Predigt zu Johannes 6, 37-40 am Ewigkeitssonntag 2022

Liebe Gemeinde,

und in ihr besonders Sie, die Sie heute (und immer wieder) von Trauer festgehalten werden:

Der Totensonntag ist ein Tag der Hoffnung! Hier unterm Kirchendach wird uns dies als Wahrheit zugespielt – und es wäre sträflich, sie zu verschweigen. Keine und keinen, den wir vermissen – und wir werden die lange Namensliste dann hören .. – keine und keiner, um den wir trauern, ist verloren! Keine und keiner ist vergraben und vergessen. Nein, bei Gott nicht!!

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen!“ so redet Jesus Klartext. Und gibt damit ein Versprechen, dem Menschen trauen können. Dem ich trauen will! Bei ihm sind wir, sind auch die Toten gut aufgehoben – alle die, an die wir in diesen Herbsttagen und gerade heute denken. – Das eben zitierte Wort, mit dem der Text zur Predigt beginnt, mag uns dabei irgendwie bekannt vorkommen ..

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen!“ Im Januar wurde dies mit Kreide hier vorn auf die Sandsteinplatten geschrieben – Buchstabe für Buchstabe. Übers Jahr zwar zertreten, weiß doch man-cher noch: Es ist die Losung über diesem Jahr 2022, über diesem Jahr, in dem so viel gestossen, so viel hinausgestossen, so viel hinausge-drängt und gestorben wurde.

Nein, bei Gott ist es anders! Gott spielt dieses Spiel nicht mit. Jesus erst recht nicht. ER erwartet die Toten, wo wir nichts mehr für sie erwarten mögen. ER überrascht, weil ER zusagt, daß da noch etwas kommt. Nicht einmal geträumt haben viele Menschen mehr davon..

Mancher von uns sitzt hier und hat sie plötzlich wieder im Ohr: Großartige Verheißungen, längst nicht nur der Musik wegen großartig, Bibelworte, die Johannes Brahms in seinem Deutschen Requiem vertonte: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben .. Wir werden nicht alle entschlafen! .. Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an!

Oder gar das zu Herzen gehende Sopransolo: Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Ja, selig sind die Toten .. Und doch weiß auch ich, wie schwer es manchmal ist, von dieser Seligkeit, von dieser hoffnungsvollen Aussicht zu reden. Wenn die eigene Mutter nicht mehr da ist, die so gut trösten konnte.. Ach, und überhaupt: Da sind so viele Einwände, da bäumen sich Zweifel auf, da ist das Herz manchmal wie leer. Doch: Trost täte so gut!

Was können wir sagen? Was können wir hören?

Auch mir fehlen manchmal die ´richtigen` Worte. Für Streithammel so-wieso. Aber auch angesichts schwerer Diagnosen. Was kann ich sagen? Welche Worte, welche Tonart passt, wenn ein Mensch von einer Krankheit zum Tode getroffen ist? Verschlägt einem nicht schon die Erschütterung die Sprache – lähmt die Zunge, sorgt für den Kloß im Hals? Manchmal hilft dann ein Innehalten, hilft, tief durchzuatmen. Ein stummer Händedruck. Oder eine Umarmung. Grässlich noch die Erinnerung, daß das alles in der Pandemie zum Tabu wurde ..

Oft aber will ich etwas sagen. Will Worte finden, die mir und vielleicht sogar dem Anderen helfen, diese schwere Situation durchzustehen. (..) Manchmal helfen Worte, die schon da sind. Die es schon gibt. Sie fallen einem ein, wenn sonst nichts mehr einfällt. Wenn das Herz von Trauer erstarrt und die Gedanken wie stillstehen.

Bei einem Besuch im Pflegeheim hörte ich eine alte Dame mit ihrer Freundin sprechen. Leise. Unsicher, ob die überhaupt noch hört. Und doch – mutig: Es schienen die letzten Stunden für ihre Freundin zu sein. Was war da noch zu sagen? Hatten sie früher je über das Sterben gesprochen? Jetzt saß die eine da, hielt die Hand der anderen. Wollte etwas sagen. Schien nach Worten zu suchen. Nach einer Weile hörte ich – und wurde hellwach dabei:

„Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun`. Lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“ Dieser Vers von Matthias Claudius. (EG 482, 5)

Ihre Stimme schien zuerst noch unsicher, noch suchend zu sein. Aber mit jedem Wort wurde sie fester – ich merkte, wie ihr die Worte selbst Halt gaben: „Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen  sanften Tod; und wenn du uns genommen, lass uns in` Himmel kommen, du unser Herr und unser Gott.“

Ich weiß nicht, ob die Sterbende das damals noch gehört hat. Aber wenn Worte sie überhaupt noch erreicht haben mögen, dann diese, denke ich.

Die Verse kannte sie bestimmt, genau wie ihre Freundin. Und der tat es gut, so zu sprechen. Tränenden Blickes sah sie mich an. Aber eigentlich sah sie ganz getröstet aus. – Eigentlich ist es gar nicht so schwer, die richtigen Worte zu finden. Sind die doch schon da ..

Ja, ich spüre es selbst, wie schwierig es scheint, von der Ewigkeit zu sprechen. Ohne Scham. Aber auch ohne falsches Pathos. Auch die Bibel redet ja eher in Bildern. Sie deutet an – wie auch dieses abstrakte Versprechen: „ .. den werde ich nicht hinausstoßen!“

Um dem zu trauen, bedarf es der Bilder, auch der Kunst – in Musik und Wort – oder etwa einer Grabskulptur wie dem ´Pilger`, der am Himmelstor anklopft – unser berühmtestes Loschwitzer Grabmal. Und die Konfirmandinnen und Konfirmanden lernen es alle kennen ..

Wir können nicht sagen: Genauso wirst auch Du und Du und Du dereinst stehen und klopfen. Nicht-Sagbares steht uns mit diesem Grabmal vor Augen, aber eben doch – die Wirklichkeit des Lebens vor Gott. Sie ruft uns ins Vertrauen. Im Resonanzraum der Liebe Gottes entdecken Menschen, wie sie geleitet werden, durch alles hindurch und selbst über den Tod hinaus ..

Solche Hoffnung will das Johannesevangelium stiften. Neuer Lebensmut erwächst nicht, weil die Zeit Wunden heilt. Nein, sondern weil uns Frieden von Gott her zukommt! Daß der Tod und die eigene Sterblichkeit uns angehen, heißt noch nicht, daß das Leben im Dunkel enden muß.

Wer solche Hoffnung in sich wecken lässt, muß vom Hier und Jetzt nicht alles erwarten. Nicht einmal von den achtzig oder neunzig Jahren des Lebens. Der kann dankbar annehmen, was das Leben bereithält. Kann das Gute und das Böse, was ihm widerfährt, gewichten. Wird Freude und Schmerz fühlen. Und neues, ewiges Leben bei Gott erwarten. Wir alle sind Erwartete. Und verheißen ist uns, daß am Ende nicht Tränen stehen: Sie werden getrocknet – die Tränen über Erlittenes. Die Tränen über alle Erfahrung, hinausgestossen zu werden. Und mancher – mancher auch unter uns – wird sie kennen!

Gott allein wird entscheiden, wer außen vor bleibt. Vielleicht ja nicht nur die Gleichgültigen, sondern auch die, die andere hinausstossen? Die klugen und die törichten Jungfrauen im gehörten Gleichnis (Mt 25, 1 – 13) wissen davon zu singen.

Hier und jetzt sind wir gerufen, uns der Liebe Gottes zu versichern, die unsere Sinne und unser ganzes Leben hell machen will. Die uns zu Menschen verwandeln will, die annehmen und einladen, die andere nicht wegstossen. Denen soll ein Licht aufgehen, bald, im Advent, und später die Ostersonne alles Finstere überstrahlen.

Denen – und Gottes Liebe reicht weit: Orientiert sich nicht an den Schö-nen und Reichen, sieht genauso die vielen Ungenannten und Unge-kannten. Dennoch seien uns wie jedes Jahr auch heute einige prominente Zeitgenossen exemplarisch erinnert, die 2022 aus dieser Welt gegangen sind ..

.. nach ihrem Gemahl im vergangenen Jahr nun Queen Elisabeth II., die Fußballer Dixie Dörner. Uwe Seeler und Joachim Streich, der Dichter Thomas Rosenlöcher, der Thomaskantor Georg Christoph Biller, der Zeichner Ali Mitgutsch, der Fernsehmoderator Fritz Pleitgen, die Politiker Madeleine Albright, Shinzo Abe, Michail Gorbatschow und Werner Schulz.

Die Gott lieben werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht. (SVH 31).

Laßt uns darauf hoffen, davon singen – auch noch an Gräbern!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, erhelle und erwärme unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus! AMEN


Predigt zu Jesaja 49, 1 – 6 am 17. Sonntag nach Trinitatis, 9. Oktober 2022

Liebe Gemeinde,

ich suche mir die Predigttexte dieser Wochen nicht aus, sie sind vorgegeben. So war der Text zu Erntedank vorgegeben, der in allem Wohlstand und Überfluss, den Menschen erfahren, mahnte, sich zu hüten, seinen Gott nur ja nicht zu vergessen. Der Dankbar-keit empfahl und Demut lehrte. Stimmts, es ging mit Hartmut Rosa um Unverfügbarkeit!? sprach mich im Nachgang eine Hörerin an, die gebannt  zugehört hatte, wie sie sagte – und das Gehörte mit ihrer aktuellen Lektüre abglich..

Auch heute geht es gewisser Maßen um Unverfügbarkeit: Ein Mensch hat aus sich heraus nur begrenzte Ressourcen. Und dieser Mensch, den Jesaja vorstellt, empfindet sich am Ende: Erschöpft, ausgelaugt, fragt er sich, ob er sich gar umsonst gemüht hat, seine Kraft nutzlos verzehrt wurde – obwohl er sich doch von Gott berufen weiß.

Noch einmal: Auch in dieser Zeit suche ich mir Predigttexte nicht aus, sie sind vorgegeben! Nur springt uns womöglich eben ins Auge, was da steht ..

Und so lasse ich mich vom Predigttext auf diese Spur setzen und nehme Sie, wenn Sie mögen, mit ..

Höret auf mich, ihr Gestade, und merket auf, ihr Völker, von fernher! Von Geburt an hat mich der Herr berufen, meinen Namen genannt vom Mutterschoß an. Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, barg mich im Schatten seiner Hand; er machte mich zum glatten Pfeil, versteckte mich in seinem Köcher und sprach zu mir: Du bist mein Knecht, durch den ich mich verherrliche. Ich aber sprach: Umsonst habe ich mich gemüht, um nichts und nutzlos meine Kraft verzehrt; und doch – mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. Nun aber spricht der Herr, der mich von Mutterleib zu seinem Knecht gebildet, um Jakob zu ihm zurückzubringen und Israel zu ihm zu sammeln – ja, ich bin geehrt in den Augen des Herrn und mein Gott ward meine Stärke – er spricht: Zu wenig ist es, daß du mein Knecht sein solltest, nur um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzubringen; so will ich dich denn zum Lichte der Völker machen, daß mein Heil reiche bis an das Ende der Erde.

Große Worte, nachdem sie zuvor so resigniert klangen! Was für eine immense Aufgabe nachdem doch die bisherige offensichtlich ins Scheitern führte .. ?!

Da klingen Zweifel an, Enttäuschungen. Vergeblichkeitserfahrungen. Wer kennt die nicht? Und schon deshalb wird der ferne Text zu einer Einladung, hinzusehen, was das Leben uns Menschen bereitet, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist – die Wirklichkeit unserer Welt, die Wirklichkeit der Kirche genauso wie die Lebenswirklichkeit der Menschen, die versuchen, in dieser Zeit als Christenmenschen unterwegs zu sein. Ja, Gott! AMEN! Zugleich jedoch auch ein Aber: Und die nachgeschobene Frage: Warum so viele Zweifel? Warum immer wieder die Erfahrung von Vergeblichkeit „Umsonst habe ich mich gemüht, um nichts und nutzlos meine Kraft verzehrt ..“

Ich könnte auch das etwas sperrige Wort „Glaubensambivalenzen“ bemühen, das ich jüngst hörte: Es beschreibt, wie mitten in die Freude des Glaubens die Erfahrung einbricht, daß das bröckelt, was doch Halt geben sollte. Und genauso – daß das Mut macht, was eben noch fragil und unsicher schien. Der Glaube und sein Bruder, der Zweifel, kennen die sich? Gehen sie vielleicht auch bei Ihnen ein und aus. Oder etwa nicht? Bestätigen Ihnen die tagtäglichen Erfahrungen die Güte und Schönheit Gottes? Oder lassen Ihre Tages-Erfahrungen in ihnen den Zweifel nagen, ob da überhaupt ein Gott ist. Gar einer, der segnet und rettet und hilft?

Keine neuen Fragen in einer scheinbar durch und durch säkularen Zeit sind das, sondern Fragen, deren Relevanz weit zurückreicht – hier in die prophetischen Bücher des Alten Testaments. Der ´Knecht Gottes` – so ist der Abschnitt überschrieben – der Knecht Gottes wird da ins Gespräch gebracht als einer, der ganz zu seinem Gott steht und dabei ins Leid und in die Ohnmacht gerät. Zugleich ist dieser Knecht für uns heute als ein Beispiel aus der langen Geschichte Gottes mit seinen Menschen anzusehen, die in und mit seinem Licht unterwegs sind.

Dieser Knecht, um den es hier geht, vergewissert sich seines Auftrages. Immer dann, wenn alles infrage gerät, wenn das Selbstverständnis gar ins Rutschen kommt, ist es hohe Zeit, dies zu tun: Sich einmal unverstellt zu fragen: Warum tue ich dies – und backe nicht Brötchen oder repariere hauptberuflich Fahrräder. Dies hat nichts mit einer Nabelschau zu tun. Aber jeder Mensch und gerade der Angefochtene bedarf solchen Innehaltens, solcher Reflexion: Was tue ich da? Und für wen? Und wer dankt es mir? Und wie geht es mir damit .. ?

Der Gottesknecht nimmt die Welt um sich herum mit wachen Augen wahr – die nahe und die ferne Welt, alles, und nichts entgeht ihm.

Er wischt die so unterschiedlichen Rückmeldungen, den bestätigenden Applaus und die verunsichernden Kritiken nicht einfach weg, die mit seinem Reden und Wirken, seinem Sich-zu-Wort-Melden und Eintreten für die Welt und ihre Menschen einhergehen. Ja, er scheint es nicht jedem recht zu machen. Wer könnte das schon? Wer macht es wem warum recht??

Er benennt seine Frustration – frustra heißt vergeblich. Er sieht es sich an – das Scheitern, in dem er sich wiederfindet. Und führt darüber auch Klage. Doch wichtiger ist ihm, sich gerade in diesen Situationen seiner Berufung zu versichern.

Ich erinnere mich daran, daß mich eben gerade, im August vor wenigen Wochen, ein Brief des Landesbischofs erreichte, der mir zum 25-jährigen Ordinationsjubiläum gratulierte. Der mich meiner Berufung versicherte. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt .. – dieses Bibelwort war da zitiert und es traf mich. Und dieses Sich-Getroffen-Wissen tat gut!

Und dennoch: Erfahrungen von Vergeblichkeit, von Scheitern, lassen sich nicht einfach wegstecken. Damals wie heute. Wenn diese Erfahrungen nicht verschluckt, sondern benannt, sogar öffentlich benannt werden, horchen viele auf. Es geht da nicht darum, ein Loblied auf die Er-Schöpfung zu singen. Oder darum, einem verantwortungslosen Umgang mit den eigenen Kräften das Wort zu reden. Nein, aber ernst zu nehmen ist die Wahrnehmung, daß die Früchte des Wirkens immer wieder einmal verborgen bleiben, sich nicht so wie gewünscht einstellen .. Dem Gottesknecht in Jesaja 49 wie allen anderen geht dies so, allen anderen, die Gottes Wort zu hören und zu folgen suchen. Und auch helfende Hände und gute Geister können daraus nicht immer verläßlich retten. Rätselhaft?! Und doch die Wahrheit: Nicht für alles und jedes ist ein Schutzengel abgestellt .. !

Und doch: Der lebendige Gott hat seinen Menschen versprochen, sie nicht sich selbst zu überlassen. Er erinnert sich ihres Namens, will sie bei sich bergen. Er nimmt nicht zurück, was er umsonst und aus Gnade geschenkt hat. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es (Röm 11, 29).

Innerhalb der Klammer seiner Berufung (Vers 1) und einem weit ausgreifenden Hoffnungsauftrag, Licht der Völker zu sein (Vers 6), klingt eine außerordentliche Bandbreite von Erfahrungen an: Beglückende wie tief kränkende ..

Der, um den es geht, scheint kein glänzender Held zu sein. Wer ist das schon? Um einen Auftrag geht es, dem er sich stellt, ohne Applaus erwarten zu dürfen – im Gegenteil: Dieser Auftrag bringt ihm Gegnerschaften ein, es sind geradezu militärische Metaphern  – scharfes Schwert / glatter Pfeil – , die dies andeuten .. Und deutlich sind vor allem die Erfahrungen angesprochen, die lieber verborgen werden: Das offensichtliche Scheitern, das Menschen erleben und erleiden, die mit ihrem Anliegen besonders engagiert sind.

