen wir heute Zuversicht zugespielt? Reich jedenfalls sind wir mit ihnen beschenkt – so, dass wir an diesem Sarg nicht stumm und nicht taub bleiben müssen. Durch die Trauerfeier auch Hoffnung klingen mag! Ja, sie sogar Zuversicht wecken soll, und Lust darauf, weiterzusingen.

Jede und jeder unter uns trägt seine Erinnerungen hierher. Mögen sie gestreift werden bei dem, was wir in dieser Stunde zu hören bekommen. – Das große Kapitel Oper, liebe Gemeinde, schlage ich hier erst garnicht auf. Viele Berufenere wissen Peter Schreiers Karriere auf den Bühnen der Welt, als Tamino, aber ja weitere 60 (!) Rollen verkörpernd, zu würdigen.

Hier in der Kreuzkirche liegt vielmehr noch einmal obenauf, was ihn in Kindheit und Jugend prägte.

Mit großer Dankbarkeit sprach der gebürtige Meißner von seinen Eltern, dem Kirchschullehrer und Kantor Max Schreier in Gauernitz, und dessen Frau Helene. Ihnen verdankt er die in die Wiege gelegte und schon in frühster Kindheit zum Klingen gebrachte Musikalität. Nach der verstörenden Erschütterung, die das Kriegsende mit Sirenengeheul überm Dorf und Feuerglühen von Dresden her auch in seiner Jungenseele hinterliess, war der 1. Juli 1945 der Tag, an dem sein bisheriges Kinderleben endete: Als allererster Junge fand er sich gemäß dem Aufruf des Alumnatsinspektors im Notquartier in Dresden-Plauen ein, erlebte die Anfänge des Sich-Wieder-Findens des in alle Richtungen zerstobenen Chores hautnah .. Wenige Wochen später, am 4. August, hier! in der damals ausgebrannten und mühsam, auch von Kruzianerhänden von Trümmern beräumten Kreuzkirche, den Gottesdienst, in dem der Kreuzchor erstmals wieder sang ..

Die schöne Altstimme rückte ihn schnell in den Blick des Kantors. Rudolf Mauersberger erkennt in ihm einen Ausnahme-Kruzianer und hat viel mit ihm vor. Immer war es spannend, Peter Schreier selbst zu hören, wenn er die längst überlieferten Erinnerungen noch einmal neu gewichtete und als Anekdoten weitergab. Wenn er die Bauernfamilie Hubricht in Oberbobritzsch, bei der er sich mit seinem Bruder über Jahre jeden Sommer bei Ferienaufenthalten durchfutterte, über den grünen Klee lobte. Oder sich erinnerte, wie er hintendrauf auf dem Fahrrad des Kreuzkantors zu schon nächtlicher Stunde die Loschwitzer Brücke passierte. All das wird nun Buchwissen, und nie wieder mehr von ihm selbst ausgeplaudert .. Wie vieles andere mehr bis hin zum: Werden Sie Sänger! Mauersbergers hellsichtiger Rat an ihn .. Wie hatte er ihn da längst zum Sänger, zum Vor-Sänger werden lassen! Während der Vater noch in russischer Gefangenschaft steckte, trug die Begegnung mit diesem strengen, fördernden und fordernden ErsatzVater zum Werden des Menschen bei, dessen Lebenswerk uns heute noch einmal vor Augen steht.

Das Singen als Kruzianer machte ihn mit liturgischen Traditionen vertraut, auch mit den Werken Bachs und Schütz’ens, gab ihm geistig-geistliche Schätze für sein ganzes Leben mit ..

Sie, liebe Frau Schreier, aber lernen ihn kennen, als Peter gar nicht singen kann – der 16-Jährige mitten im Stimmbruch! Ihre Lebens- und Liebesgeschichte gehört nicht in die wissbegierige Öffentlichkeit – Sie wissen selbst, was Sie einander waren! Was es Ihnen an Glück, auch an Entsagung bedeutete, mit diesem Mann durchs Leben zu gehen! War er doch beides, ganz nah und ganz fern. Blieb er verwurzelter Dresdner, selbst in den Jahrzehnten, für die er nach Berlin gerufen war. Und wurde zugleich Weltbürger, zuhause auf mehreren Kontinenten.

Mit der Dresdner Kulturlandschaft und ihren Menschen blieb er eng verbunden. Er fühlte, wo er herkam und hielt diese Herkunft in Ehren. Zugleich wurde der Kammersänger überall in Europa, ja weltweit gefeiert.

Durchdrang er doch in ganz eigener Weise seine Bühnenrollen. Lebte dabei oft in beglückender Gemeinschaft mit seinen Sänger- und Sängerinnenkollegen und den jeweiligen Dirigenten.

Es ist nur zu verständlich, dass Peter Schreier durch seine Kunst eine unzählbare Zahl von Menschen in seinen Bann zog und sich vielerorts auch Fan-Gemeinden bildeten. Selbst aus Japan gingen Wünsche ein, heute hier Kränze niederzulegen ..