Bei einer Tagung, die von Donnerstag bis Samstag in Dresden stattfand, ging es sehr um die Frage, was einen Menschen gesund sein und bleiben läßt. Und welche Verhältnisse, welche Worte, welche Energien kränken und krank machen. Angesichts des Erlebens und Erleidens des Relevanzverlustes von Kirche und Glaube, des Wertewandels ist immer wieder zu beobachten, daß die, die sich zur Kirche halten, sich leider zu wenig wechselseitig bestärken. Sich mit freudigen Nachrichten motivieren und beglücken .. Sondern daß da eine Art Selbst- und Fremdverletzung stattfindet – statt sich an den Auftrag und die Berufung zu erinnern, wird ein Schuldiger für dies und das gesucht, bei Anderen, manchmal auch bei sich selbst. Und so die Kraft, auch die Kraft der Gemeinsamkeit beschnitten.

Auch der Knecht Gottes könnte diese Versuchung gekannt haben – so viel geschieht und ist doch umsonst geschehen! Könnte ein Jammerlied anstimmen.

Doch da geschieht – wie auch immer – eher ja nicht per Bischofsbrief – eine neue Vergewisserung: Gott ist da! Und hat mich berufen! Darum kann ich Schwerem trotzen, kann es mit Schwierigem aufnehmen. Trage ich es doch nicht allein! Ist doch Gott meine und Deine Stärke! Gott sei Dank ist das so!

Und der unverfügbare und doch verheißene Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft, erhelle und bewege unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn! AMEN ..


Predigt zu 5. Mose 8, 7 – 18
zu Erntedank / Kirchweih 2022 in Loschwitz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (Amen)

Lasst uns in der Stille beten. (Gebetsstille)

Herr, hab Dank für gute Erinnerungen! Und erinnere uns an die Dankbarkeit. Amen.

»Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter. Die wusste gar nicht, was alles sie dem Kind geben könnte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt. Und weil ihm das so wohl stand und es nichts anderes mehr tragen wollte, hieß es nur das – Rotkäppchen. Da sagte seine Mutter einmal zu ihm: ›Komm, Rotkäppchen, da hast du einen Kuchen und ein Flasche Wein, die bring der Großmutter hinaus. Sie ist krank und schwach, da wird sie sich daran laben. Sei hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du, und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts.« Und Rotkäppchen ging, lief auf geradem Weg durch den finstern Wald. Sie ignorierte die Blumen vor ihren Füßen und den Wolf auf der Lichtung, gelangte zum Haus der Großmutter und aß mit ihr in Ruhe Kuchen, Stück für Stück.«

Liebe Gemeinde, es könnte so schön sein, das Leben! So einfach, wenn man immer auf dem geraden Weg bliebe. Es könnte so schön sein, wenn man gut gemeinte Warnungen immer ernst nehmen würde. Es könnte so schön sein, wenn man sich selbst immer so im Griff hätte wie dieses moderne Rotkäppchen. Ja, das Leben könnte schön sein – und frei von Konflikten. Könnte es das? Das Leben spielt oft anders. Die schönste Geschichte kann ein böses Ende nehmen – ein Märchen sich zum Drama entwickeln ..

Trotz ›Ende gut, alles gut‹. Wenn es am Ende eines Märchens heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Dann deutet sich die Wechsel-haftigkeit des Lebens an. Anders gesagt heißt das ja: »Selbst im Märchen leben sie nur, wenn sie nicht gestorben sind.« Nein, es gibt keine Sicherheit. Und kein beständiges, dauer-haftes Glück. Aber es gibt die Hilfe eines ganz Anderen, um nicht vom Weg abzukommen. Und abzustürzen. Daran erinnert der heutige Predigttext. Er steht im fünften Buch Mose, im achten Kapitel. Und handelt vom Volk Israel, das von Gott auf direktem Weg aus ägyptischer Knechtschaft in die Freiheit geschickt wurde. Doch wie Rotkäppchen im Märchen hielt es sich nicht an die Anweisungen seines Sorge tragenden Gottes. Geriet so in die Wüste und fand kaum heraus. Kam unterwegs immer wieder vom Weg ab, irgendwann aber doch an die Grenze des versprochenen neuen Landes. Mose, ihr Führer, dem das unerträgliche Murren und Klagen in den Ohren und schwer auf dem Herzen lag, Mose sprach dort so zum Volk:

»7Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. 11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. 17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.« Wie gesagt, liebe Gemeinde, es könnte so schön sein, das Leben! Ein märchenhaftes Land ist versprochen. Wirtschaften und Geniessen, Bergbau treiben, Schätze ausgraben und gedie-gen wohnen – alles ist darin möglich. Es könnte so schön sein. Auch ich bin hier in Loschwitz mit dem Satz „Willkommen im Vorhof des Paradieses!“ begrüßt worden .. Doch das Leben spielt anders. Und auch die Bibel weiß davon. Ähnlich wie die Mutter das Rotkäppchen warnt Mose das Volk: »Hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, […] er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen«.

Wer glaubt, dass der eigene Wohlstand dem entspringt, was einer geleistet hat, der vergisst: Die eigene Leistung ist so gut wie nie einzige Voraussetzung für Wohlstand: Bildung, Mut oder Ausdauer hängen vielmehr vom Umfeld ab, von glücklichen Umständen, von dem, was mir mitgegeben wurde, wesentlich mehr als von mir selbst. Auf Gesundheit, fruchtbaren Boden und sicheres Wohnen habe ich nur mäßig Einfluss. In einem Land geboren zu werden, in dem für all das gesorgt wird, ist nicht mein Verdienst. Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir mit Sicherheit nicht gewon-nen, was ich mein nenne. Wir nutzen, was Gott sei Dank, Generationen vor uns aufgebaut haben – auch diesen schönen wiedererstandenen Raum. Und mögen heute auch an die denken, auf deren Schultern wir stehen und es besser oder schlechter vermögen, Kirche zu bauen. Gibt es doch keinen Anspruch darauf, dass alles immer so bleibt. So gut, so schön, so einfach.

Wir leben in Frieden – leben wir in Frieden? Wir feiern ein Fest – ist uns festlich zumute? Wie brüchig das friedlich-freundliche Miteinander sein kann, erleben wir derzeit akut – im Herzen Europas. Nein, es gibt keine Sicherheit, daß alles gut ist und bleibt. Aber es gibt die Stimme jenes Anderen, ganz Anderen. Mose ruft sie in Erinnerung, damit die Menschen und auch wir nicht vom Weg abkommen.

Die Frage, wie wir Erfahrungen, mit denen wir leben, fortschreiben, stellt sich an jedem Morgen neu: Wie Rotkäppchen im vertrauten Märchen, das sich vom Wolf verlocken lässt? Oder wie Rotkäppchen in der modernen Fassung? Wie Israel, das über seinen Ansprüchen und in seinem fortdauernden Murren Gott immer wieder vergaß – und darauf in seiner Geschichte sein Land und alle Sicherheit einbüßte? Wie unser Land, das einst in einer grotesken Selbstüberhebung seines Führers und aller, die ihm folgten, Gott und Menschlichkeit vergaß, in die Irre ging und daraufhin auch Land und Sicherheit einbüßte? Oder schreiben wir unsere Lebensgeschichte und die unserer Gemeinde, unserer Stadt, unseres Landes fort – in Dankbar-keit für alles, was wir sind und haben? In Demut vor Gott, der uns kennt und sieht – uns den Lebensatem und auch sonst alle gute Gabe schenkt? Und so in Verantwortung stellt? Auch Gottes Treue verschafft natürlich keine Sicher-heit im Sinne von: Alles darf bleiben, wie es ist. Das zeigen die Geschichten der Bibel eindrücklich. Gott begleitet das Volk Israel in die Veränderung: Raus aus Ägypten, hinein in ein Land, das gestaltet, bebaut und bewahrt sein will. Doch ohne Gott gibt es mit Sicherheit keine Sicherheit. Keinen Halt in Lebensangst und Unsicherheit. Blubbernde Blasen aus dem Untergrund der Ostsee – sie sind Realität und zugleich ein Bild für das, was ist.

Gottes Treue ist für den Glaubenden die einzig wahre Kon-stante – im Leben wie angesichts unserer Vergänglichkeit. Ohne Gott bleibe ich auf mich allein gestellt in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren, Lauteren, Einflußreicheren regiert. Der scheinbar Schwächere wird vom bösen Wolf gefressen. Das zeigt das originale Rotkäppchen eindrücklich. Es sei denn, es gibt Hilfe von außen. Im Märchen ist es der Jäger, der Großmutter und Rotkäppchen rettet und das Leben wieder schenkt. Unvermittelt und unerwartet taucht er auf, gleichsam aus dem Nichts. Sie erinnern sich! Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch .. Dieses Wort des Dichters Hölderlin berührt nicht ohne Grund: Es ist eine Ermutigung, vergleichbar dem DENNOCH der biblischen Psalmen oder der Heilungsgeschichten, die sich mit Jesus verbinden. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch .. DAS kam in Corona-Zeiten wieder in Erinnerung – mindestens als Frage, was Zuversicht schenken kann. Was Resilienz wachsen läßt. Trotz der Langlebigkeit dieser Seuche, trotz immer neu sich einstellender Krisen ..

Mancher wird sich auch an Momente erinnern lassen, in denen jener ganz Andere im Rückblick unvermittelt, unerwartet und wie aus dem Nichts wirkte: Im Herbst ´89, als eine friedliche Revolution die Grundlage für ein aussichtsreiches Leben legte. Und auch den Wiederaufbau dieser Kirche in greifbare Nähe rückte. Im Sommer 1988, so hörte ich, hatte sich keiner in der Runde vorgestellt, bereits sechs Jahre später am Ziel der Wünsche zu sein!

Oder erinnern Sie den Namen Stanislaw Petrow, Offizier der Sowjetarmee? In der Nacht zum 26. September 1983 verhinderte er das Ende der Welt in einem Atomkrieg. Als die Überwachungssysteme einen atomaren Erstschlag der USA meldeten, stufte er diese Meldung siebzehn lange Minuten als einen Fehlalarm ein, der es auch tatsächlich war, anstatt die eigenen Nuklearraketen zu aktivieren und den Generalstab zu benachrichtigen. »Ich wollte nicht schuld sein an einem Dritten Weltkrieg«, sagte Petrow Jahre später.3

Wie hören wir das heute? –

Hüte dich, deinen Gott zu vergessen! (..)

Es ist nicht selbstverständlich, heute hier zu sitzen, zu atmen, lebendig zu sein. Darin Gottes Wirken zu sehen, wäre die Haltung des Glaubens: In der großen Weltgeschichte von Anbeginn der Menschheit über das Volk Israel bis heute, genauso wie im Wachstum eines jeden kleinen Samenkorns zu einer Ähre, aus der weite wogende Kornfelder hervorgehen. Und sich an diese anhaltende Unverfügbarkeit  zu erinnern: Darum geht es zu Erntedank. Es ist eine Erinnerung, die dankbar macht, und eine Dankbarkeit, die aus der bewußten Erinnerung kommt: Ja, so ists! Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn! Davon haben wir gesungen. Das mag sich uns einprägen und unser Tun und Lassen, Reden und Schweigen wird anders, wird viel demütiger daherkommen.

Hüte dich, deinen Gott zu vergessen! Gehe in dich, Mensch. Freu dich an Kuchen, Salat und Gespräch, an Musik, Wein und Brot und Trauben. Aber sieh auch, was Dein Gott von Dir erwartet im zerbrechlichen Miteinander einer Gemeinschaft wie der unserer Gemeinde am Elbhang – wie der Weltgemeinschaft, die wieder hinein in die Angst vor einem atomaren Erstschlag gerät.

Hüte dich, damit Du behütet wirst!

92 Jahre alt geworden ist letzte Woche der Mann, der mir vor Tagen auf seinem Cello den barocken Choral spielte ..

Gott lebet noch, Seele, was verzagst Du doch? Gott ist gut, der aus Erbarmen alle Hilf auf Erden tut,
der mit Kraft und starken Armen machet alles wohl und gut.
Gott kann besser als wir denken,
alle Not zum Besten lenken
Seele, so bedenke doch: Lebt doch unser Herr-Gott noch!

Es tat gut, daran erinnert zu werden!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, komme wieder – und bleibe, jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. (Amen)


Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis,
18. September 2022 zu Jes 12, 1-6

Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich, doch dein Zorn hat sich gewendet und du tröstest mich!
Siehe, Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und ist mein Psalm und ist mein Heil.
Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
Und werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn! Ruft an seinen Namen! Macht kund unter den Völkern sein Tun. Verkündigt, wie sein Name so hoch ist!
Lobsingt dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!
Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Gemeinde,

wer kann so reden? In solch hohem Bekenntniston? Solchen Jubel auf der Zunge? Der Prophet Jesaja vor 2 tausendachthundert Jahren? Auch der vermochte es nicht immer. Doch er legte sich und uns Worte zurecht für einen Augenblick, der noch aussteht:

Zu der Zeit wirst Du sagen ..

Du? Und Du! Und ich auch? Ich danke Dir, Herr! Vielleicht schaffen wir das in unserer Zeit noch gemeinsam: Ich danke Dir, Herr!?

(Die ganze Hörergemeinde spricht es da capo)

Danach wird es schon anspruchsvoller:

Du bist zornig gewesen über mich, doch dein Zorn hat sich gewendet .. Die Zeile ist nicht nur länger. Sie fordert auch anders heraus: Bringt Gottes Zorn ins Gespräch. Bezieht ihn auf sich und dich und mich ..
Ein ganzes Buch von Fragen blättert da auf: Gottes Zorn? Was ist das? Wie steht der zur Liebe Gottes und zu seinem Erbarmen? Was löst ihn aus? Welche Gewissensbisse werden erinnert, welche verpassten Gelegenheiten in welcher Hirnhälfte aufgerufen? Worüber mag Gott den Kopf schütteln – unendlich traurig, ärgerlich, zornig .. Über uns etwa? Gottes Zorn .. da wird das Meditieren ungemütlich .. auch wenn der Vers noch tröstlich endet:
Siehe, Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und ist mein Psalm und ist mein Heil.

Die Beter unter Ihnen mögen sich erinnern.. genau so hießen die Worte der Losung am Dienstag ..
Im Brustton der Überzeugung lesbar, herzerwärmend für den Frommen. Am Körnerplatz unter kirchenfremde Menschen gerufen, könnten sie allerdings seltsam anmuten:
Siehe, Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und ist mein Psalm und ist mein Heil.

Solch ein stolzer unangefochtener Glaube? Wie ein Pferd, auf dem sich wacker reiten läßt? – Der Glaube als Kreuzzug, der im Triumph daher-kommt, glänzend, doch auch in Gefahr, vom hohen Ross zu fallen. Plötzlich wäre er dann nur noch Attrappe, nur noch Überschrift über einem mißratenen Text.

Er kann aber auch – sehr anders – aus tiefer Erfahrung geronnen sein, der Glaube. Dann wäre der Ton anders, in dem er sich hören lässt:

Siehe, Gott ist mein Heil. Nichts und niemand sonst. Der Herr ist meine Stärke und ist mein Psalm und ist mein Heil.

Die Frau im Krankenbett. Der auf seinem Berufsweg Gestrauchelte. Der Eingesperrte. Die Überforderte. Der Hochbetagte. Die Enttäuschte ..
Sie alle könnten entdecken: DER HERR ist mein Heil. Bei IHM bin ich geborgen, was auch geschieht. Wie sehr meine Ängste in den Himmel wachsen. Was auch an mir zieht und zerrt: ER ist meine Macht – noch unter Vollnarkose! ER ist die Kraft, der ich jeden Morgen neu trauen will.

In sogenannten Freunden, ja, da kann man sich täuschen. Geld und Gut sind der Inflation und Rezession ausgesetzt. Aber: Der Herr ist meine Stärke. Und mein Psalm – er ist das Lied, das ich singen will. Die Melodie, in der ich atme, die mich wieder ins fröhliche Loben lockt. Gott ist – Musik! Und bestimmt nicht nur als das nette Lied aus JG-Zeiten zur Gitarre zu hören: DER Herr ist noch mehr als Gras und Ufer, Wind & Weite .. Noch anders muß es tönen: Mindestens wie im beseligten „Christ, der Retter ist da!“  im Heiligen Abend, aus voller Kehle von Empore zu Empore gesungen in der Stillen und doch nicht stillen Nacht. – Dann gleich nach der Predigt werden wir einen lauten Dankchoral anstimmen ..

Jetzt aber weiter im Text, den Jesaja hinterlassen hat:

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
(Wasser vom Taufgedenken im Taufstein mit den Händen schöpfen..)

Als Gemeinden bewahren wir Heilsbrunnen – in der Taufe und im Abendmahl, in den Sakramenten und in dem, was sie unter uns stiften. Mögen sie frisches Wasser enthalten! Wasser, das nicht verdunstet, nicht schal geworden ist, nicht zu viel verspricht ..!