Ihre Erinnerungen, liebe Familie, sind aber das, was nicht auch heute noch hintanstehen soll!

Mit der Geburt von Ihnen beiden, liebe Söhne, wart Ihr Schreiers eine Familie. Habt ihn als glücklichen und vielseitig interessierten Vater erlebt – als Mensch, ganz im Dienst an der Kunst unterwegs. Die Kehrseite der großen Berühmtheit: Sie konnte in die Last seiner Prominenz umschlagen!

Vermutlich erzählen Sie andere Anekdoten als die, die in den Büchern stehen. Trauern anders als so mancher Verehrer. Sie wissen, wofür Sie ihm dankbar sind, für das, was eben auch in der knappen Zeit möglich war, die ihm seine sängerische Passion liess. Denken an das gemeinsame Leben zuerst in Strehlen, später im Haus an der Calberlastraße. An das Lungkwitzer Domizil. Gute Tage gab es überall zu erleben, auch im Familienurlaub in Ahrenshoop oder entlang des Festspielkalenders in Salzburg ..

Seine Liebe zu Dresden hat er gern betont. Hier lebten und leben viele der Freunde. Wird er geschätzt von Nachbarn und gekannt auch in Kreisen, die sich sonst kaum in Kirche und Oper verirren. Hier in Dresden schmeckte ihm das Essen, obwohl er es auch ganz besonders in Japan genoß.

Auch Euch, die Enkelkinder, möchte ich ansprechen. – Ihr habt noch einmal ganz anders den Mann vor Augen, der Euch liebte und im Blick hatte! Wisst von ihm mehr als die Musikhörer: Habt die von ihm gekochten Konfitüren gekostet, seinen Fang beim Hochsee-Angeln bewundert. Habt die geliebten Hunde ausgeführt und im Swimmingpool der Großeltern gebadet ..

Und wieder Andere, Studierende und angehende Musiker, erlebten in ihm den strengen Lehrer, etwa in Meisterkursen, in denen er seine künstlerischen Erfahrungen weitergab. – Lange vor diesem Abschied heute standen doch schon andere Abschiede ..

Im Dezember 2005 beendete er seine Sängerlaufbahn mit einem Konzert im Prager Rudolphinum. Fünf Jahre zuvor, im Juni 2000, trat er gefeiert von der Opernbühne ab. – Für Dresdner bleiben noch andere Daten unvergessen:

Zur Eröffnung der Semperoper singt Peter Schreier am 15. Februar 1985, begleitet von Swjatoslaw Richter, die Winterreise. 2005 singt er zur Weihe der Frauenkirche. Singt zugunsten seiner Geburtstadt Meißen, deren Altstadt dringender Rettung bedurfte. Und .. ? Ja, das darf ich hier auch erinnern:

Denn noch ein Bau wird ihm zur Herzensangelegenheit: Die Wiedererstehung der Loschwitzer Kirche aus einer Kriegsruine. 25 Jahre ist dies her, und dass sich die Gemeinde dort wieder versammeln kann, auch mit sein Werk, seit er sich gemeinsam mit seinem Mitkruzianer Udo Zimmermann Theo Adam anschloss, der zu diesem Zweck eine Stiftung proklamiert hatte. Viele Erinnerungen an diese atemberaubende Zeit sind noch lebendig. Benefizkonzerte in Hamburg, München und auch in Dresden warben Mittel ein und begeisterten viele, sich kurz nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten an diesem Wiederaufbau zu beteiligen.

Er, der als Kruzianer durch die vom Krieg gezeichnete Stadt gegangen war, hat erleben und mithelfen dürfen, wie sie wieder erstand .. !

Wir sind ihm für vieles dankbar. Und ich bin es auch persönlich: Für Begegnungen in seinen letzten Lebensjahren – nachdem ich mir als kleiner Kruzianer vierzig Jahre zuvor ehrfürchtig ein Autogramm erbeten hatte. Nun erlebte ich manch tiefschürfendes Gespräch mit ihm. Auch die Übertragung eines Fußballabends im vergangenen Juli, bei dem Dynamo unter die Räder kam, aber wenigstens gegen einen bedeutenden Gegner spielte. Auch, wie geradezu demütig er werden konnte, wenn es an die letzten Fragen des Lebens ging! Er wusste, dass Ruhm „ein zweifelhaftes und vergängliches Gebilde ist“.

An einem der letzten Novemberabende drückte er mir die CD der Johannespassion in die Hand, die er noch im Februar 2018 in der Leipziger Thomaskirche dirigiert hatte. Eine große Freude für ihn, dass ihm dies noch vergönnt gewesen war. – Deren Schlusschoral werden wir von Euch Kruzianern hören!

Ihr singt ihn Gott ins Ohr, seid Euch dessen bewusst! Singt ihn für Peter Schreier – und dereinst für Euch selbst! So schließt sich der große Bogen eines Menschenlebens vor unseren Augen und Ohren.

„Aus der Tiefe rufe ich zu Dir..“ haben wir mit dem Psalmisten gebetet. Ihr, liebe Familie, kennt Euren Vater auch in der Tiefe schwerer Tage ..

„Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu Dir ..“ Das De profundis aus dem Dresdner Requiem, wir wissen es, hatte Mauersberger ganz und gar für seinen vergänglichen Knabenalt geschrieben. Mag uns die Ahnung bewahrt bleiben, dass auch uns in den Tiefen des Lebens dieser Herr DIE Adresse für unser Rufen bleibt!

Er darf nun schauen, was er geglaubt hat – und vielleicht noch mehr. Darf schauen, wovon er gesungen hat, wenn sich das Tor der Ewigkeit für ihn öffnet. Dort wird ihn Gesang erwarten. Anders mag ich es mir für ihn und für uns alle nicht vorstellen. Dorthin, in die Liebe Gottes, befehlen wir ihn, unseren lieben Verstorbenen, Peter Schreier.

„Es ist vollbracht!“ – die Alt-Arie aus der Johannespassion hat er als 15-jähriger gesungen.

 „(..) O Trost für die gekränkten Seelen! Die Trauernacht lässt mich die letzte Stunde zählen.“  .. Doch dann: „Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf. Es ist vollbracht.“

Jesus Christus öffnet die Tür! Kommt uns entgegen! In der Traurigkeit des Abschiedes liegt auch tiefe Sehnsucht. Und streckt sich danach aus, österlich hoffen zu können. So zuversichtlich zu empfinden und zu glauben, wie wir längst schon singen. Solche Sehnsucht wünsche ich uns allen ins Herz.

Und Gottes Frieden, ihm wie uns.
AMEN

Fürbitte:

Wir können uns bergen in der Kraft des Glaubens! Mit unruhigen Gedanken die Hände falten und beten:

Gott unseres Lebens,

Das Herz ist schwer, möchte seufzen und klagen. Wir müssen Abschied nehmen – von ihm!

Von Peter Schreier, dem Ehemann und Vater, dem Bruder, dem Freund und Mit-Kruzianer, dem großen Sänger Dresdens..

Wecke DU Hoffnung in uns, die Kraft hat, selbst dem Tod standzuhalten.

Lass uns dankbar sein für all das, was er uns war. Für die Gabe dieser Stimme, die so eindrücklich von dem sang, was unseren Glauben nährt. – Lass uns jetzt weitersingen, wenn sie verstummt.

Sei Du ihm jetzt nah, wie wir es nicht mehr sein können. Sei auch bei uns, unser Gott, wenn wir dann zurückkehren in unseren Alltag. Sei jedem von uns nah mit dem Trost deines Wortes und dem Frieden, der nur von Dir kommen kann ..

 Amen


Predigt am Pfingstsonntag 2019

Liebe Gemeinde am Pfingstsonntag,

diese Verse aus Psalm 84 stehen mit Grund am Anfang der Predigt. Als ich mich – 1981 war das – nach der Konfirmation der Jungen Gemeinde der Kruzianer anschloss, beobachtete ich, wie ein Herr schon fortgeschrittenen Alters unter meinen Weggefährten der höheren Klassen auf einer Woge der Sympathie schwebte. Woche für Woche, heute undenkbar, strömten dreißig oder mehr junge Männer ins Gemeindehaus in der Sebastian-Bach-Straße, und warum? Um „Feuri“ zu erleben. Bald schon hatte der Blasewitzer Pfarrer mit seinem freundlichen Blick und seinem geistigen Anspruch auch mich gewonnen.

Im Herbst und Winter ’81 las er mit uns – ich sehe die grünen Bibeln noch – ausgewählte Psalmen. Uralte Texte also, mit denen wir auch sonst zeitweise lebten, die wir übers Jahr sangen. Jetzt aber bedachten wir sie einmal genauer – bevor dann im zweiten Teil des Abends Zeit etwa für Guareschi’s „Don Camillo und Peppone“ war.

Und manches erschloss sich plötzlich oder war erst einmal Anlass zum Gespräch. Psalmworte, so wie die von Heinrich Schützens Vertonung des 84. Psalms hatten uns ja auch belustigt: Wenn Luther übersetzte ..

.. die durch das Jammertal gehen und graben daselbst Brunnen. Und die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt.
Sie erhalten einen Sieg nach dem andern, dass man sehen muss, der rechte Gott sei zu Zion. ††

Das klang uns schräg im Ohr! Die Lehrer (!) werden mit viel Segen geschmückt?? Waren wir doch einer sich sozialistisch und atheistisch gebärdenden Volksbildung ausgesetzt .. Welcher Lehrer sollte uns da noch mit Segen geschmückt – ausgerechnet den Gott Zions nahebringen? – Gerade deshalb gingen wir doch zu Feurig, um Alternatives zu hören!

Liebe Gemeinde, bei wem haben Sie etwas für’s Leben gelernt? – Bei den Eltern, ja. Bei wem sonst? Und was hat Ihnen das Lernen leicht oder schwer gemacht? Wo gelang es wie selbstverständlich, als wäre es ein Spiel? Und wo war es mühsam und beschwerlich? Und: Warum war oder ist das Lernen daaa langweilig – und dort ein einziges Vergnügen?