Wasser schafft Leben – Wasser zerstört es auch. Ob an der Elbe oder an der Ahr. Viel katastrophaler noch derzeit in Pakistan: 1.300 Menschen ertranken, zwischenzeitlich stand ein Drittel des Landes unter Wasser!

Allen Warnungen zum Trotz, geht die menschengemachte globale Erwärmung Schritt für Schritt weiter, verschärft die Ungerechtigkeiten zwischen Süd und Nord, Reich und Arm. Wir in der Komfortzone wachen erst auf, wenn der Gaspreis steigt. Die verdorrten Elbwiesen sind doch schon wieder so schön grün ..
Den Zorn Gottes – ich kann ihn mir eindrücklich vorstellen angesichts von Ungerechtigkeiten, die kein Schicksal sind. Damals in Juda und Israel, heute in der globalen Perspektive. Gott, so wie er uns in der Bibel vorgestellt wird, Gott erwartet Menschen, die umkehren, die der Selbst-täuschung widersprechen, die sich zum Tun des Guten, zu Verände-rungen entschließen.
Wasser ist dabei beides – Ausdruck des Zorns UND der Rettung. Seinem Volk unter Moses Leitung ebnet Gott den Weg in die Freiheit, führt es durchs rauschende Wasser, durchs Schilfmeer hindurch. Und lässt es auch in der Wüste nicht allein, nicht verhungern, nicht ohne Orientierung. Die Thora, Gottes Gebote, werden als ´das Wasser` vorgestellt, aus dem Menschen schöpfen: Im 5. Mosebuch heißt es, autorisiert als Gottes Stimme:

„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen.“

In diesem Danklied, liebe Gemeinde, ist sich Jesaja so sehr gewiß, sprudelnd vor Freude gewiß, daß es eines Tages Gründe genug dafür gibt, Gott für seine Barmherzigkeit zu danken. Immer wieder ist sie größer als sein Zorn – der währt einen Augenblick, heißt es im 30. Psalm, dagegen lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währt das Weinen / aber des Morgens die Freude .. 

Mag das so in unser aller Leben erkennbar werden! Und damit die Freude auch in Klinikbetten und hinter Gefängnismauern einkehren, unter Depressiven und Desorientierten, bei Streithähnen und in den Herzen der alt Gewordenen. Freude – und Dankbarkeit für diesen lebendigen leidenschaftlichen Gott, der uns in Jesaja`s, aber dann eben auch in Jesu Worten begegnet. Dem an uns liegt, und dem wir uns und unsere Kinder im „Heilsbrunnen“ anvertrauen.

Frisches Wasser schöpfen, das den Kopf kühlt, Schuld abwäscht, den Durst nach Gerechtigkeit stillt und – weckt. Neues Leben wachsen lässt.

Kühl und erfrischend aus der Quelle, die Gott selbst ist. Eine Vision ..

.. die manchmal sehr in die Ferne rücken mag – im Leben eines Einzelnen, im Kontext einer konkreten Gemeindesituation. Und die doch so wesentlich ist, damit wir unsere Bestimmung nicht verlieren. Die träumen lässt. Und zu Neuanfängen verlockt.
Jesaja erwartet später kein geruhsamer Lebensabend am Elbhang. Ganz und garnicht. Er stirbt einen Märtyrertod unter König Manasse. Dunkel also scheint sein Weg zu enden. Und dennoch ist sein Lied unter uns, wird er und die Hoffnungsspur, die seine Verse leuchten lassen, zitiert in unseren Kirchen, nicht nur zu Advent und Weihnachten.
Und so auch heute – hier, in verregneten frühherbstlichen Tagen, in einer Zeit des Streits und der Polarisierung da draußen und hier drinnen.

Zu der Zeit – und sie wird kommen – wirst du sagen: Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich, doch dein Zorn hat sich gewendet und du tröstest mich!

Siehe, Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und ist mein Psalm und ist mein Heil.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft, erhelle und bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn. AMEN


Predigt im Elbhangfest 26. Juni 2022 zu Jona 3, 1 – 10

Liebe Gemeinde,

ja, manchmal feiern wir mitten im Tag .. so wie wir eben sangen, so wie jetzt, miteinander und unter Gottes Augen. Und haben dabei unsere Welt im Blick.

Das Elbhang-Festmotto ´Phantasie` .. weckt nicht nur exotisch bunte Schmetterlinge auf, die uns von Plakaten entgegenleuchten. Lässt Faszinierendes erscheinen – wie die Luftakrobaten gestern nacht an der Elbe. Phantasie öffnet genauso auch die Riegel, hinter denen das Schwere lauert. Plötzlich wird es vorstellbar.

Und – es braucht garnicht viel Phantasie .. angesichts der Kriegsbilder, die uns Tag für Tag erreichen, Schweres, Dunkles, Drohendes vorzustellen.

Ganz viel Phantasie wiederum braucht es dafür, daß Schrecken eingefangen, Ängste gebannt werden – und Menschen sich bei Gott bergen. Sich vorzustellen, daß Menschen einander einfach nur mehr beglücken.

Nach der rauen Stimme des Täufers am Johannistag treffen wir heute auf einen ängstlichen Prediger. Auf Jona. Dem fehlt es an Phantasie. Er kann sich nicht vorstellen, laut die Wahrheit, die unangenehme Wahrheit, zu sagen – und damit auf offene Ohren zu stoßen.

Ein solcher Prediger wird doch nie gehört, stimmts? So tickt unsere Welt nicht? Selbstverständlich hast Du Recht. Aber: Das Jonabuch ist eine einzige Auseinandersetzung mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Nichts bleibt, wie es ist. Das gilt für Jona, aber auch für die Leser und Hörer seiner Geschichte.

Schon im Theatergottesdienst im März stand uns JONA vor Augen – heute tritt er in unser Fest. Daß es überhaupt stattfindet!! Keine Selbstverständlichkeit! Was war das für ein Bangen noch vor Monaten .. Aber – wer kann schon in die Zukunft sehen?

Einmal von 1 – 10 gefragt: Wie hoffnungsfroh denken Sie an die Zukunft? Welchen Stimmen geben Sie Gehör, Zustimmung – den skeptischen? Denen voller Zuversicht? 

Schätzen Sie sich doch einmal ein – von 1 – 3, von 4 – 6, von 7 – 9 ..

Jona – ein Zukunftsvoraussager im alten Israel? Eher waren Propheten eine öffentliche, eigentlich eine gegenöffentliche Instanz. Sie sagen, was von den Herrschenden verschwiegen wird. Sie decken auf, was verhüllt bleiben soll. Sie legen Verdrängtes offen. Und so sind sie Deuter des Alltags – sagen, was ist und was dem wohl folgen wird.

Wenn sie es sagen! Wenn sie sich nicht fürchten und besser die Klappe halten!

Zum zweiten Mal war der Auftrag ergangen. Beim ersten Auftrag hatte Jona sich – Sie erinnern sich! –verweigert, war auf hohe See entflohen. Wundersam bewahrt, findet sich der furchtsam Entlaufene, ausgespuckt vom großen Fisch, am Strand wieder.

Gestrandet und neu losgeschickt, tritt er in die Gassen von Ninive. Ninive – eine hoch entwickelte Stadt in Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris (im heutigen Irak). Im Alten Testament wird sie mehrfach erwähnt und ihr Untergang angekündigt. Dorthin, wo Jona´s Predigt ihren Untergang hinauszögert, fliegen wir jetzt .. Tatsächlich wurde Ninive 150 Jahre später nach seiner Zerstörung 612 v. Chr. nie wieder aufgebaut. Damals aber hieß es:

Wie schön war aus der Fern und Näh,
wie schön war die Stadt Ninive!
Da blühten Bäume in den Straßen,
auf denen bunte Vögel saßen.
Die Kinder rannten um die Ecken
Und spielten Haschen und Verstecken.
Dem König selbst gefiel es dort:
Er wohnte darum auch am Ort. (Hertzsch)

Der König – dr Geenig – ja, der wohnte gleich am Ort – das ist ja wie bei uns, als der oben im Wachwitzer Schloß residierte, als er offiziell kein König mehr war. Bis heute sind wir hier ein schöner Flecken Ninive ..

Hier nimmt Jona allen Mut zusammen, und predigt hinein ins bunte Getümmel seinen Ruf zur Umkehr ..

Und – es geschieht das gänzlich Unerwartete, das Wunder des Jona-Buches, demgegenüber die Sache mit dem Fisch ein Kinderspiel ist: Jona wird gehört! Und das noch größere Wunder: Die Leute von Ninive kehren um, sie ändern ihr Leben. Die Botschaft, die Jona mit klopfendem Herzen unter die Leute bringt, sie setzt so etwas wie eine Bürgerbewegung in Gang: „Sie riefen ein Fasten aus und kleideten sich in Sack und Asche von Groß bis Klein.“

Es ist so, als hätten sie sofort verstanden. Als brauchte es überhaupt keine Erklärung mehr für den Ruf vom drohenden Untergang. Nein, sie kennen die Fakten. Sie wissen um das Unrecht in ihrer Stadt – und auch, wie sie daran selbst beteiligt sind. Wie sie daran profitieren. Die unerbittliche Ansage „In vierzig Tagen ..“ mobilisiert sie, lässt sie innehalten, beten, umkehren.

Die Leute, wie man denken kann,
die hörten  das mit Schrecken an.
Sie hatten nie daran gedacht
und schliefen nicht die nächste Nacht.
Und morgens war die Lust dahin,
die schönen Kleider anzuziehn.
Sie zogen einfach Säcke über
und eine alte Schürze drüber.
Es sang kein Mensch ein frohes Lied mehr.
Sie hatten keinen Appetit mehr.
Sie aßen nicht. Sie tranken nicht.
Sie dachten nur ans Strafgericht.
Und als der König das erfuhr,
erschrak er auch und nickte nur.
Er zog den Purpurmantel aus
und schickte seinen Koch nach Haus. (Hertzsch)

Wir kommen – genauso schnell, wie wir nach Ninive geraten sind, wieder zurück nach Loschwitz. Welchem Buß-Ruf glauben wir hier? Welche Einsicht dringt so an unser Inneres, daß wir unser Leben verändern? Daß wir überlegen, anders zu sprechen. Daß wir etwas lassen und neu beginnen? Daß wir wohl selbst zwar nicht in Sack und Asche gehen .. aber ehrlicher einander, nachhaltiger im Blick auf die Schöpfung werden. Daß wir Frieden suchen in den Polarisierungen unserer Zeit?

Mir kommt eine Frau in den Sinn, mehrfache Mutter, mehrfache Oma. Sie weiß für sich ganz genau: Wenn wir Menschen so weiterleben , ja – wenn ich so weiterlebe wie bisher, werden meine Enkelkinder, wenn sie so alt sind wie ich, nur schwer noch Wasser finden, daß man ohne Not trinken kann. Wird Luft zum Atmen knapp wie auch der Erdboden, der fruchtbar und nicht ausgelaugt oder vergiftet ist. Wenn es in unserer Gesellschaft so weitergeht, werden sich Menschen noch mehr distanzieren, dem Hass und der Abgrenzung Raum geben. Werden Solidarität und Mitmenschlichkeit verlacht. Alles, was man / frau wissen kann, läßt diesen Schluss zu.

Sie engagiert sich bei Oma´s gegen rechts und bei fridays for future. Sie scheut sich nicht anzuecken – ja, und ist dabei anstrengend in ihren gelebten Konsequenzen. Und gleichzeitig hofft und betet sie, daß ihre Sicht der Dinge nicht Recht behält. Doch was gesagt werden muß, muss gesagt werden. Auch wenn sie weiß, daß es eigentlich schon zu spät dafür ist, um Unaufhaltsames noch zu stoppen. Das weiß sie, aber sie macht sich nicht fest an der Resignation. Sie denkt an ihre Enkel und macht sich wie die Leute in Ninive fest an Gott. Sie hält das Vertrauen hoch, daß beim Thema Klimakrise – gegen alle Realitäten – das letzte Wort doch noch nicht gesprochen ist. Daß es doch noch ein „Vielleicht“ gibt.

Wer weiß, vlt kehrt er um und es reut Gott und er läßt ab von seinem glühenden Zorn, sodaß wir nicht zugrunde gehen. Heißt es im Jonabuch 3, 9.

Wer weiß! Diese Frau, Mutter, Oma weiß es auch nicht. Aber sie weiß: Hoffen, das ist ein Tu-Wort. Und so tut sie das, was sie kann, geht kleine Schritte, die ihr möglich sind. Wer weiß? Vlt gelingt es doch noch, die Erde zu bewahren als kostbaren gottgeschaffenen Lebensraum für ihre Enkelkinder und für alle Menschenkinder, wie auch immer sie heißen mögen..

Liebe Gemeinde, Beten ist mit Phantasie verbunden!

Beten wir – mitten im Fest: Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich. Wandle sie in Weite, Herr, erbarme Dich!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, erhelle und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn ..

AMEN

Lit.:
Klaus-Peter Hertzsch: Wie schön war die Stadt Ninive, Biblische Balladen, 3. Auflage 1969
Aus: ´Singt von Hoffnung` zitierte Liedtexte – 071: Manchmal feiern wir .. 091: Meine engen Grenzen ..

Auch interessant:
Ninive, auch Neuoberruppersdorf, ist ein Ortsteil der Stadt Herrnhut in der sächsischen Oberlausitz. Nach der 1930 erfolgten Eingemeindung zu Ruppersdorf wurde 1994 dieser Ort zusammen mit Schwan und Ruppersdorf nach Herrnhut eingemeindet.


Predigt zu Markus 10, 35-45 (Vom Herrschen und vom Dienen) Sonntag Judica 2022

Liebe Gemeinde,

heftiges Fußgetrappel und wilde Rufe rund ums Pfarrhaus – als ich gestern einen klaren Gedanken zur Predigt fassen wollte. Wettstreit im Spiel! Wer ist der Erste? Wer ist obenauf und gewinnt?
Es ist so menschlich, sich dafür anzustrengen, der Erste sein zu wollen – in der Warteschlange, zu Tisch, bei den Geschenken am Weihnachtsbaum ..

Wer ist obenauf: Bekommt eine hohe Rente? Hat das schönste Haus am Platz? Auf wen hören die Leute? Und: Wen lieben sie alle?

Im Kleinen und im Großen geht es um Anerkennung, um Siege, sogar um – Herrschaft. Wer hat die Befugnis, notwendige Verordnungen zu erlassen und freiheitliche Grundrechte zu begrenzen, um die nächste Corona-Welle zu brechen? Die Debatte hatten wir. Wer darf das? Und wem wird diese Autorität bestritten?

Es ist so menschlich .. selber bestimmen, selber mitreden, selber obenan sitzen zu wollen. – Und so wollen sie alle 12 nah dran sein an JESUS. Mit IHM Schulter an Schulter. Zwei aber, die Zebedäus-Brüder, die sprechen aus, was die anderen auch denken. Da steht der Wunsch nach Bevorzugung plötzlich im Raum ..

Eine Steilvorlage für Jesus ..

Berufen hat er sie alle, jeden Einzelnen – von den Fischernetzen am See weg, heraus aus dem Zoll-Haus, weg von ihren Familien. Jedem hat er in die Augen gesehen. Jedem das Herz berührt: Folg Du mir nach! Und sie sind mit ihm gegangen. Hören, sehen, erleben Erstaunliches. Und erwarten noch mehr.
Auch uns hat Jesus gerufen – jede und jeden. Vlt leiser als wir es uns wünschten, ist Seine Hand auch im Spiel unseres Lebens. Folge mir uns .. ! Klingt das nicht auch Dir in den Ohren?

Aber – was heißt das? Was wird sein? Morgen – und in Zukunft?

Sie alle 12 sind seine Schüler. Und wir sind es ja auch! – Doch: Haben sie genau hingehört, wenn er zu ihnen sprach? Haben sie schon begriffen, wo der Weg entlang geht, der zur Herrlichkeit bei Gott führt? – Haben wir es schon ..?

„Aber so soll es nicht unter Euch sein!“ – Mit diesen Worten setzt Jesus eine so andere Ordnung für Entscheidungsprozesse in der Gemeinschaft, die ER stiftet. Unter den Jüngern soll sie gelten – und warum nicht auch in den Christengemeinden, später? Leben also als Dienst am Anderen. Aber der Reihe nach! Dreimal kündigt Jesus sein Leiden, Sterben und Auferstehen im Markus-Evangelium an. Und dreimal folgen daraus unmittelbare Mißverständnisse seiner Jünger. Es ist nicht so leicht, Nachfolger dieses Messias zu sein? Damals – und wohl auch heute..

Sie sind auf dem Weg nach Jerusalem: Jakobus und Johannes malen sich bei ihren Schritten offenbar die Herrschaft aus, so, wie sie Jesus als Messias am Ziel errichten wird. Ihr Wunsch, zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu sitzen! Der aber setzt das Bild eines Thrones in der Mitte voraus, von dem Jesus aus regieren wird. Rechts und links – müssen dann die Ehrenplätze sein ..