Das muss wohl mit einem bestimmten Geist zu tun haben. Mit einem Geist, der uns aufweckt und alle Sinne öffnet. Der zur Begeisterung befähigt. Oder, wenn er fehlt, als Belehrung quält, die keinerlei Interesse zu wecken vermag.

Der Pfingstsonntag gibt Anlass, so zu fragen. – Menschen lassen sich begeistern. Sie öffnen sich, lernen dazu und geben Erfahrenes weiter. Sie brennen für die Sache mit Jesus und selbst fremde Sprachen sind da keine Hürden mehr. Sogar Milieu- und Landesgrenzen werden übersprungen. Religiöse Globalisierung, wenn man das so nennen will. Pfingsten geschieht ansteckende Kommunikation – sie steht am Anfang des Weges der Christenheit hin zu einer weltumgreifenden Kirche. Ist das ein Wunder? Ein Wunder, das sich ganz von oben her ereignet hat!, so malt es Lukas in der Apostelgeschichte seinem ersten Leser Theophilus und damit allen anderen auch vor Augen.

Wir hören heute wieder davon – inmitten von zwiespältigen Erfahrungen mit den Folgen von Globalisierung. Und sind heute mehr Fragende als Begeisterte. Wie selbstverständlich gehört das Christentum zum eigenen Lebensentwurf, aber was es austrägt und ob ich davon zu reden vermag? Das gerät oft unsicher, so, als hätte es kein Pfingsten gegeben. Und, wenn wir an „Kirche“ denken, ist der Gedanke an eine um sich greifende Dynamik nicht gerade naheliegend. Sind wir ehrlich, gestehen wir zu: Viele Geister greifen nach uns. So vieles nimmt uns gefangen.
Es wäre ein großer Schritt, sich davon freizumachen und einfach wieder zu bitten: Komm, Heiliger Geist ..
Es wäre ein Schritt hin zum Wesentlichen ..

Und da ist dieser besondere Geburtstag heute. Gottfried Feurig war NICHT Pfarrer in Loschwitz. Unser Gemeindegebiet aber lag zwischen den Kirchen, in denen er gewirkt hat: In Weißig oben im Hochland von 1955 – 58, dann ab Januar 1959 jahrzehntelang in „Heilig Geist“ in Blasewitz, woher wir die Glocken läuten hören. Gottfried Feurig hat viele Menschen geprägt, auch viele, stelle ich fest, die inzwischen auf dieser Seite des Flusses am Elbhang wohnen. Auch viele, die heute ganz anderswo zuhause sind. War ihnen damals in „Heilig Geist“ im besten Sinn Geist-Licher. Lehrer. Er gehörte zu der Sorte von Gottes Bodenpersonal, die nicht zu wenig Humor mitbekommen hatte. Zugleich wusste er mehr als genug von den Wirrnissen, in die der Mensch im Leben geraten kann. Von den Tücken der Freiheit. Von den Abgründen der Menschenseele. Das Leben selbst und nicht zuletzt die jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Werk von Dichtern und Denkern hatte ihn gelehrt, vom Menschenleben nicht zu schlicht zu denken.

Wenn wir uns heute hier und manche dann später an seinem Grab auf unserem Loschwitzer Friedhof dankbar an ihn erinnern, dann darf wohl mit Psalm 84 gesagt werden: Sein Wirken als Lehrer war mit viel Segen geschmückt! – Das begann für die Kruzianer weit vor 1981 .. deshalb lasse ich hier Hartmut Ritzschel zu Wort kommen ..

(Und er kam hier würdigend zu Wort…)

Pfingsten 2019 singen wir genauso wie zu Pfingsten 1989 vom Geist, der lehret .. Das überlieferte Geschehen lässt nach dem Geist, der uns zu lehren versteht, lässt nach dem Trost und dem Tröster fragen.

Nach ganz Grundsätzlichem also Ausschau halten – damals und auch heute, in dieser Zeit scheinbar großer Beliebigkeit. Wer hört heute noch gern lange zu, ob mir da einer Gedanken entwickelt, die auch mein Leben tragen können? Braucht es erst wieder ein „Gehen im Jammertal“, eine empfindliche Notlage, damit wir, wie es im Psalm heißt: .. daselbst Brunnen graben? Uns also nicht nur nach Freiheit, Glanz und Gloria, sondern nach Tiefe ausstrecken? Die Gabe des Pfingstfestes – sie ist unverfügbar, aber sie fällt, davon bin ich überzeugt, auch nicht einfach vom Himmel. Sie braucht wache, sich nach dem Geist sehnende  Menschen. Und sie wird von empathischen Menschen vermittelt, die uns zu Lehrern werden. Die uns Erfahrungen vermitteln davon, wie wir getrost und getröstet in dieser Welt leben können. Gott segne uns alle mit seinem Geist, dass wir einander zu solchen Menschen werden! Die einander nicht von oben herab belehren – das steht allein Gott zu. Sondern die einander durch ihr Miteinander zum Segen werden! Lernende sind und bleiben wir dabei lebenslang. So lange, bis Gott uns schauen lässt, was wir geglaubt haben.