Doch Jesus thront nicht! Höchstens in Mosaiken byzantinischer Kirchen. Jesus hört die beiden reden und bringt sie auf einen Weg, ihn besser zu verstehen. Er weist sie mit ihrem Wunsch nicht ab, wie er es leicht könnte! Nein, er spricht sie an – das tut gut, zu sehen.

Wie sehr kennen wir anderes: Gespräche brechen ab, bevor sie noch beginnen. Fronten verhärten sich. Jesus aber führt die beiden und die Anderen dazu in ein Gespräch über Grundsätzliches. Er spürt, wie sich die anderen über ihre zwei Kollegen empört haben. Wie sie damit etwas von ihrer Sorge um sich selbst verraten. Vom Neid, der unter ihnen aufbricht. Das Rennen um die Ehrenplätze – ist es etwa schon ausgemacht? Ist es schon entschieden?

Liebe Gemeinde, wir gehen durch die Passionszeit, sind also auch auf Wegen nach Jerusalem.. Dieser Sonntag Judika ist eine der strengsten Wegstationen. Da ist es nicht verwunderlich, daß der Bibeltext eine Schwere in sich trägt, die Menschen lieber überhören. Er weist auf das Geschick Jesu hin: Ablehnung und Spott, ein Prozess, der zum Tod am Kreuz führen wird – das kommt in den Blick.

Auch wir malen uns gern anderes aus. Sind gewohnt, mit dem Glauben schöne Erfahrungen zu verbinden. Sind wir ehrlich, erhoffen wir doch fröhliche Gottesdienste, nette Begegnungen. Klangvolle Konzerte. Und möglichst, in den eigenen Ansichten bestätigt zu werden. Kannst Du den Kelch trinken .. ? Ja, natürlich! Willst Du mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde? Aber sicher!

Die Taufe und der Kelch. Da ist nicht einfach das glückliche Familienfest und nicht einfach der glänzend versilberte Kelch gemeint. Nein, Jesus rührt an das Herbe, an das Anspruchsvolle des MenschSeins vor Gott. Dann, wenn Erwartungen nicht zusammenpassen. Du willst einen ersten Platz, ein Königsloge: Und willst bei mir sein? O Mensch, bewein dein Sünde .. haben wir gesungen. Es ist die Klage über einen auf sich und sein Wohl fixierten Menschen.

Die Sünde ist, sich selbst groß zu machen statt allein IHN groß sein zu lassen. Selbst dran sein zu wollen – von der Angst getrieben, es nicht zu sein. Dabei führt diese Angst zum Krieg, im Kleinen wie im Großen:

Gestern sagte Papst Franziskus: „Wir hatten  gedacht, daß Invasionen in andere Länder, wilde Straßenkämpfe und atomare Bedrohungen düstere Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit sind.“ Viele unter uns hätten das wohl auch sagen können. Wir erschrecken über die gewaltvollen Nachrichten. Ein Herrschertum kommt da zu Tage – wie aus der Zeit gefallen. Oder? Oder bleibt das biblische Urteil auch für unsere Zeit brisant: V 42: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ Soll das noch immer gelten?

Es beginnt im Kleinen – in Konkurrenz und Beschämung, in Ellenbogenmentalität und schalen Siegen über Andere neben uns. 

Das Evangelium aber heißt: Niemand muß sich strecken, andere zu beherrschen, Anderen vorzusitzen. Wir sind zur Demut gerufen: ER, Jesus, sitzt zur Rechten des Vaters. Und hat uns alle im Blick.

Für unser aller sehr menschliche Suche nach Nähe, nach Bestätigung, nach Anerkennung ist das ein wichtiger orientierender Text. – Und ist es nicht verrückt: Die Jünger, sie alle, die IHM eigentlich so nah sein wollen, sind dann bald alle mal weg .. ?

Und manche von ihnen brauchen weit über den Ostermorgen hinaus, um ihr Vertrauen wieder auszugraben und ein neues Bild von der Zukunft bei Gott zu malen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft, erhelle und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. AMEN


Predigt zu 2. Kor. 9, 6 – 15 zu Kirchweih / Erntedank 2021

Liebe Festgemeinde,

Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten. Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Wir feiern Erntedank. Und Kirchweih. Und wenn wir wollen, dann obenauf auch noch den Tag der deutschen Einheit. Ist uns das bewusst – so ein hoch angebundener Tag?! Mir ist dieser Text, der ganz zu diesem Tag gehört und heute zu predigen ist, nicht nur irgendeiner. Er löst beim Hören vieles aus: Weckt Erinnerungen. Ruft Bilder auf. Vertraute Stimmen ruft er ins Ohr – und zaubert sogar Gerüche in die Nase.

Es sind Verse aus dem Zweiten Brief an die Korinther! Paulus, Gründer und Begleiter von Gemeinden rund ums Mittelmeer, hat eine große Kollekte im Sinn. Mit der möchte er die verarmen Schwestern und Brüder in Jerusalem unterstützen, in Jerusalem, wo das begann, was sein Leben und das all der Menschen, mi denen er an Jesus Christus glaubt, umgekrempelt hat. Ein ehrenwertes Anliegen: Geld soll helfen, soll Not lindern. Aber er möchte noch viel mehr: Einander räumlich so ferne Gemeinden möchte er durch diese Sammlung vernetzen, möchte die ach so Verschiedenen in diesem Anliegen zusammenbringen – schon im Zeitalter von Online Banking und rundmails ist das eine herausfordernde Aufgabe, aber erst recht war es das wohl damals: Die aus verschiedenen Völkern zusammengefundenen Bekehrten sollen sich für die erwärmen, unter denen die Geschichte des gemeinsamen Glaubens begann: Für Juden-Christen im fernen Jerusalem. Sie sollen wahrnehmen und hoch schätzen, dass die oder deren Eltern nah dran gewesen waren am Geschehen, das sie alle hat Christen werden lassen. Und die in Jerusalem, wenn nur alles gut geht mit der Sammlung, wenn das Geld nur auch ankommt, die sollen dann anerkennen, dass alle – alle! – die da anderswo in der Welt an Christus glauben, mit ihnen verbunden sind. Es ist der grandiose Plan eines Weges, der langsam und nicht ohne einkalkulierte Rückschläge dorthin führt, wo wir heute von der ,Einen Kirche‘ sprechen: Eine Verbundenheit ganz Verschiedener, ein gemeinsam bekannter Glaube über alle Grenzen hinweg. Und ehrlich: Wir mühen uns schon am Elbhang mit vorsichtigen Schritten, einander als Kirche wahrzunehmen. Hoch sensibel für alles Schöne und Schwierige. Was für ein Gedanke, über Meere und Kontinente zueinanderzugehören! Was für ein damals noch ungekanntes Maß an Solidarität!

Damit das überhaupt in die Herzen und Köpfe kommt, bemüht Paulus bei seinem Kollektenprojekt einen tiefsinnigen theologischen Gedanken: Das Geldsammeln wird ihm zum Gleichnis für den Überfluss der Gnade, den Gott schenkt und der nun hin und her durch die Welt geht und bitte nicht nur tröpfeln, sondern wie ein rauschender Bergbach weitergurgeln und fließen und strömen soll und darf. Was da segensreich von oben kommt, soll sich verbreiten und Leben und Hoffnung schaffen und erhalten, ja, sogar vervielfachen.

Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten. Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Eine Kollektenpredigt vom Feinsten! Nicht nur eine, nach der die großen Scheine im Portomannaie etwas lockerer sitzen. Nein, auch eine, die Herzen anrührt und Gewissen schärft. Und Menschen ihren Glauben klarer verstehbar macht. Eine Kollektenpredigt, nach der die, die sie gehört haben, eigentlich garnicht anders können, als einzustimmen in den Gedanken: Ja, eigentlich sind wir die längst Beschenkten! Und nun auch einmal dran, zu investieren.

Und nicht zu wenig. Weiß doch jedes Kind, das es etwas einsetzen muss. Wenn etwas Großes gelingen soll.

Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten. Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Ich sagte zu Beginn: Ein Text, der Erinnerungen weckt .. und Gesichter und Düfte und Musik und Geschichten aufruft.

Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten. Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Korinth ist weit. Wir aber sitzen hier! Hier in diesem Rund. Viele Gesichter sehe ich, das ist schön. Und sehe noch mehr – über uns heute hinaus. Sehe glänzende Augen, Umarmungen, frohe Rufe des Wiedersehens.. Ein großes Rund voller Menschen, die sich auf den Emporen drängen. Höre lauten, frohen Gesang. Sehe Erntegaben, die die Wege zum Altar verstellen. Kuchen und Getreide, Äpfel und Trauben. Blumen, wohin das Auge reicht .. Und – Barbara Höh aus München-Trudering hier vorn am Pult. Über Jahre hat sie uns diesen Text gelesen.

Wer da kärglich sät, der wird kärglich ernten. Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Du hast ihn uns wunderbar gelesen, lieber Paul-Gerhard! Zugleich aber will ich sagen: Sie fehlen uns, die weitgereisten Festgäste, die Jahr für Jahr mitfeierten. Und die eine große Aktie daran haben, dass wir HIER feiern. Das war ja ihr Grund, zu kommen. Immer wieder zu kommen! Kirchweih! Tag der ostwestsüdnorddeutschen Einheit.

Menschen, die damals vor 30 Jahren mit dafür sorgten, dass alles in allem überhaupt nicht kärglich gesät wurde, als es an die Wiedererstehung dieses Gotteshauses ging. In Gedanken grüßen wir nach München .. grüßen all die, die in im Rückblick fast beschämend großherziger Weise Kollekten gesammelt haben, so wie viele auch hier am Elbhang, damit wir heute hier so feiern können! Und die in dieser Stunde, da bin ich mir sicher, an uns denken.

Und darüber hinaus die, die inzwischen nicht mehr unter uns leben, die Gott gnädig heimgerufen hat in seine Wirklichkeit ..

Jede Generation baut auf den Leistungen anderer auf, jede Zeit lebt von dem, was andere vor uns erbrachten. Das sei hier nicht vergessen, wenn wir an unsere Verantwortung erinnert werden. Wenn wir gelockt werden, Dankbarkeit zu zeigen. Wenn wir auf die Gnade angesprochen werden, die längst sprudelt und fließt ..

Nach manchen Entbehrungen feiern wir wieder. Denken an die Fülle, die uns ja dennoch blieb – auch in den Monaten vieler Beschränkungen Und uns noch immer demütig machen kann.

Ja, wir haben manche Kollekte nicht gesammelt, weil wir die Feste klein und bescheiden begehen mussten. Ja, wir waren besorgt und haben Gottes Gnade im eigenen Leben nicht immer viel zugetraut. Ja, wir haben beim mühsamen Säen oft nicht damit gerechnet, dass Gott seinen Segen dazugibt.

Und haben doch viel Gutes erlangt. Haben Marmeladen gekocht und Wein im Keller gelagert. Haben Kraft, statt kärglicher nun große Kollekten zu sammeln, Kollekten im Segen, damit das Brot für die Welt segensreich und gerecht verteilt wird.

Gott, hab Dank! Und lass uns das hochschätzen – das Brot und den Wein. Und Deine Gnade und Deinen Segen. Lass uns das hochschätzen – nicht nur heute.

AMEN

Herr, unser Gott, 
du bist das Brot des Lebens und der wahre Weinstock. 

Wir danken dir für alles, was du uns zum Leben gibst,
für unser tägliches Brot, für die Fülle, die wir hier haben, 
und bitten dich: lass uns jetzt an deinem Tisch in den Früchten deiner Erde deine Gegenwart schmecken

und dabei die nicht vergessen, die Not leiden und von der Gesellschaft oft nicht wahrgenommen werden. 

Erhöre uns, Gott. — G: Erhöre uns. 

Herr, unser Gott, 
du bist die Tür.

Dankend staunen wir immer wieder über dieses wiedererstandene Haus auf deinem Weinberg, 
in dem du dich finden lassen willst, 
und bitten dich: füge uns zusammen zu einer lebendigen Gemeinde, in der du selbst zu Wort kommst. 
Lass uns dich hier zu allen Zeiten mit offenen Türen bekennen, preisen und dir Lob singen. 

Erhöre uns, Gott. — G: Erhöre uns.

Herr, unser Gott, 
du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Wir danken dir für deine Nähe in Wort und Sakrament
und bitten dich: lass uns mit fröhlichem Herzen nach deiner Wahrheit fragen, wenn wir deine Gerechtigkeit nicht sehen oder verstehen,
und immer die Wege suchen, auf denen wir dir nachfolgen können.

Erhöre uns, Gott. — G: Erhöre uns.


Predigt anhand von Römer 10, 9 – 18 anlässlich von Taufen und Erstkommunionen am 17. Sonntag n. Tr., 26. September ’21, in Loschwitz

Ein Anfang ist gemacht! Ein kleiner Junge, in drei Tagen wird er ein Jahr alt, ist getauft worden. Ja, Jakob, DU!  

Ein Anfang liegt schon länger zurück – ein fragendes, tastendes Mädchenherz, schon hineingenommen in Erfahrungen des Betens, des Feierns. Eines Denkens und Empfindens, in dem Gott kein Fremdwort geblieben ist. Liebe Estella, vielleicht findest Du dich darin wieder .. ?

Und wir alle, liebe Gemeinde?

Ja, wo begann, was uns hier feiern lässt? Wo kommt er her, der Glaube?

Er wächst nicht an Bäumen. Aber – fällt er vom Himmel? Kann er gelehrt werden? – Wer spielt ihn mir zu? Oder war er schon immer in mir und will nur aufgeweckt werden?

Auch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden war das am Mittwoch Thema. Klar, es hat mit der Familie zu tun, in der ich aufwachse. Sagten manche. Geht es auch ohne den Halt, gegen die Überzeugung der Herkunftsfamilie, in die Kirche zu gehen, Christ zu werden .. ? Kaum vorstellbar, schüttelten viele den Kopf. Ich erzählte ihnen dann von meinen Erlebnissen in den 80ern, noch in der DDR. Da kam mancher heimlich in die Junge Gemeinde. Das wussten die Eltern nicht. Und liess sich taufen, um sich abzulösen von dem, was er oder sie zuhause hörte und eingetrichtert bekam.

Manchmal ist der Weg zum Glauben fein geebnet. Manchmal einer des Protestes und der Abkehr vom Bisherigen.

Die Menschen, die uns in den Erzählungen und Briefen des Neuen Testaments begegnen, kannten meist nur das Letztere: Sie wurden Außenseiter in ihren Familien – die Taufe brachte sie in eine neue Gemeinschaft, zu der Menschen gehörten, mi denen sie bisher wenig verbunden hatte. Nun aber um so mehr! Und weil Jesus Christus sie verband, sollte es nichts geben, was zwischen ihnen die Unterschiede groß und schmerzlich sein lässt.

Sich entscheiden, darauf kommt es an. Für die einen bei ihrer Taufe, die sie bewusst erleben, für die meisten noch immer bei der Konfirmation oder mittendrin im Leben: Ja, ich will DEN Weg gehen. Will ihn weitergehen. Ja, ich höre nicht auf, zu beten – ich fange an damit. Und will mich und mein Inneres auf Gott beziehen und nicht zuerst auf all die anderen Stimmen und Möglichkeiten. – Oder: Ja, ich bleibe Mitglied. Auch wenn es locken könnte, den Teil meines Geldes, der als Steuer an die Kirche geht, anders auszugeben. Oder: Ja, ich stehe jetzt auf, wenn andere liegenbleiben ..

Jeder Sonntag ist ja ein Wahltag: Gehe ich hin? Wo gehöre ich dazu? Bedeutet es mir etwas, meinen Glauben zu nähren?

Heute ist also Wahltag – gleich doppelt. Längst haben es die Plakate zur Bundestagswahl angekündigt. Ab morgen – davon will ich ausgehen – werden sie nach und nach wieder abgenommen. Was wird dann von all den Gesichtern und Slogans bleiben? Was bleibt außer ein paar Kabelbindern an den Laternenmasten übrig?

Eine neue, andere oder anders akzentuierte Politik? Und ist das zu wünschen? Oder zu fürchten? JETZT könnten wir losdiskutieren .. Einmütigkeiten entdecken. Oder krasse Unterschiedlichkeiten. Aber hier ist Gottesdienst! Hier sind wir alle aufgehoben bei dem EINEN.

Ehe ich dann ins Wahllokal gehe .. Ehe ich heute abend mit Ihnen und Euch gespannt auf die Ergebnisse blicke und zu diskutieren ist, wie es nun weiter geht mit dem Regieren und einer menschen- und schöpfungsfreundlichen Politik im Land .. Ehe ich in den nächsten Wochen beobachte, welche Partei es verpasst, ihre Plakate abzuhängen, deren Signalfarben dann in den Herbst hinein immer bleicher werden .. Ehe all das eintritt, feiere ich mit Euch und Ihnen hier jetzt Gottesdienst. Besinne mich auf das, was mein Leben begründet. Was mich demütig macht und mir meine Haltung verleiht.

Glauben – das ist mehr als ein plakatierter Slogan. Hoffentlich! – Da draußen geht es nicht anders: Die Kandidaten müssen auf sich aufmerksam machen. Die Slogans der Parteien müssen kurz sein und sollen nicht zu übersehen sein. Alle benennen Probleme und deuten Lösungen an. Wie sehr unterscheiden sie sich? Das haben wir hoffentlich recherchiert, bevor wir an die Urne treten. Und nun liegen Erwartungen in der Luft – und manche Enttäuschungen werden ihnen folgen. Vielleicht ja aber auch Veränderungen mit Ausrufezeichen. Allerdings: Es wäre zuviel verlangt, von einem Politiker ALLES zu erwarten.

Oder? Einen Menschen gibt es doch, bei dem es anders ist: So glaubt Paulus. Und schreibt darüber tage- und nächtelang. Schreibt diesen langen, bis heute zitierten Brief nach Rom. Er schreibt ihn den Christen dort, denen in der damals einzigen wirklichen Weltstadt.

Paulus erlebt, wie unterschiedlich sie sind, die Leute, die er eingeladen hat, mit ihm als Christen zu leben. Das ist spannend, anstrengend. Manchmal kaum auszuhalten. Wie ein großer Seufzer, wie eine gewaltige Vision formuliert er dagegen an: Es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen. Und wir können fortsetzen: Zwischen Wachwitzern und Bühlauern und denen am Körnerplatz. Kein Unterschied zwischen Groß und Klein und Mann und Frau und Divers. Kein Unterschied zwischen Alt und Jung und Reicher und Ärmer .. Jesus Christus ist für sie alle, ist für uns alle ansprechbar. Paulus kämpft mit seiner ganzen Person dagegen an, dass das nicht vergessen wird. Dass sich keine Parteien in der Gemeinde bilden, die das aushöhlen und unkenntlich machen. Es ist der EINE und DERSELBE Herr für uns alle, ruft er. Und reagiert empfindlich dort, wo es immer wieder vergessen wird.

Auch unter uns gibt es viel Unterschiedlichkeit. Nicht erst an der Wahlurne. Muss das entscheidend sein? Nicht bei Paulus: Wenn sie nur alle auf die großzügige Zuwendung Gottes zu uns Menschen vertrauen. Und sich davon in ihrem Reden und Tun und Lassen leiten lassen. Leiten ließen!

Alle sind von Gott angesprochen – in der Taufe, in der Feier des Abendmahls, in der Predigt. Ja, die hält Paulus hoch, die Predigt! Heutzutage fällt es vielen schwer, etwas länger zuzuhören. Wissen sollten wir: In anderen Zeiten wurde viel länger gepredigt. In der Kürze liegt zwar die Würze, aber Einsichten wachsen oft langsam. Und der Weg ist oft weit von den eigenen Gedanken und Befindlichkeiten zu Gottes Gedanken und Befindlichkeiten. Und wieder zurück in unser Herz.

Deshalb: Lassen wir uns ansprechen und berühren! Nicht allein durch kurze griffige Slogans und Appelle. Sondern durch das Evangelium, das in jeder Predigt neu lebendig wird. Und genauso im Lied der Schöpfung da draußen, in der es singt und seufzt. Das genauso wie das Evangelium uns hier in den Bänken zur Umkehr ruft.

Jesus Christus sei bei und mit und unter uns und helfe unserem Hören! Dann werden wir von Gottes Engel geleitet, wie es Estellas Taufspruch Ps 91/11, besagt. Und trotz allem, was kommt, in der Gewissheit leben können, dass uns Gottes Güte und Zuwendung bleiben, wie es Jakobs Spruch, Jesaja 54/ 10, versichert.

AMEN


Predigt am Sonntag Jubilate – in Coronazeiten 2021

Liebe Gemeinde,

Gründe zum Jubeln, gibt es die?? Das frage ich Sie heute, liebe Gemeinde, am Sonntag Jubilate. Und habe so vor einem Jahr schon gefragt. Je nach Gestimmtheit und Wahrnehmung, damals schon mittendrin in der neuen Lage, die das Virus mit sich brachte, sprudelte da ein Mund los und redete von dem, was Freude weckt. Oder verschloss sich, bitter geworden unter Lasten und in Ängsten.

Heute frage ich einmal anders: Kennen Sie eine Damaris? Verbinden Sie diesen unter uns seltenen weiblichen Vornamen mit einem Gesicht, einer Frau, einem Mädchen? Damaris??

Es ist einer der Namen, die – soweit ich orientiert bin – eher nur in frommen Kreisen vergeben werden. Wenn ich als Kind zu einer Rüstzeit mit der Kirche fuhr, gab es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, auf ein Mädchen mit diesem Namen zu treffen. Damaris.

Im Athen des 1. Jahrhunderts war er nicht so selten. Verschiedenste Frauen und Mädchen werden so geheißen haben. Und doch war da Eine, der etwas Entscheidendes geschah. Und weil das überliefert ist, gaben und geben Eltern ihrem neugeborenen Mädchen diesen schönen, seltenen Namen.

lectio Acta 17, 22 – 34

Die Predigt des Paulus auf dem Areopag in Athen – sie ist eine Sternstunde der Rhetorik. Paulus, unterwegs durch Kleinasien, die heutige Türkei, Paulus, schon bald der Völkerapostel genannt, ist mit dem Schiff von Ephesus nach Korinth übergesetzt. Auf seiner Reise durch Griechenland kommt er in die berühmte Hauptstadt. Er sieht sich in ihr um, riecht und schmeckt, nimmt ihre Realitäten wahr. Dort, unter den Menschen dieser Weltstadt fühlt er sich ein und spürt, was dran ist. Er lässt sich ein auf die verschiedenen Sprachen und Milieus derer, die ihm begegnen. Und weiß: Mit den Glaubensgeschwistern in der Synagoge kann er anders reden als mit Leuten, die er auf dem Markt trifft. Anders darf eine lutherische Predigt klingen als ein Gespräch im Bus auf dem Weg zum Schillerplatz.

Es geht dabei garnicht darum, dass einmal banal und einmal klug gesprochen würde, dass die Worte einmal fromm und einmal feig daherkommen. Nein, aber .. dass sie am Anderen orientiert sind, der mir begegnet. Das muss man erstmal können, sich in die verschiedenen Sprachen und Milieus hineinzufühlen, sich anzupassen, ohne dabei das Eigentliche zu verlieren! Das muss man erst einmal verstehen! Wie leicht ist das Missverstehen vorprogrammiert, wie verblüffend verschieden hören zwei Menschen, was ihnen zeitgleich gesagt wird! Damals war das so, und so ist es heute.

Ob im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, ob dann, wenn mein Gegenüber in einem ganz anderen Milieu zuhause ist, in dem ich selbst nicht zuhause bin .. Oder auch nur in einer unterschiedlichen Gestimmtheit .. Paulus scheint es zu verstehen, Menschen anzureden. Jedenfalls manchmal. Oft bekommt er ja großen Ärger durch sein Auftreten. Wird sogar mit Schlägen aus einem Ort vertrieben oder über Nacht ins Gefängnis gesetzt. Hier aber erfährt er auch Applaus. Ist er doch mutig! Nimmt er doch die Einladung an, auf dem Areopag zu sprechen. Dieser Platz ist nicht irgendeiner. Er ist der Markt nicht für Obst und Gemüse, sondern für Weltanschauungen. Der Sinn des Lebens – dort wird er gehandelt. Dort wird um ihn gefeilscht und gestritten. Und das auf hohem Niveau.

Griechenland war zwar schon seit 150 Jahren von den Römern besetzt, aber Athen immer noch die Hauptstadt des Geistes und der Philosophie und der Auseinandersetzungen darüber. Für einen  Prediger des Evangeliums glich Athen also der Höhle des Löwen. Dieser Umschlagplatz für Neuigkeiten und Nachrichten war immer gut besucht. Dort seht Paulus nun inmitten der Menschen. Und was sagt er?

Er holt die Menschen dort ab, wo er sie findet. Er lobt sie. Er hätte ihnen auch gleich ihre Defizite um die Ohren hauen können. Aber nein, er lobt sie.  Das ist schlau. Das ist kommunikativ.

Wer gelobt wird, ist eher bereit, zuzuhören. Neues aufzunehmen. Und gerade diese Bereitschaft will Paulus ja finden. Hält er doch keine gefällige Rede über das Wetter und übt auch keine allgemeine Kulturkritik, der jeder beipflichten wird. Er redet auch nicht allgemein über Gott und die Welt. Nein, er will Gottes Wort verkünden, wie es sich ihm in Jesus Christus erschlossen hat. Er will zum Glauben locken und reizen (wie Luther sagen würde). Lust wecken, sich auf ihn einzulassen. Und da wird es selbstverständlich emotional. Denn wer reizt und weckt, dem kann auch Abwehr und Ablehnung widerfahren. Ziemlich sicher sogar Missbilligung und Hass entgegenschlagen. Wird ihm das in Athen wieder passieren? Er muss mit allem rechnen. – Paulus, so lesen wir, befriedigt auch die Neugierde der Leute. Wer es versteht, die Neugierde anzusprechen, der holt die Menschen ab: 

Der Apostel hat entdeckt, dass die Athener wie in einem Skulpturenpark alle Götter abbilden, dass sie, schon vorsichtshalber, keinen übersehen wollen. So haben sie zu ihrer letzten Sicherheit auch „Dem unbekannten Gott“ einen Altar errichtet. Dorthin stellst sich Paulus und sagt: Genau über den rede er, über den hier noch unbekannten Gott. Und er tut es in einer Art und Weise, die reizt. Die Umstehenden, und es werden mehr und mehr, die ihm zuhören wollen, sie lauschen. Sie sperren die Ohren auf. Manche spotten und lachen, manche widersprechen wohl auch. Immerhin wollen einige Skeptiker ihm ein andermal weiter zuhören. 

Und dann heißt es: Wieder andere aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig. (v 33).  

Und dann werden sogar Namen genannt. Damaris ist einer von ihnen. Die Frau, die uns sonst unbekannt geblieben wäre. Die Frau, deren Name sonst in unseren Breiten vielleicht unbekannt geblieben wäre. 

Etliche wurden gläubig, unter welchen auch war Dionysius, einer aus dem Rat. Und eine Frau mit Namen Damaris. 

Etliche wurden gläubig. Wer möchte seinen Namen jetzt sagen? Wer möchte sich erinnern lassen, wo und wann es einen inneren Ruck gab, sich selbst auf den Weg des Glaubens zu begeben? Und – ist das bis heute ein Grund zur Freude? Ein Grund zum Jubeln? 

Und können wir mitgehen, dass wir in Gott leben und weben und – sind? Mitgehen, dass wir – Ihr und ich – zuerst seine Zeugen und Tempel sind, noch viel mehr als alle Bilder und Statuen, als alle Kirchen und Altäre?

Der Glaube an Gott als eine persönlich erfahrene Wirklichkeit .. das ist es, wovon Paulus zu reden weiß. Das ist es, was bis heute ankommt, beeindruckt, einlädt.

Ein Augustinermönch redete von Christus genau so persönlich berührt – vor Kaiser und Reich .. Martin Luther vor genau 500 Jahren. Und wir?

Wir sind in unserer Zeit und in unseren Sprachräumen, dort, wo wir heute leben und weben, gefragt, Worte zu finden für das, was uns glauben und Gott vertrauen lässt. So, dass andere aufhorchen. So, dass andere aufatmen. Und wir selbst auch.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, erhelle und bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn. AMEN



Predigt zu Eph 5, 1 / 2, 8 / 9 am Sonntag Reminiszere, 7. März ’21

Liebe Gemeinde,

es riecht nach Frühling. Vielleicht recken sich Tulpen in der Vase zuhaus’? Oder Krokusse im Garten oder sonst an einem Wiesenstück auf dem Weg hierher? Nach dem Guten, dem Schönen, nach Wärme und Licht strecken wir uns alle. Wie die Frühblüher. So könnten wir auch empfänglich sein für die Metaphorik, die in einem frühchristlichen Brief zur Geltung kommt, der uns heute zugespielt wird ..

lectio: 

So seid nun Gottes Nachfolger als die geliebten Kinder und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus Euch geliebt und sich selbst hingegeben hat für uns als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Nehmt Euch also Gott zum Vorbild. Ihr seid doch seine Kinder, denen er seine Liebe schenkt. Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. Genauso hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben – als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.

Denn Ihr wart vormals Finsternis; nun aber seid Ihr Licht in dem Herrn. Wandelt wie die Kinder des Lichtes – die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Denn früher wart Ihr Teil der Dunkelheit. Aber jetzt seid Ihr Teil des Lichts, denn Ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Menschen, die zum Licht gehören! Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Sind wir das bei allem Recken und Strecken nach dem Licht bisher geworden – Nachfolger? Und damit Vorbild für Andere? Frühblüher, auf die Verlass ist. Ins Licht gestellt und nun Gott nah? 

Diese Verse im Epheserbrief reden einer Weltsicht das Wort, die nicht selbstverständlich geteilt werden dürfte. Es geht um Identität: Um das, was Menschen sind, wenn sie getauft sind. Um die Wahrheit und Erkennbarkeit ihres Christenlebens. Unterwegs sind wir alle durchs Leben. Aber – wohin gehen wir? Was treibt uns an? Kennen wir ein Ziel? Wem zu folgen, lohnt sich?

Und – wer unter uns wollte ein wohlriechender Duft sein .. ? Macht uns Dr. Hauschka oder Florena Waldheim oder .. wer macht uns zu einem wohlriechenden Duft?

Sie merken an meinen Hinweg zu diesen Versen: Ich tue mich schwer, sie einfach in den Kirchenraum zu rufen und als Appell weiterzureichen: Nehmt euch Gott zum Vorbild – Ihr seid doch Teil des Lichtes. Also los, zeigt, was in Euch steckt. Lebt! Folgt nach! Und duftet dabei möglichst lieblich!

Wird es nicht dort gerade schwierig, wo Menschen wähnen, sie ver-breiteten den besten Duft? Wo sie allzu selbstbewusst davon ausgehen, die Guten zu sein, die alles richtig machen? Stinkt es da nicht schnell – vor Selbstzufriedenheit. Vor Überheblichkeit? Wie gehören sie nur zusammen – unser Glaube und unsere Lebensführung?

Immerhin ist klar: Der Glaube beansprucht uns Menschen. Er ist nicht egal fürs Leben. Gott stellt uns durch die Taufe ins Licht. Das darf erkennbar werden, auch wenn wir als Christen ganz menschlich bleiben. Und die Kirche, auch sie soll kein finsterer Verein sein, sondern als helle, als eine vertrauenswürdige, als eine dem Guten zugewandte Bewegung erkennbar werden. Am Donnerstagabend saß ich in einer ZOOM-Runde mit lauter Kindergottesdienst- und Jugendmitarbeitern. Es ging genau darum: Um Vertrauen in unseren Reihen. Um ein erkennbar moralisches Verhalten. Um ein schweres, nicht zu unterschätzendes Thema – sexuellen Missbrauch. Um einen Verhaltenskodex, mit dem wir im Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für das Thema sensibilisieren und klare Regeln setzen wollen. Es sind ja dramatische Verwerfungen, die in Umkleidekabinen und auf dem Schoß des Klavier-lehrers, in Kinderheimen und Campingmilieus und eben auch und garnicht zuletzt in kirchlichen Arbeitsbereichen mit Heranwachsenden aufgedeckt wurden. Immer wieder. Dort, wo Menschen sich begegnen, ist Licht und Schatten. Und: Nein, es geht nicht nur um Vorwürfe, die das Erzbistum Köln oder die Dresdner Parkeisenbahn erschüttern. Überall, wo die Einen über Andere bestimmen, wo Schwächere Stärkeren anvertraut sind, überall dort kommt es darauf an, dass Licht auch Licht ist und nicht verdunkelt wird. 

Wir Christenmenschen haben solch einen Anspruch, Licht zu sein. Einander gerecht zu werden. Aber – Güte. Gerechtigkeit. Wahrheit. Gelingt es, all das zu leben .. ? 

Was einerseits faszinierend daherkommt, dann, wenn Menschen zu Lichtgestalten werden, das hat auch eine Kehrseite: Wo Gottes Heilszusagen zu einem moralischen Gerüst verkommen, das Geschenk des Glaubens nur mehr ein Imperativ von oben ..

Ja, es gibt sie, die berühmten Worte der Bergpredigt. Die von der Stadt auf dem Berge. Die vom Salz der Erde. Gehören aber gerade Du und ich zur kleinen Schar derer, die alles richtig macht? Und alle anderen sollen uns mal anschauen und sich ein Beispiel an uns nehmen? 

Sollen mal staunen über die so viel besseren Maßstäbe? Nein, dabei überheben wir uns schnell. Wissen doch alle Ehrlichen um die Dunkel-heiten im eigenen Herzen. Und teilen die Sehnsucht nach dem Licht genauso wie den Schmerz, dem Licht Gottes selbst im Weg zu stehen .. Sie etwa nicht?