Jesus sprach zum Abschied: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote befolgen. Und ich will den Vater bitten, Euch einen andern Tröster zu geben, dass er bei Euch sei in Ewigkeit: Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann.

Ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei Euch und wird in euch wirksam sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft erhelle und bewege unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Heiland. AMEN


Konfirmationspredigt 2019, 2

zu Johannes 16, 23 b – 24 / 33 am Sonntag Rogate

Liebe Konfirmanden,

ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier im großen Rund irgendjemanden gibt, der jetzt nicht gute Gedanken für einen von Euch im Herzen bewegt. Oder gleich für Euch alle: Wünsche, die in Erfüllung gehen mögen. Hoffnungen, die wahr werden sollen .. in naher und in ferner Zukunft!

Gute Gedanken werden zum Gebet, wenn wir sie Gott ins Ohr sagen – hier in der Kirche oder irgendwo da draußen, so wie damals – bei Eurer Geburt oder später am Kinderbett.

Bei der Taufe frage ich die Paten ganz offiziell: Werden Sie für Ihr Patenkind beten? Und da hab ich noch immer ein freundlich bestimmtes Ja! gehört. Manchmal zwar aus überraschtem Mund, aber ist diese Frage nicht die selbstverständlichste, die an den Taufstein gehört?

Ich ahne dabei, wie unterschiedlich es unter uns Christen bestellt ist mit der Praxis des Betens. Was dem einen von Kindesbeinen an vertrautes Ritual, als Tischgesang oder als liebgewordene Morgenmeditation, zu dem finden andere keinen Zugang. Oder allenfalls in Form eines Stoßgebets bei heller Aufregung. Dabei hat wohl jeder von uns schon einmal den Satz gehört: Gott ist nur ein Gebet weit von dir entfernt. „Nur“ ein Gebet? Diese Entfernung ist eben relativ.

Der heutige Sonntag trägt den Namen „Rogate!“ Er lockt, diese Entfernung zu überbrücken: Betet! Bittet! Dankt! Bleibt nicht stumm vor Eurem Schöpfer .. Rogate!

Ihr habt als Konfirmanden das „Vater unser“ gelernt, wenn Ihr es nicht sogar schon auswendig konntet, als wir im August 2017 starteten. Das Vater unser ist die Antwort, die Jesus seinen Freunden gab, als sie ihn angingen mit der Frage, die wir alle kennen: Sag, wie geht das – beten? – Da lehrte er sie: So sollt Ihr beten ..! (Mt 6, 9).

Heute lesen wir im Johannes-Evangelium Verse, die gleichfalls das Beten in den Blick rücken: Jesus nimmt Abschied von seinen Freunden. Und legt ihnen ans Herz, was ihn am meisten bewegt: Das Vertrauen zu Gott, den er „lieber Vater“ nennt.

Amen, das sage ich Euch: Alles, worum Ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird er euch geben!
Bis jetzt habt Ihr in meinem Namen noch um nichts gebeten. Bittet – und ihr werdet es bekommen. Dann wird eure Freude vollkommen sein! (Joh 16, 23 / 24)

Ein verführerisches Versprechen, mag mancher denken. Das könnte man ausnutzen wie eine Geldkarte, die mir plötzlich zur Verfügung steht. Was wünsche ich mir gleich einmal – wenn mir alles gegeben wird?

Ja, was sind unsere Wünsche und Hoffnungen? Haben wir überhaupt welche? Oder haben wir schon für alles eine App, für jedes Problem eine Versicherung? Wer gewohnt ist, auf sich selbst zu setzen, wer schon volle Hände und volle Schränke hat, der wird sich schwer tun, um etwas zu bitten. Gar zu beten.

Manche Wünsche und Hoffnungen scheinen zeitlos zu sein. Gewicht bekommen sie, wenn es spürbar an ihrer Erfüllung fehlt. Verleih uns Frieden .. wird dort zum lauten Schrei, wo der Frieden als zerbrechlich erfahren wird. Und andere Wünsche? Täusche ich mich, oder treten materielle Wünsche in unseren Breiten gerade etwas zurück? Es fehlt doch mehr noch an gemeinsamer Zeit, an Gelassenheit, an Stille. Und es kommen Bedrohungen in Sicht, die auch mit unseren Ansprüchen an Freiheit und Wohlstand zusammenhängen.

Not lehrt Beten! hieß es früher. Aber kennen wir noch Not? Manche von Euch sagen: Ich weiß garnicht, was ich mir noch wünschen soll, ich hab doch alles. Andere sehen Nöte, die hinter allem Reichtum lauern.