Der Brief an die Epheser will sich über die Niederungen des Alltags erheben. Er spricht vom Kind-Sein, spricht von Liebe, doch so, dass er über einer Negativfolie abzulehnenden Verhaltens die Zuversicht ausspricht, seinen Adressaten könne es gelingen .. ein wahres Gotteskind zu sein.

Trifft das unser Einverständnis? Oder hören wir mit leiser Empörung, wie unser Gang durchs Leben moralisch aufgeladen und beurteilt wird?

Am Sonntag Okuli sind wir, wie auch immer wir über unseren Glauben denken, unter Gottes Blick gerufen:

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn..“ 

Unter diesem Blick stellt sich die Frage: Wozu verhilft mir Gott durch diese Worte? Wie höre ich den hohen Anspruch, als einzigartiges Kind Gottes selbst dem Göttlichen in Jesus nachzufolgen? Soll ich das? Oder wird nicht erst dann, wenn mich ein Dürfen verlockt, hier etwas für mein eigenes Leben zu gewinnen sein? 

Seit jeher fragen sich Menschen, wie sie ihr Leben ausrichten. Was sie als Glaubende in ihrer Lebenshaltung und in ihrem Handeln letztlich unterscheidet von den Anderen. Doch wie ist das in unserer Zeit? Selbst treuen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern fällt es manchmal schwer, sich einem Bekenntnis zuzuordnen und sich einig zu werden, worauf es im Leben und Tun verpflichtet. 

Der Predigttext wie auch all die Gebote und Tugendkataloge der Bibel sonst zeigen: Im Grund stellt sich jeder Generation die Frage neu, was es heißt, an Gott zu glauben und den Glauben als innere Lebenshaltung zu verstehen, aus der ein deutlich erkennbares Handeln erwächst. – Der Ruf zur Nachfolge gehört dabei zu den wichtigen, aber auch zu den geläufigen und leicht abgenutzten Vokabeln. Er spricht einen berechtigten und doch kaum erfüllbaren Anspruch an. Wie wäre es, der Nachfolge die Nachahmung zur Seite zu stellen – die eigentliche Wortbedeutung, die mit mimetai im griechischen Urtext gebraucht wird?

Die Aufforderung, Gott nachzuahmen, klingt ungewohnt. Im Sprachge-brauch haftet dem Nachahmen ja auch etwas Kindliches an – Kinder lernen durch Nachahmung, in der Pubertät und als Erwachsene versuchen wir das abzulegen. Wer will schon unselbständig sein? Wer will schon bloß kopieren? Und doch gibt es kein Leben ohne bewusstes oder unbewusstes Nachahmen. Lebenslang orientieren sich Menschen an Anderen – diese kulturellen Einordnungen sind das große Feld der Soziologie. Dem Zeitgeist kann sich kaum einer entziehen. Jedes Lernen und Einüben beginnt so – ob am Klavier mit fünf oder sieben oder am Smartphone mit zehn oder siebzig .. 

Auch christliches Handeln zeigt sich im Nachahmen: Im Händefalten, einstmals bei Mutter oder Oma gelernt. Im weichen Blick angesichts der Nöte Anderer. Im Spenden und Trösten, das uns selbst längst zuteil wurde. Statt darauf fixiert zu sein, dass ich dies und das mache, weil ich es soll, weil es meine christliche Pflicht ist .. werde ich es tun, weil ich längst erlebt habe, wie mir Güte entgegenkam. Wie mich Andere hineingenommen haben in ein lichtes, helles Leben, das vom Gottesglauben mitbestimmt war.

Schwer wird es für den Glauben dort, wo er all das vermissen musste. Wo Gott allein vom Hörensagen kennengelernt wird. Und doch gilt auch dort: „So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe.“

Gott kommt uns in Jesus nah. So fern Gott scheint, will Er doch in uns wohnen. Ob wir daran erkannt werden? Oder uns die Finsternis fest im Griff hat? 

Nachahmen – den Geist Jesu im Lebensalltag nachahmen .. Was für ein Gewinn wäre das – zum Beispiel im weiten Feld der menschlichen Kommunikation, die schnell zu verrohen, schnell zu verlöschen droht ..

Nachahmen – das ist so etwas wie eine christliche Lebenskunst. Innehalten, beten, entschleunigen. Lebenslang will solches Nachahmen eingeübt werden. Zwanghaftes mag so durchbrochen, Angst überwunden werden. Das Leben licht und hell werden. 

Liebe Gemeinde,
es riecht nach Frühling. Wir gehen durch die Passionszeit. Wir erkennen in der Geisteshaltung Jesu Wahrheit für unser Leben. Wir sehen an IHM, was unserem Leben gut tun, ihm dienen würde. Und was oft schmerzlich fehlt. Wir gehen auf Ostern zu – und können beten:

Dein Licht ist in allen Dingen, Herr! Du bist das Licht und rufst uns heraus aus den Schattenseiten des Lebens. Gibst uns Teil am Glanz eines neuen Morgens. Öffnest uns die Augen – für Dich und Deine Herrlichkeit. So erkennen wir da und dort und immer mehr das Geheimnis Deiner Güte. Du bist die Klarheit, Du bist das Licht. Und das Erbarmen, wenn wir noch ringen, selbst hell, selbst licht zu werden! AMEN 


Loschwitzer Gottesdienst an Sexagesimä, 7. Februar 2021

Kurzpredigt zum Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden (Lk 8, 4 – 8)

Liebe Gemeinde,

was tun in dieser Zeit, wenn man nicht Schnee schippt? Nicht liest oder telefoniert. Nicht kocht oder arbeitet, spaziert oder Musik hört?

Mancher surft im virtuellen Netz, und findet etwas. Und versendet kleine Filme weiter, die ihm / die ihr gefallen. Die amüsieren. Die berühren. Die etwas auslösen. Ein herzliches Lachen? Ein innerliches Mitempfinden. Ein: Ja, genau so ist’s!

Auch ich bekomme manchen link zugespielt. Nicht immer komme ich dazu, dann hinzuschauen, manchmal aber doch. Ich bin gespannt, was er, was sie mir weiterreicht .. – Vielleicht kennen Sie das auch? Und? Freuen Sie sich dann mit? Oder sind Sie eigenartig berührt? Wollen Sie mehr davon sehen? Oder – DAS gerade garnicht?

Empfänger sein – oder nix davon wissen. Empfänglich werden – oder sich lieber abschotten ..

Darum geht es hier. Nicht um Filmchen, nein, und doch um das, was auf uns zukommt. Uns weitergereicht, uns zugespielt wird. Nicht allein Bilder. Auch Worte, große Worte, GOTTES WORTE – gehören dazu.

Eigentlich seltsam. So denke ich: Ausgerechnet von einer altpalästini-schen Sämannsgeschichte Aufschlüsse für das Leben heute zu erwarten. Was erwarte ich da .. ? Und – wo bin ich, wo sind wir da in diesem Text? Sollte ich mich – mit einem Stück Acker ? identifizieren?

Menschen fragen auch heute: Was berührt mich? Und warum berührt mich gerade das? Vielleicht fragen wir manchmal auch direkt: Warum ist das Samenkorn des Glaubens bei mir aufgegangen? Oder – warum bleibt die Hoffnung der Christen bei mir ein so kleines Pflänzchen? Wie könnte dieser Halm einen Schub bekommen, Licht, Kraft zum Wurzeln?

Ich kann Ihnen darauf keine pauschale Antwort geben. Ich selbst taste danach, wie ich das Bild verstehe: Gott als ein Ackerbauer, der auf vielerlei geheimnisvolle Weise seinen Samen ausstreut.

Und dann fällt mir manches ein, was ich als Gottes verschwenderisches Säen begreifen möchte: Schon mit dem glänzenden Licht der Morgensonne, die uns das Gesicht erhellt. Schon mit dem Anblick einer Blume, dem Gesang der Amsel, dem Wort, das mir eine oder einer sagt.

Das alles und noch viel viel mehr können wir hören.

Doch – was bleibt? Das ist ja die nächste Frage. Gibt es Filme, Bücher, Worte, Eindrücke aus der Natur, an die ich mich auch später noch erinnere? Die ich aufnehme und speichere und weitergebe? Mit denen etwas begann. Etwas wuchs. Und nun weiter wächst und bestenfalls Früchte tragen wird?

Das ist das eigentliche Ziel allen Säens. Allen Weitersagens, allen Weitergebens. Der Glaube traut dem GottesWort mehr zu, als dass es eins unter vielen Worten bleibt. Als dass es freundlich oder auch skeptisch gehört und dann schnell wieder vergessen wird: Nämlich Früchte!

Etwas Neues soll werden! Gottes Wort soll etwas folgen. Wir sind von Jesus in die Nach-Folge gerufen. Sein Wort weckt auf, es rüttelt an gewohntem Denken. Es lässt unruhig werden. Es führt in Entschei-dungen. So jedenfalls steht mir JESUS vor Augen.

Ob es die Sonntagspredigt ist? die das auslöst? Schön, dass Sie alle da sind und mir vlt gern zuhören. Ich traue schon von Berufs wegen dieser klassischen Art des Aussäens von Gottes Wort etwas zu. – Zugleich steht dem Prediger Demut gut zu Gesicht. Denn neben dem Kirchgang muss es ja noch viele weitere Wege geben, auf denen Gott Menschen-herzen erreicht .. Nicht nur in Pandemiezeiten .. Und wäre es nicht schon viel erwartet, wenn jeder Vierte von Ihnen heute von hier berührt davongeht?

Und dann denke ich: Ja, der eine brauchte einen podcast zum Hinhören, und einen bequemen Platz zum Lauschen. Die andere Begegnung unter Gleichgesinnten. Die Dritte einen liturgisch reich gestalteten Gottesdienst, der vierte ein klares, vielleicht politisch-prophetisches Wort. Die Fünften werden sich im spirituellen Tanz, die Sechsten wohl erst in Taize für Gottes Wort öffnen. Die Siebenten warten auf den Gesang der Kruzianer, die Achten wandern zum Berggottesdienst in die Sächsische Schweiz.

Die Neunten lassen sich womöglich mit einem Geschenk erreichen, die Zehnten nicht einmal mit einem Besuch.

Sicher, dazwischen mögen auch die sein, die nur so tun, als ginge sie das etwas an, was sie aufnehmen. So, als sammelten sie Flyer, begierig, als könnten sie nicht genug davon bekommen. Aber an der nächsten Ecke legen sie die wieder ab.– Und wer bin ich unter all denen?

Martin Luther sagt: „Dies ist ein Gleichnis, das gar schrecklich ist, weil nur ein Teil von den vieren selig wird. Es bleibt nur übrig, dass man in beständigem Sehnen und Seufzen nach der Gnade dürsten, suchen und greifen muss.“ Ich sehe daran, wie verschieden die Maßstäbe sind: Nur jeder Vierte? Oder sogar jeder Vierte wird erreicht! Davon träumen Werbestrategien ..

– Von einem Kommentator dieses Textes können wir uns belehren lassen, dass man früher nach dem Säen erst pflügte. Dass also auch das Festgetretene noch einmal die Chance bekommt, tief in der Erdkrume Wurzeln zu schlagen. Wenn der Text vor diesem Hintergrund gelesen wird, dann wäre sogar viel mehr Hoffnung, als es zunächst scheint .. ! Auch unter denen, an denen die Predigt vorbeigehallt scheint, wäre noch viel zu erwarten, was aufgehen wird, nur eben unverrechenbar und womöglich viel später .. Und anders eben, als es mancher so meint.

Der Same, er wird ins Ungewisse ausgestreut. Das Wort wird in aller Freiheit gehört. Wir werden es aushalten müssen, dass es oft verhallt, verrauscht, vergeblich gesagt scheint. Dass der Same vertrocknet, ehe er Wurzeln schlägt. Ja, so ist das. Ja, auch nach eineinhalb Jahren Konfirmandenzeit ist das nicht auszuschliessen.

Der Same wird zertreten – selbstverständlich auch unter Pfarrerskindern kann es sein, dass er nicht anwächst. Und auch ein Prediger kann irre werden über einem Wort, was er doch eigentlich ansagen soll. Denken wir nur an die prophetischen Gestalten der Bibel. Auch für sie war es permanent ein Ringen um die Wahrheit, ihr Auftreten kein einfach zu absolvierender Botendienst. Und so ist es bis heute.

Und – dann wieder geht er hundertfach auf, der Same. Sprudeln plötzlich die Quellen und junge wie ältere Menschen begehren, aus ihnen zu trinken. Drängen die Fragen – und finden ausgerechnet Antworten, die aus dem Glauben hervorwachsen. Bleiben Gebete nicht Formeln, sondern werden mit heißem Herzen mitgesprochen. Klingt der Lobgesang nicht falsch und angelernt, sondern tönt er voll und kommt er aus tiefem Herzen.

Menschen spüren Resonanz. Werden selbst resonant, schwingend, vibrierend unter dem ihnen zugesagten Wort Gottes, dass da heißt: Mensch, Ich sehe DICH. Ich hab Dich lieb. Ich gehe mit Dir und will Dich wachsen sehen, wachsen sehen zum Licht und zu tiefen Wurzeln..

Lieber Gott, lass es so sein! Berühr DU mich. Berühr Du uns mit Deinem Wort. Und lass uns davon nicht unberührt bleiben! Dass es uns das Herz bewege, unseres und dass von vielen, damit es die Welt neu ins Schwingen und Loben und ins Erbarmen bringt. AMEN


Letzter Sonntag nach Epiphanias 2021

Predigt zu 2. Petr 1, 16 – 19:
Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt..

Sieh mal einer an! Schon die frühen Christen und auch dieser Verfasser mussten sich solch eines Vorwurfes erwehren! Nicht erst die Pfarrerskinder in den 70ern in der DDR.

Dein Vater erzählt Märchengeschichten! So der Lehrerssohn auf dem Heimweg von der Dorfschule. Dein Vater erzählt Märchengeschichten! (Klammer auf: Wir in der neuen Zeit aber vertrauen der Wissenschaft und der großen Sowjetunion und: Wir brauchen keinen Gott mehr.) Ich bekenne mich schuldig, ihm darauf mit einer wütenden Ohrfeige geantwortet zu haben. Der bedrängte Drittklässler vermochte noch nicht zu argumentieren – so wie der Verfasser dieses Briefes. Doch genau darauf, liebe Hörerinnen und Hörer, kommt es an, auch heute:

Ist doch im säkularen Bewusstsein auch unserer Zeit dieser Vorwurf weiter präsent:  Der Glaube – eine Einbildung. Ein Trug, der keiner Wissenschaft standhält. Eine Sicht der Welt, im Verdacht, auf einem Kartenhaus von Fabeln gebaut zu sein. Margot Honecker lässt grüßen.

Fabeln, so lehrt mich mein Fremdwörterbuch, sind phantastisch ausgeschmückte Geschichten. Wäre das so falsch? überlege ich. Wer Theologie studiert, kommt an einer Reflexion der Entstehungsgeschichte biblischer Schriften nicht vorbei. Ja, und viele von ihnen sind ganz klar komponierte Erzählungen. Ja, sie schmücken aus, was kaum sagbar ist. Sie ertasten Worte für das, was doch ein Geheimnis bleibt. Sie sagen nicht einfach nur an, wie es war und was es war. Nein, sie wollen Glauben wecken und in diesem Glauben Grund sehen für gutes, gelingendes, erlöstes Leben.

Fabeln also? JEIN. Als Kirche sind wir selbstverständlich eine Erzählgemeinschaft! Hätten wir sie nicht, die Geschichten, die uns aufrütteln und bewegen, die zu Herzen gehen und Einsichten freilegen, hätten wir sie nicht, die Geschichten, die Mut machen, wer wären wir dann? Wir würden niemanden dafür gewinnen, das Leben noch einmal anders anzublicken. Noch einmal neu auf diese Welt zu sehen.

Diese Geschichten – von der Weihnachtsgeschichte an .., wollen die große Kluft zwischen damals und heute überbrücken. Im Erzählten, so sagen wir, spricht Gott. Selbst zwischen den Zeilen eines solchen Briefes höre ich nicht nur den Verfasser, sondern auch die Autorität des Höchsten. Wenn ich es will.

Wo Geschichten Menschen prägen, wo sie für die Deutung des Laufes der Dinge herangezogen werden, dort braucht es allerdings auch Kriterien, um zu bewerten, was wir von ihnen halten können: Zwischen den vielen Geschichten, die es gibt, zwischen den vielen Stimmen, die auf uns einreden, gilt es zu unterscheiden. Wie wählen wir die aus, die unser Lebenshaus tragen? Ausgeklügelte Fabeln mögen einen gewissen Unterhaltungswert haben – aber von ihnen leben? Unser Lebenshaus auf ihnen bauen?

Ob sie sich als haltbar erweisen, wenn das Leben herausfordernd wird? Es sind – in heutiger Sprache – oft Fake News, die auf unsere Gemüter zielen und sie verwirren und für was auch immer für Ziele einspannen.

Eine wahre Geschichte aber, wie erkenne ich sie? Wohl so, dass ich in sie auch meine Lebensgeschichte hineinschreiben mag. Mein Leben auch in ihr entdecke.