Vor Wochen schickte mir ein alter Freund der Gemeinde Aufzeichnungen seines Vaters von der Konfirmation 1919 – also genau vor einhundert Jahren! – Darin heißt es:

„Zu Ostern 1919 wurde ich in der Loschwitzer Kirche konfirmiert. Vater spendierte eine feldgraue Hose, die schwarz gefärbt wurde. Dazu erübrigte er (!) noch ein Paar schwarze Schuhe. Auch ein schwarzer Rock fand sich schließlich noch und fertig war der Konfirmand. Außer guten Ratschlägen und dem kirchlichen Segen gab es nichts, was heute so zu einer Konfirmation zu gehören scheint.“

Undenkbar, sich das heute vorzustellen, stimmt’s? Hundert Jahre sind eben eine lange Zeitspanne. Im Vergleich geht es uns anno domini 2019 bestens! Und – wie wird es in hundert Jahren sein? Tragen Konfirmanden dann überhaupt noch Hosen und schwarze Schuh, im Jahr 2119? – Der Segen aber wird es weiter sein, er bleibt das Eigentliche. Er unterscheidet Euer Fest von den sogenannten Weihen Eurer Klassenkameraden. Der Segen – mehr als schöne Worte. Er nimmt ernst, dass wir nicht aus uns heraus leben, sondern Teil der Schöpfung Gottes sind. Und da sind wir beim Gebet.

Wie anfangen, zu beten? Vielleicht mit dem Staunen beginnen, bestimmt aber mit dem Dank – für Licht und Atem, für unsere Freunde. Und später, wenn wir uns ins Danken eingeübt haben, Gott ans Herz legen, worum wir IHN noch bitten wollen.

Wenn wir dabei in Jesu Namen bitten, ist uns schon bewusst, dass Gott kein Wunschbriefkasten ist. Wir werden begreifen, dass Gott, den wir durch Jesus kennenlernen, manchen Wunsch anders erfüllt als wir es erwarten. Dass es erfülltes Leben gibt trotz vieler unerfüllter Wünsche.

Seid Euch bewusst: Ihr selbst seid, so wie Ihr seid, erhörte Gebete Eurer Eltern. Ihr seid, wie wir alle, Gottes Kinder, und die sollten mit ihrem Vater im Himmel reden – nicht nur über IHN. Und IHN erst recht nicht verschweigen!

In unserer Gemeinde denken wir gerade besonders an erhörte Gebete und erfüllte Träume. Das drückt sich in einer kleinen Liedzeile aus: Was müssen das für Träume sein, dass die Kirche in Loschwitz wieder aufersteht. Hoffnung, Leute, betet!

Dieses kurze Lied, das uns unser verstorbenes Gemeindeglied Peter Fücker hinterlassen hat, enthält alles, was zu rechtem Beten gehört: Staunen, Nachdenklichkeit, Zuversicht. Bitte, Dank – und die Einladung zum Mitbeten..

Schön und schwer, wie es eben nun einmal ist, wird nie im luftleeren Raum gebetet. Da sind Trauer und Verlust, da ist überschäumendes Glück.. – Wir beten zu Gott im Namen Jesu. Wir unterscheiden uns darin, dass wir nicht zu einem Heiligen beten, wie es ein immer wieder in unserer Kirche abgelegter Zettel nahelegt, der Judas Thaddäus als ganz besonderen Patron in verzweifelten Fällen empfiehlt. Solche Mittler zu Gott braucht es nicht, sagen wir Evangelisch-Lutherischen.

Und sind doch allesamt immer wieder Anfänger dabei, zu beten. Von uns weg zu sehen. Uns auf DEN zu besinnen, DER uns trägt. Wer kann das?

Gott ruft uns dazu. Ja, wir aber sind Menschen – und können nicht einfach so mit Gott reden. – Am besten tun wir beides: Im Kopf behalten, was wir vor Gott sollen und als Menschen nur schwer vermögen. Und eben damit Gott die Ehre geben.

So ist das Gebet einen immer neuen Anlauf wert. Jesus sagt dazu am Ende dieser Verse:

Das habe ich euch gesagt, damit ihr bei mir Frieden findet. In dieser Welt müsst ihr auch Leid und Schmerz aushalten. Aber verliert nicht den Mut: Ich habe diese Welt besiegt! (V 33)

Liebe Gemeinde, Rogate! Betet! – gerade auch, weil es eine schöne und manchmal schwere Angelegenheit ist. Und wie auch sonst in Beziehungen die Scheu da ist, sich drauf einzulassen. Haben wir es beim Beten doch nicht nur mit uns selbst zu tun. Da gilt der Anspruch, dass wir es wirklich mit Gott zu tun bekommen. Dietrich Bonhoeffer, ein blitzgescheiter deutscher Theologe, hat das vor achtzig Jahren in den Satz gebracht: Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Diesen Satz sollten wir noch einmal meditieren:

Gott wartet auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten – und antwortet.

Solchen Glauben wünsche ich uns allen, nicht nur zum Sonntag Rogate, sondern für alle Zeit des Lebens. Daraus wächst der Mut zum Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4, 7). AMEN

Fürbitten, formuliert von Konfirmanden

Ich danke Gott, dass ich ein gesundes Leben habe, genug Essen und Trinken und dass meine Familie wohlauf ist.

Ich bitte Gott, mich zu behüten auch an den finstersten Tagen. Und dass es zu meiner Konfi gutes Wetter wird. KYRIE

Ich danke Gott für die verschiedenen Charaktere der Menschen, das wir alle unterschiedlich geschaffen und so etwas Besonderes sind.

Ich bitte Gott, dass wir bewusster mit dem Leben umgehen.

Dass wir Menschen aufhören, aneinander vorbeizureden und blind umherlaufen. KYRIE

Ich danke Gott für Pflanzen und Tiere, für das Leben auf dieser wunderschönen Erde, die hoffentlich noch gerettet werden kann.

Ich bitte Gott, dass er mir zur Seite steht und mich vor schlechten Entscheidungen zu bewahren. KYRIE

Ich danke Gott, dass wir heute zusammen diesen besonderen Tag feiern dürfen. Dass ich jeden neuen Tag genießen und in diesem Luxus leben darf.

Ich bitte Gott, dass er es allen Menschen möglich mache, so zu leben. Und uns von heute an weiter im Glauben bestärkt. KYRIE

Ich bitte Gott, mich zu trösten, wenn es mir schlecht geht. Mir viel Kraft zu verleihen.

Ich möchte beten, schenk mir dafür die richtigen Worte. AMEN


Konfirmationspredigt 2019, 1

zu Apostelgeschichte 16, 23 – 34 am Sonntag Kantate

Liebe Konfirmanden, es wird euch nicht überraschen, wozu die Predigt am Sonntag Kantate locken will – zum Singen! Gott zu loben, wo auch immer ich bin. Gott zu preisen, wie auch immer ich mich gerade fühle..

Singen … Ihr wisst, das hat euch hier erwartet! Wenn wir uns donnerstags trafen oder Sonntag morgens, gesungen wurde fast immer. Mal mehr, mal weniger begeistert .. In Eurer Konfirmandenzeit habt Ihr erlebt, wie die Gemeinde ihre Kantorin verabschiedet und um ihren Nachfolger gekämpft hat. Was es in unserer Kirche bedeutet, dass der Glaube ins Singen lockt .. Auch heute klingt es von oben und von unten – ja, Ihr gehört in eine musikalische Gemeinde. Neben Euch haben heute alle Sänger und Sängerinnen ihren Festtag ..

Die spannende Frage ist nur: Warum sollte ich singen? Warum sollte ich mitsingen? Braucht es dafür eine besondere Stimme? Eine ganz besondere Stimmung .. ?

V 23 – 25

Unser Text aus der Apostelgeschichte beginnt heftig: Mit vielen Schlägen! Paulus und Silas, zwei Christen auf Missionsreise, hatten in der Stadt, die sie besuchten, eine Frau geheilt. Doch statt Dank ereilt sie eine Anklage: Sie hätten für Unruhe gesorgt. Da aber Ruhe erste Bürgerpflicht ist, schlägt man sie, steckt sie ins Gefängnis. Eingeschlossen, weggesperrt, hört man sie spätabends – singen. Singen?? Ja, wenn sie wütende Beschwerdebriefe schrieben. Wenn sie Fluchtwege suchten .. Das wäre logisch. Aber nein – sie singen! Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Um Mitternacht, ihrer Gebetszeit, singen und beten sie, auch in dieser vertrackten Lage .. Und anders als andere so laut, dass es auch die hören, die noch vier, fünf Zellen weiter feststecken.

Was könnten wir singen – ohne Noten? Warum sollten wir singen – wenn uns jemand einsperrt? Käme uns da noch etwas über die Lippen? Könnte der Gedanke an Gott uns dann etwas auf die Zunge legen, was hoffen lässt?

Draußen im Leben. Mitten in der Nacht. Eingesperrt mit der eigenen Angst .. ?

Ein Konfirmationsspruch? Ein Liedvers? Ein tröstlicher Gedanke? Was davon tragen wir im Gepäck?

Orgel .. und gemeinsam: Laudate omnes gentes laudate Dominum!

Da geschieht nun wirklich Unerwartetes: V 26 – 34

Wundersam verkehrt sich ihre üble Lage: Die Geschlagenen aus der hintersten Zelle, sie werden zu Ehrengästen. Ein Erdbeben reißt sie und all die anderen Gefangenen aus ihren Ketten. Plötzlich stehen die Türen offen, doch Paulus und Silas – bleiben. Sie bewahren den Aufseher davor, sich das Leben zu nehmen. Sie werden – seine Tischgäste!! Die ehrt er mindestens so sehr wie Ihr heute Eure Gäste. Gibt’s doch da wirklich etwas zu feiern – in Loschwitz und Wachwitz wie eben damals in diesem Philippi! Nicht, dass wir uns selber feiern. Wir feiern eine Freude, die ohne Gott nicht zu denken ist. Das geht nun an Sie, liebe Eltern: Ganz sicher gehört Ihre Tochter, gehört Ihr Sohn heute in die Mitte aller Aufmerksamkeit. Aber eben so, wie wir in unseren Beziehungsgeschichten heute zusammenkommen: Bis hierher hat Sie, hat Euch, hat uns Gott gebracht .. !