Der Verfasser des Petrusbriefes – das ist nicht Petrus selbst. Nein, es ist ein uns namentlich Unbekannter. Ein Christ, der das, was ihm selbst wichtig ist, unbedingt weitergeben will. Wie lange hat er an seinem Brief gesessen!? Hat ihn um- und umgeschrieben. Dann aber unterstellt er ihn und sich der Autorität des Petrus und bekennt mit seinem Vorbild: Dieser Jesus ist keine literarische Kunstfigur. Er ist nicht von Spinnern ersonnen worden, um noch mehr Spinner auf dieser Welt zu sammeln. Nein, hört hin! Hört auf das, was Menschen sich von ihm erzählen: Eben in IHM hat Gott sein Gesicht gezeigt.

Damals wie heute erweisen sich Geschichten als wahr, weil ich mich im Geschehen entdecken kann, von dem sie erzählen. Das geht mir manchmal auch mit guter Literatur sonst, das geht mir mit Liedtexten so. Aber ganz sicher mit Texten der Bibel: Ich trete mit an die Krippe. Ich weiß mich selbst mit meinen Unfertigkeiten und Schuldanteilen gütig angesehen. Ja, ich ringe doch selbst darum, dass mir oder meinen Lieben Gott erspart, diesen oder jenen Kelch des Leides zu trinken. Weil ich mit eigenen Augen sehe, .. so redet der, der in die Rolle des Petrus schlüpft. Er weiß von ihm, dass er mit Jesus und Johannes auf einen Berg stieg, und dort die Herrlichkeit Gottes schaute. Und sich Gott dort zu Jesus bekannte .. Bei Mt. 17, 5 finden wir diese Gipfelgeschichte, die der Briefverfasser vor Augen hat. In der Langform hätten wir sie im heutigen Gottesdienst als Evangelium gehört ..

Er, der uns schreibt, war nicht mit auf dem Berg. Und doch kann ers nicht lassen, von dem zu reden, was er selbst mit den Augen und Ohren seines Glaubens gesehen und gehört hat. Und wir? Haben wir Ohren für solches Reden? Kann uns ein solcher Zeuge überzeugen? Oder sein Brief uns wenigstens anrühren, so, dass wir innehalten und ins Fragen kommen?

Oder gehören wir zu denen, die es selbst kaum lassen können, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört haben .. ? Jetzt, am Ende des Weihnachtsfestkreises. Jetzt, an diesem Punkt des angefangenen Jahres. Jetzt, in diesem Moment unserer Biographie ..

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. Auch wir kommen von der Krippe. Auch wir gehen aus dem Weihnachtslicht in den Alltag des Jahres.

Ich wünsche es mir in meiner Berufung, als Prediger nicht verstummen zu müssen.. Ich wünsche es uns allen, dass wir uns nicht verschließen vor dem, was unseren Glauben nährt, sondern es einfach nicht lassen, zu lauschen, wo uns Gottes Stimme im Leben berührt. Und uns nach Seinem Licht ausstrecken.

Wie gern würde ich jetzt mit Ihnen das Lied: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht .. singen. (..) Es hat Hoffnung und Zukunft gebracht. Es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, scheint wie ein Licht in die Dunkelheit.

Auf lange Sicht können wirs ja nicht lassen, von dem auch zu singen .. was uns heute noch allein der Orgelklang zuspielt .. !

Das Weihnachtslicht bleibe uns vor Augen, auch wenn die Bäume fallen. Und der Friede und die Freude, die Gott in Jesus Christus bereitet hat, erhelle unsere Herzen und Gemüter übers ganze noch im Ungewissen liegende Jahr 2021.

AMEN


Predigt zu Lukas 16, 1 – 8 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, am 15. November 2020

Liebe Gemeinde,

das ist doch Stoff für einen Sonntagskrimi: Auf Vergeudung beschuldigt, mit allen Mitteln um seine Existenz kämpfend, sich schlitzohrig Vorteile verschaffend, und dann: Unerwartet gelobt .. – all das und noch mehr ist im Gleichnis
Vom ungetreuen Haushalter
versammelt:

Jesus erzählte: Es war aber ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter, und der wurde vor ihm beschuldigt, er vergeude ihm seine Güter.

Er ließ ihn rufen und sprach ihn an: Was höre ich von Dir? Gib Rechenschaft, sonst kannst Du nicht mehr ein Haushalter sein!

Der Haushalter sprach zu sich selbst: Was soll ich tun? Der Herr nimmt mir mein Amt – aber ich schäme mich zu betteln und verstehe mich auf nichts anderes.

Ich weiß, was ich tun will! Etwas, was mir ein Unterkommen verschafft, wenn ich vom Amt abgesetzt werde. Da rief er die Schuldner seines Herrn zu sich, einen jeden für sich, und fragte den Ersten: Was bist Du meinem Herrn schuldig?

Der antwortete: Hundert Tonnen Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldbrief, lass uns flugs fünfzig daraus machen!

Dann redete er einen anderen an: Und Du? Was bist Du schuldig? Der antwortete: Hundert Scheffel Weizen! Und er sprach zu ihm: Nimm Deinen Schuldbrief, und mach achtzig daraus!

Und der Herr? Er lobte den ungerechten Haushalter. Er habe klug gehandelt.

Denn die Kinder dieser Welt sind untereinander klüger als die Kinder des Lichtes.

Es ist wohl mehr als bloßer Zufall, dass der ehemalige Bischof von Pommern und Mecklenburg, Hans-Jürgen Abromeit, eine Reihe der Leipziger Universitätsgottesdienste unter dem Motto „Worüber ich nie predigen wollte ..“, zu der Bischöfe aus ganz Deutschland eingeladen waren, ausgerechnet mit der Predigt über Lukas 16, 1 – 8 eröffnete.

Wer will denn freiwillig über diese Verse predigen? Sie etwa?

Ich – auch nicht. Was hat der Text denn mit Gott zu tun? Kann er dem Glauben irgendeine Facette des Verstehens entlocken? Irgendeinen neuen Zugang zu  Gottes fremder Stimme in unserer Welt verschaffen? Wenn er nicht begänne mit den zwei Worten: Jesus erzählte.. dann hätte er keine Chance, an diesem  Sonntagmorgen deutschlandweit öffentlich bedacht zu werden. – Und dann streift mein Blick auch noch das harte Urteil Eugen Drewermanns: „Diese Geschichte zählt zu den peinlichsten im Neuen Testament ..“

Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter. Er habe klug gehandelt.

Wer dennoch versucht, zu verstehen, was er hier hört, wird in zwei Richtungen interpretieren können: Entweder geht es um den verantwortlichen Umgang mit Geld, mit Besitz. Dann ist`s doch auch ein Text für den Elbhang! Da könnte man ihn als Aufforderung hören, sein Vermögen ethisch angemessen einzusetzen. Als Ruf, die soziale Spaltung zwischen Reich und Arm zu überwinden oder überhaupt erst einmal zu sehen. So könnte in einigen wagemutigen Entscheidungen mehr eine Spur vom Reich Gottes in dieser Welt aufblitzen. Wenn Sie so wollen, ein bischen wie bei Robin Hood. Aber auch wie in der subversiven prophetischen Ansage, die Maria im Magnificat singt: Die Hungrigen füllt er mit Gütern / und lässet die Reichen leer ausgehen ..

Korrigierte Schuldscheine. Eine Erinnerung an Gottes Gerechtigkeit, die im Gewand einer Schurkengeschichte daherkommt .. ?!

Oder aber? Oder – der Text wird so ausgelegt, dass er anhält, die verbleibende Zeit klug zu nutzen. Dass er auffordert, angesichts der herannahenden Gottesherrschaft, die Jesus verkündet, oder angesichts des Jüngsten Tages, des Weltendes oder auch angesichts der eigenen verbleibenden Lebenszeit jetzt das Richtige zu wählen.

Da werden wir erinnert, dass wir dereinst Rechenschaft zu geben haben. Da wird verantwortliches Handeln angemahnt – mit einem scheinbar völlig unverantwortlichen Manöver. Das ist biblisch, ja, aber logisch, ist es das auch?

Solche Interpretationsversuche beziehen sich auf einen der dem Gleichnis nachfolgenden Verse. Und versuchen, einen erhellenden Punkt für das Ganze zu erkennen. Das Problem ist nur: Die nachfolgenden Verse stehen querbunt zueinander. Einer heißt: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit – wenn es zu Ende ist – sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Gleich darauf aber heißt es: Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu..

Raten Sie mal, welcher der Verse in den meisten Bibelausgaben fettgedruckt ist!

Was aber meint nun Lukas? Und was hat er da von Jesus her wirklich gehört .. ?

Am einleuchtendsten fand ich eine neuere Interpretation, sie stammt von Eckart Reinmuth, einem Rostocker Neutestamentler. Reinmuth sieht den Schlüssel zur Auslegung der Verse darin, das ganze Lukas-Evangelium auf sich wirken zu lassen. So versteht er ihn in einem Zusammenhang mit all den Gleichnissen, die von Verlorenen handeln – vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Schaf .. Der Perle, die gesucht werden muss, dem Schatz im Acker .. Sie wissen schon.

Das Gleichnis antwortet dann auf Kritik, die Jesus erfährt. Und wo erfährt Jesus die meiste Kritik? Ja, immer dort, wo er mit Sündern umgeht. Mit ihnen redet. Mit ihnen isst. Gar in ihr Haus einkehrt!

Eckart Reinmuth identifiziert mit dem verschwenderischen Verwalter ausgerechnet – Jesus selbst! Jesus ist der, der den Schuldnern soweit entgegenkommt! Und der das scheinbar nicht aus der eigenen Tasche bezahlt ..

Reinmuth sagt: Es geht überhaupt nicht um Weizen und Öl, ökonomische Gegebenheiten sind garnicht gemeint. Sondern: Der Text verteidigt das Handeln Jesu, die Logik seines  Tuns. – Darauf muss man erst einmal kommen!

Ich zitiere: „Als Veruntreuender handelt er im Sinne dessen, der nichts anderes will, als das sein Reichtum vergeudet wird.“ Verrückt – gibt es das: Reichtum, der vergeudet, verschleudert, der unter die Leute gebracht gehört??

Das eben tut Jesus! Er wirft kein Geld aus dem Fenster, nein! Aber sein Handeln, etwa wenn er bei Zachäus einkehrt, lässt sich als Ausdruck des Willens Gottes verstehen, denn „Jesus verschwendet mit seiner bedingungslosen Annahme von Sündern den Vergebungsreichtum Gottes.“ Jesus tut genau das, was ihm vorgeworfen wird. Seine unglaublich alternative Beziehung zu Gott, den er Abba, Vater, nennt, war für viele Zeitgenossen höchst anstössig. Und wurde kritisiert. Und so kommt es zur Pointe, dass die Verschwendung des Verwalters als Bestätigung am Ende sogar das Lob des Herrn, also Gottes, erhält!

Lukas erzählt, was er von Jesus denkt. Was ihn an IHM so fasziniert. Das, was er uns hier im Gleichnis erzählt, das ist überhaupt nicht logisch, das ist christo-logisch.

Es geht nicht, so Reinmuth, um eine Anleitung zu einem christlichen Verhalten. Also, berufen Sie sich bei geplanten Schurkereien in der neuen Woche bitte nicht auf diesen Text! Sondern es geht um das, was Jesus tat. Was er uns Menschen ist. Wie durch IHN diese Welt irritiert und hinterfragt wird.

Öl und Weizen schuldet, liebe Gemeinde, bestimmt niemand unter uns. Aber dennoch ist jeder 11. Dresdner Haushalt hoch verschuldet. Und wir alle schulden einander viel – bleiben einander viel schuldig und werden garnicht fertig, einander gerecht zu werden. So lässt sich – modern – auch vom SünderSein reden.

Wir bleiben Gott und einander viel schuldig. Das aber ist kein Evangelium. Höchstens Grund, nun bußfertig die Köpfe hängen zu lassen. Hier aber hören wir anderes!! Unglaublich Anderes!! Ein Evangelium!!

Wie wäre es, einen Herrn zu haben, der mir – obwohl ich versage – nah bleibt und mich nicht hochkantig rauswirft? Was für eine Sorte Reichtum ist das, der geradezu vergeudet gehört, damit er als Reichtum erkannt wird? Und – was für eine Freude wird dadurch unerwartet geweckt! Märchenhaft, dass Schuldbriefe zerrissen werden. Märchenhaft, dass Geduckte aufatmen. Märchenhaft, dass Sünder begnadet und Kleinkriminelle ihrer Schlauheit wegen gelobt werden!

Aber – nicht nur ein Märchen: Evangelium, frohe Nachricht ist das! Und die haben wir in diesen Zeiten bitter nötig.

Permanent wird ja Rechenschaft gefordert. Wer macht was richtig, wer was falsch? Bohrende Fragen, fast wie am Jüngsten Tag.

Und wenn Bilanz gezogen wird, bedarf es garnicht unbedingt der Richter von außen. Versammeln sie sich nicht auch in einem selbst? Es sind die eigenen Stimmen, die zweifelnd fragen: Was habe ich richtig? Was habe ich falsch gemacht?

Es sind oft die eigenen Stimmen, die Menschen kleinhalten und ängstigen.

Dorthin gehört die Botschaft von der verschwenderischen Liebe Gottes. Sie bedarf offener Ohren. Offener Herzen. Oft begegnet sie allenfalls einer gehörigen Portion Skepsis. Ist die Rede vom liebenden Gott zu schön, um wahr zu sein .. ? Das Gleichnis behauptet nicht, dass alle (!) Schulden erlassen werden. Verschwenderisch geht es dennoch zu. Gnädig. Fröhlich.

Und erst der kann ermessen, was das bedeutet, der ganz anderes erwartet hatte. Der überrascht wird. Wie die Schuldner. Wie der ungetreue Verwalter. Wie wir, wenn wir bisher in einer Frömmigkeit steckten, die immer nur ängstlich fragt, ob wir alles richtig gemacht haben.

Im Wochenlied für diesen Sonntag heißt es noch: O Jesu Christ, du machst es lang / mit deinem Jüngsten Tage;/ den Menschen wird auf Erden bang / von wegen vieler Plage. / Komm doch, komm doch, du Richter groß, / und mach uns bald in Gnaden los / von allem Übel. AMEN.

Den Öl- und Weizenschuldnern, dem Hausverwalter und vielen Menschen, die Jesus begegnet sind, ist es so ergangen. Sie haben die Güte Gottes gespürt.

Legen auch wir die Angst ab, etwas nicht richtig gemacht zu haben. Gott in seiner verschwenderischen Liebe hat uns so geschaffen, wie wir sind. Umarmt uns – wie der Vater den verlorenen Sohn.

SEIN Friede mag unter uns einkehren. Unsere Herzen bestärken, unsere Sinne erhellen. AMEN

Predigtlied: Blaubuch 12:

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht, bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite: Herr erbarme dich.

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich. Wandle sie in Stärke; Herr, erbarme dich.

Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit, bringe ich vor dich. Wandle sie in Wärme: Herr, erbarme dich.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich.


Predigt zu Markus 8, 1 – 9 zum Erntedank- und Kirchweihfest 2020

Liebe Festgemeinde,

wie jedes Jahr wehen am Turm die Fahnen, strömen wir hierher und kommen nicht mit leeren Händen. Wir winken uns zu, singen gemeinsam unsere Erntedank-Hymne .. – und doch ist es nicht wie jedes Jahr.

Das spüren wir, halten wir doch anständig Abstand statt aufeinanderzu zu gehen, und zählen auch nicht wie sonst 200, gar 300 Freunde der Loschwitzer Kirche. Leider! – Immerhin aber hören wir miteinander auf das Evangelium des Tages:

lectio Mk 8, 1 – 9

4.000 kamen damals zusammen, so wird erzählt. Ein Menschenauflauf, um Jesus zu hören. Abstand werden sie nicht gehalten haben, wieso auch? Nein, herandrängten sie sich, einander und vor allem Jesus nah zu sein.

Solche Nähe muss uns in dieser Zeit suspekt sein. Wir könnten einander anstecken .. Wir gehen auf Abstand, um überhaupt guten Gewissens da zu sein. Mag das der Festfreude nicht abträglich werden! Jesus-Begeisterung aber sieht anders aus.

Noch mehr unterscheidet uns von den Männern und Frauen und Kindern, von denen der Evangelist Markus erzählt: Sie waren – hungrig. Am Abend eines aufregenden Tages knurrten die Bäuche. Wann sind WIR noch hungrig? Wann schauen wir wie diese Menschen aus nach Nahrung für Leib und Seele .. ?

Sie waren mit der Erwartung gekommen, hier würde ihre Sehnsucht, ihre Neugier, ihr Hunger gestillt. Schon drei Tage campierten sie im Freien. Ein biblisches Woodstock. Ja: Jesus hatte ihre Seelen genährt. Nun aber klopfte der leibliche Hunger an.