In Sichtweite auf Philippi, den Schauplatz dieser Geschichte, wird bis heute gesungen – auf dem Athos reiht sich ein orthodoxes Kloster ans andere.. Ein ununterbrochenes Gotteslob, tags und nachts, erklingt dort, wo Europa das erste Mal mit dem Christenglauben in Berührung kam..

Eben mit dieser (!) Begegnung: Den Wärter traf es in seiner ganzen Existenz: Er gewinnt sein Leben noch einmal: Mit seinem ganzen Haus, mit Kindern und allem Personal, lässt er sich taufen. Weiß sich gerettet, nicht nur für eine Nacht – genauso wie sich Paulus und Silas gerettet sehen. Im Morgenlicht verblassen die Wunden von gestern. Eine Auferstehungsgeschichte ist das .. !?

Liebe Konfirmanden, ja, da ereignet sich Wundersames. Aber: Braucht es erst Fußballabende wie in der vorletzten Woche, um sich über Wunder zu wundern? Gehen nicht manchmal mitten im Leben die Augen über? Unerwartet öffnen sich Türen. Lösen sich Fesseln, lichten sich Nebel. Und das Leben bekommt tiefen Sinn. Sicher spürt Ihr, dass wir mit dem Glauben mehr als auswendig Gelerntes mit Euch teilen. Die Erinnerungen Eurer Konfirmandenzeit wollen Euch locken, in der wunderbaren Gewissheit zu wachsen, dass Gott uns kennt und liebt. Wollen locken, mitzusingen, weil ich mich berührt weiß. Weil DER mein Herz gewonnen hat, dem ich vertraue.

Wir wünschen Euch heute natürlich Schritte in die große Freiheit des Lebens, eine helle Zukunft – keine Gefängnis-Erfahrungen. Dabei weiß jeder: Unsere Welt hat auch Beklemmendes zu bieten! Aber: An Widerständen wachsen wir auch! Das lese ich hier – und erinnere selber so eine Geschichte. Da war ich gerade fünf Jahre älter als Ihr. Bausoldat auf Rügen. Und wirklich in eine Gefängniszelle gesperrt. Wir hatten einen Ausgang genutzt, den befreundeten Pfarrer zu besuchen, mit der Hand die Glocken zu läuten, im Gottesdienst zu singen. Nur: Seine Dorfkirche lag jenseits des erlaubten Gebiets für unseren freien Tag. Das war in der Unfreiheit der kleinen DDR Grund, in einem Matrosenknast eingesperrt zu werden. Ich erinnere mich, dass ich da auch gesungen habe. Bekehrt habe ich damit zwar keinen, oder doch? Mich selber, von der Angst, dort zu verstummen. – Es ist eine Erinnerung wie aus einem anderen Leben.

Alle Zukunft ist offen. Keiner weiß, welches finstere Tal, welche grünen Auen auf uns warten. Dass aber Gott mitgeht, dieses Vertrauen, diese Zuversicht wünsche ich jedem von Euch. Ihr gewinnt es mit Anderen – so, wie Paulus und Silas. Dazu sind wir Gemeinde Jesu, einander zu tragen, wenn es schwer wird. Gott immer neu zu loben, selbst noch im Stimmbruch. Durchs ganze Jahr – vom Advent bis zum Erntedank. Kantate ist der Termin der großen Ermunterung dazu!

Zum Schluss noch ein Wort von Paulus. Eins seiner am häufigsten zitierten. In einem Brief an seine in Philippi gewonnenen Freunde geschrieben, ist es zugleich ein Wunsch für uns alle:

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4, 7). AMEN

Fürbitten, formuliert von Konfirmanden

Ich danke Gott, dass ich eine sehr nette Familie, dass ich Freunde habe. Dass ich geliebt werde und dass ich lieben darf.

Ich bitte Gott, dass meine Oma und mein Opa noch lange leben. KYRIE

Ich danke Gott für Frieden und Gesundheit. Für das frohe Miteinander in unserer Gruppe. Dafür, dass meine Eltern immer für mich da sind.

Ich bitte für ein Ende der Kriege. Dass Kinder überall zur Schule gehen können. Und – dass am Sonntag die Sonne scheint! KYRIE

Die KonfiZeit hat mich mit neuen Erfahrungen bereichert. Hat mir Anstöße gegeben und manchen aufregenden Moment dazu.

Ich bitte Gott darum, dass dieses behütete Leben nicht zerbricht und ich mein Lächeln behalte. KYRIE

Ich freue mich, mit vielen anderen Menschen zur Kirche zu gehören.

Ich bitte dich, dass wir uns nicht verlieren. Dass Du, Gott, uns nah bleibst. Dass Du mich und uns alle immer begleitest und diese Welt  beschützt. KYRIE

Ich kann singen, weil wir frei von Gewalt und Ausbeutung leben. Weil ich mit meinen Eltern über alles reden kann, was mir auf dem Herzen liegt. – Weil Du, Gott, da bist und uns bestärkst! AMEN