Wir dagegen kommen von Nutellacroissants und Spiegelei mit Schinken. Nagt nach dem Sonntagsfrühstück noch irgendein Hunger? Einer nach Gemeinschaft vielleicht? Nach fühlbarem Sich-Wiedersehen? Nach einem Zipfel der Festfreude, wie sie uns sonst überkam, wenn Erntedank & Kirchweih in Loschwitz zusammenfielen? Ein Hunger der Seele.

Einige von ihnen hatten kleine Fische in der Tasche. Trockenfisch. Und noch Reste vom Brot des Vortages. Was bringen WIR mit? Wer könnte uns aus seiner Tasche mit versorgen? Wessen Herz fließt so über, dass es der Nachbarin gut tut?

Ich bin nicht sicher, ob wir uns in die Not der Menschen hineinversetzen können, von denen hier erzählt wird. Sind wir denn manchmal hungrig? Oder nicht oft so satt? An Nahrung hat es selbst in den vergangenen Krisenmonaten nie gefehlt. Aber .. dennoch wachsen Ängste in die Höhe. Scheint Wesentliches rar zu sein. Ahnt mancher, es könnte Kostbares verlorengehen: Nähe gehört dazu. Gemeinsinn. Die Chance, unbegrenzt einzuladen. Und wer weiß schon, wo es lang geht? Wer weiß schon, wie lange dieses Virus noch spukt?

Manches Lachen und sogar manches Leben, manche liebe Gewohnheit und bestimmt auch ein sympathisches Maß an Gelassenheit sind ein Raub des Virus geworden.

Und dennoch: Pflügen und Streuen, Ernten und Loben. Speisen und Sammeln.

All die Hungrigen werden satt UND dann kommt auch noch ganz viel in die Tüte für morgen .. ist der Brotkorb auch morgen noch nicht leer: Doppelt wunderbar geht es zu bei Jesus – Menschen entdecken, berührt von Seinem Geist, bisher ungekannte Ressourcen in ihren Beuteln, in ihren Herzen. Sie teilen und ihre Sorge, es würde nicht reichen, schwindet dahin.

Dort, wo Jesus am Platz ist, wird keine und keiner ohne Brot und ohne Wort fort-geschickt. In seiner Gemeinschaft wird nichts weggeschmissen. Ob das auch bei uns gilt? Dass es nachhaltig zugeht. Und keiner, aus Angst, zu kurz zu kommen, klamm-heimlich hamstern muss? So sehr wäre es zu wünschen. Zu hoffen. Dafür zu streiten!

Liebe Gemeinde, das ist kein Text, um uns nur von damals zu erzählen. Jesus redet ja Dich und mich heute an! Jetzt und hier werden wir, die wir uns auf den Hörmodus verlegt hatten, zu Beobachtern der Menschenmenge, die da eben noch hungrig war und sich nun die Finger leckt. Werden Zeugen, wie sich Sorge in Lachen und Problemanzeigen in tatkräftige Zuwendung verwandeln. Mögen wir uns mit den Jüngern damals wundern: Wie konnten wir eben noch so besorgt sein?

Die Jünger erleben, wie sich ihre Fragen und Zweifel in Staunen und Mut auflösen. Könnte das doch auf die überspringen, die sich heute sorgen! Um die Welt im Großen und Konkreten – um unsere Gemeinden etwa, die Kirche Jesu heute. Ja, da brechen Kontinuitäten ab. Ja, wir zahlenfixierten Menschen sehen, dass die Zahl ihrer Mitglieder kleiner wird. Aber sie ist doch groß und gesegnet. In uns, in unseren Taschen und Herzen steckt so viel Gutes, was wir teilen und für uns und miteinander geniessen können. Und weitertragen an Jüngere und Jüngste..

Nicht nur der Erntedank-Altar mit seinen bunten Gaben, auch der Zustrom an Kirch-geld übers Jahr und die staunenswerte Entwicklung der Stiftung unserer Gemeinde erzählen von solchen Ressourcen. Brote und Fische – das sind auch die Begabun-gen vieler Engagierter in und neben der Gemeinde, die Vielfalt der Netzwerke, in denen Menschen Halt und Mut und Seelsorge und Orientierung und manchmal wie auch in Corona-Zeiten ganz praktische Hilfe in unserer Stadt finden. Ein Reichtum, der gewürdigt sein will. Ein Reichtum, von Jesu Geist befördert und gefördert und immer wieder herausgefordert angesichts des Hungers und der Nöte, die in Men-schenherzen aufbrechen!

Jesus hat es seinen Freunden, den Fischern, abgesehen: Da wird das Netz geflickt – und dort reißt es neu auf. Immer wieder ist es ein Wunder, dass alle satt werden – es ist nicht selbstverständlich. Erst dereinst in Gottes Reich werden sie alle aus Ost und West, Nord und Süd kommend, an Seinem Tisch sitzen und tafeln und lachen und satt werden und sich darüber auf die Schenkel klopfen – so wie damals die 4000.

Brot und Fische – Geld und Zeit, Talente und Fähigkeiten, mit denen steht und fällt, ob andere satt werden, begleitet werden, getröstet weitergehen, Mut fassen. Setzen wir sie ein, wo wir sie an und bei uns entdecken! Und hören wir Jesus das Segens-gebet sprechen, wenn wir davon teilen. – Lassen wir uns locken, etwas hinzugeben von dem, was wir empfangen haben. Unendlich groß wird das Glück, wo viele beginnen, in ihren Taschen zu kramen und fündig werden. Staunenswert, was da gelingt, wo viele teilen: Da entsteht aus einer Ruine DIESER Kirchenbau. Oder die Frauenkirche. Schönste Blüten der deutschen Einheit, wenn die schon nicht alles zum Blühen gebracht hat. So doch das und vieles mehr!

Jesus schickte sie nach hause. Er schickt auch uns aus dem Fest wieder in den Alltag. Vom Tafeln und Ernten zu wieder neuem Säen und Pflügen. Damit sich ausbreite, was uns leben lässt. Damit uns in aller Not und Besorgnis erneut das Staunen überkommt, wie Gott für uns sorgt. Mehr als für die Lilien auf dem Feld und für die Vögel unter dem Himmel.

Wenn uns das nicht demütig und dankbar stimmt, dann stimmt etwas mit uns nicht.

Wenn uns das nicht lockt, einander zu versorgen – und um unsere Erde, dem Ort für alle zukünftige Ernte, Sorge zu tragen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft, erhelle und erhebe unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Heiland, AMEN


Und ein Gebet, formuliert von Loschwitzer Konfirmanden:

Wir sagen Danke zu Gott, weil ..

Bei uns viele tolle Sachen im Garten gewachsen sind: Erdbeeren, Tomaten, Gurken.

Weil wir Gesundes essen können.

Weil wir genug zu essen haben und wir uns keine Sorgen machen müssen.

Wir bitten darum, dass ..

Es allen so gut geht wie uns

Dass jedes Tier frei leben kann so wie ein Mensch

Dass nachgedacht wird, bevor man sein Essen einkauft.

Dass wir teilen lernen und es zwischen den Ländern gerecht zugeht

Dass wir innehalten, bevor wir zulangen

Dass wir wissen, was genug ist.

AMEN


Kurzpredigt zu Trinitatis zum Aaronitischen Segen in Coronazeiten 2020

4. Mose 6, 22 – 27:
Der HERR segne dich und behüte dich /
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig /
Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

Liebe Gemeinde, kommen diese Sätze nicht zu früh? Sie stehen doch immer .. Ja, erst am Ende des Gottesdienstes werden sie gesagt. 

Heute aber werden sie uns zur Predigt empfohlen! Heute, im Gottesdienst am Trinitatis-Sonntag. Dieser Tag wird im Kirchenjahr gleich nach Pfingsten noch einmal zum Fest, nach dem sich die vielen Sonntage bis zum Kirchenjahresende zählen lassen. Dieser Tag atmet ein großes Staunen. 

Das wird auch heute und hier erkennbar: Mit einem staunenden Ausruf begann das Wort der Epistel (Römer 11, 33 ff.): Oh, welche eine Tiefe des Reichtums und der Erkenntnis Gottes!

Wer so ruft, hat etwas begriffen von der Dimension, die der Gottesglaube dem Menschenleben eröffnet. Sooo weit wird mein Horizont, wenn ich nicht in mir gefangen bleibe! Sooo froh und dankbar kann ich werden, wenn ich nicht nur hinnehme, was da kommt. Nicht nur konstatiere, was da ist. Sondern in allem und jedem Gottes Finger im Spiel sehe. Und auch der Klassiker aus dem Evangelischen Gesangbuch, das sooo feierlich getragene Lied „Großer Gott, wir loben dich..“ kommt als ein einzigartiger Lobgesang staunender Beter daher.

Mir ist dieser Zugang zum Trinitatis-Sonntag näher und einleuchtender als die verkopfte Frage: Ob ich wohl heute verstehe, was Trinitatis meint? Natürlich bleibt es nicht beim Staunen. Führt das Staunen zu Fragen, die nach Antwort suchen. Wer ist Gott? Wie ist Gott? Wo ist Gott? Und die Lehre von einem Gott in drei Gestalten, von der sogenannten Dreieinigkeit, ist nicht gerade eingängig. Sie ist ein Versuch, Antwort zu finden auf die Fragen, die aufbrechen, wenn wir dem besungenen ,großen Gott‘ nachdenken, nachsinnen. Staunend lässt sich formulieren, dass Gott uns und alles, was uns umgibt, geschaffen hat. Staunend lässt sich in der Person des Jesus aus Nazareth der Mensch erkennen, der in seiner Einmaligkeit und Vollkommenheit gottgleich genannt werden kann. Und wer gerade Pfingsten gefeiert hat, erinnert mit der Rede an Gott auch den Geist, den Lebensatem, der von Anbeginnn der Schöpfung alles schafft und es Tag für Tag neu werden lässt. Trinität. Ja, zugegeben, eine Formel, um den unfassbaren Gott zu begreifen. Manch einem verhilft solch theologisches Denken zu Erkenntnissen. Mancher kommt dem Unfassbaren so doch näher. Andere, die davon nur beirrt werden, sollten einfach beim Staunen bleiben! 

Beim Staunen, mit dem sich auch der AaronitischeSegen hören und lesen lässt. Der Herr segne dich und behüte dich .. Wer sich diese uralten Worte zusagen lässt, mag von ihnen berührt werden – so wie unzählige Menschen, die vor uns gelebt und geglaubt haben.

Er ist keine fromme Formel. Auch kein Gottesbeweis. Nein, ein Segen – und damit etwas zwischen Wunsch und Zusage. Ein Wort, angewiesen darauf, dass ich es an mich heranlasse. Mein Herz öffne. Mich ansprechen lasse. Der Autorität vertraue, die es mir – gerade mir – zusagt. Dieses Wort spricht mir eine Zuwendung zu, die unglaublich scheint: Der ferne Gott, der Schöpfer der Welt, der Herr über Himmel und Erde hat MICH und DICH im Blick. Hält Gutes bereit. Dieser Gott durchbricht alles, was uns Menschenkinder von IHM trennen könnte. ER blickt uns mit einem erleuchteten Antlitz an. Und macht damit unser Leben gleichsam selbst hell. Das alles wird jedenfalls zugesprochen, dem und der zugesprochen, die sich auf dieses Wort einlässt. 

Wie oft mögen Sie es im Leben bereits gehört haben? Vor und erst recht seit Ihrer Konfirmation?? Wie oft ist es an Ihnen vorbeigerauscht – und wann wirklich angekommen?

Ich höre immer wieder Menschen sagen: Der mir zugesprochene Segen gehört zum Kostbarsten, wasmich in die Kirche zieht. So soll es auch heute sein, wenn Sie sich Ihrer Konfirmation erinnern. Damals ist Ihnen der Segen Gottes zugesprochen worden. Auch heute lassen wir uns von ihm umhüllen. Damit er uns in und durch alles offen vor uns Liegende hindurch trägt. .. 

Wer weiß schon, durch was alles hindurch Sie und mich Gott geleitet hat!

Segensworte wirken für sich und gerade dieser in seinen Worten und Bildern so geprägte Segen! Er weist weit zurück in die Zeit des alten Israels, er ist verbunden mit der Gestalt des Hohepriesters Aaron, des Bruders von Mose. 

Er weckt auch die Frage, wie wir einander zum Segen werden. 

Wer ist mir zum Segen geworden? Und wem kann ich es werden? Und wo ist Gott in diesem Geflecht von weitergereichtem Guten?

Was auch sonst im Leben zur Frage werden kann, das rückt uns heute im Hören auf das ach so vertraute Segenswort plötzlich nahe. 

Denken wir an Eltern, an Lehrer und Pfarrer? An Frauen und Männer, die wir geschätzt, die uns geprägt haben? An Menschen, die womöglich schon lange nicht mehr unter uns leben? 

Von dem, was uns Gnade und Behütung heißt, davon,  was uns Frieden und Gottes leuchtendes Angesicht bedeuten, lasst uns nun Jüngeren erzählen – und den Segen weiterreichen, von einer Generation zur anderen. 

Es lohnt sich, diesem Segen zu trauen. AMEN

Mitglieder der Loschwitzer Kantorei singen im coronagerechten Abstand den alten Trinitatishymnus „Alta trinita beata“ – staunende Anbetung und anbetendes Staunen über das Wunder der Dreieinigkeit.
Deutsche Übersetzung: „Hohe, selige Dreieinigkeit, immer von uns angebetet. Herrliche Dreieinigkeit, wunderbare Einheit, du bist das köstlichste, begehrenswerteste Himmelsbrot.“


Gruß zum Pfingstfest

Im Orgelgruß zum Pfingstfest 2020 sind zwei Sätze aus der Partita über den Choral „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ von Johannes Weyrauch (1897 – 1977) zu hören. Es werden besonders die dritte und vierte Strophe des alten Pfingstchorals (im Gesangbuch Nr. 124) bedacht – eine Medidation über die Liebe und ein kräftiger tröstlicher Zuspruch.


Gruß zu Christi Himmelfahrt
und Sonntag Exaudi

Für dieses lange Wochenende gibt es jedenfalls wieder Musik aus unserer Kirche und zwar zusammengefasst für Christi Himmelfahrt und den Sonntag Exaudi. Es ist mal keine choralgebundene sondern freie Orgelmusik von Johann Ludwig Krebs (1713 – 1780), einem Schüler Bachs, die uns fröhlich in Richtung Pfingsten begleiten soll.

Allen ein gesegnetes Wochenende auf dem Weg zum Pfingstfest,
Ihr/Euer Kantor Tobias Braun


Gruß am Sonntag Rogate

Auch zum 5. Sontag nach Ostern, dem Sonntag Rogate (Betet) soll es wieder einen Gruß aus unserer Loschwitzer Kirche geben. Das Thema des Sonntags ist das Gebet und ein Hauptlied dazu ist die Verdichtung des Vaterunser durch Martin Luther in seinem Choral „Vater unser im Himmelreich“ (EG 344). Dietrich Buxtehude (1637 – 1707) hat dazu, wie viele andere Komponisten auch, eine Choralbearbeitung geschaffen.

Allen ein schönes Wochenende und einen gesegneten Sonntag,
Kantor Tobias Braun


Sonntag Jubilate, 3.5.2020

Kurzpredigt am Sonntag Jubilate –
in Coronazeiten 2020

Grund zum Jubeln?? Kennen Sie einen? Kennen Sie viele Gründe?

Die Geburt des Enkelkinds? Eine neue Liebe? Endlich das Geräusch prasselnden Regens über unseren staubtrockenen Fluren – oder blauer Himmel an einem neuen Morgen? Grund zum Jubeln kann auch die gefürchtete Abi-Prüfung sein, die plötzlich hinter mir liegt ..

Oder diese Zahl: Bisher weit über 9.000 ! Zugriffe auf den Gottesdienst im Netz, der am vergangenen Sonntag aus unserer Loschwitzer Kirche gesendet wurde. Was für ein Segen! Wie viel Grund, sich zu freuen.

Jubeln würde die Familie, die so dringlich eine Vier-Raum-Wohnung sucht.

Dazu bezahlbar. Haben Sie so eine zu vermieten? Andere sind bescheidener: Wünschten einfach, dass auch ihre Kinder wieder in die Schule eingeladen wären – und ein Stück Normalität einzöge. Wieder Andere würden gern wieder vor Publikum öffentlich musizieren – oder endlich einmal Urlaub machen nach vielen Wochen des Krisenmanagements ..

In diesen Zeiten permanent schlechter Nachrichten – Infektionskurven und  Todeszahlen, die steigen, Konjunkturdaten, die einbrechen – sehnt sich wohl jeder danach, das zu finden, was das Herz freut. Kantor Braun hat davon einiges gleich rund um die Loschwitzer Kirche gefunden, zeigt es auf dem YouTube-Kanal an diesem Sonntag – und jeder, der Auge und Ohr hat, mag den durchgestarteten Frühling als Augenweide in dieser Zeit begreifen! Ohnehin sind mittlerweile auch viele krisenfeste Zeitgenossen zu treffen. Die Grundstimmung, die mir begegnet, ist nicht eindeutig negativ, nein, mancher entdeckt auch im eingeschränkten, verlangsamten Modus des Alltags Gründe zur Zufriedenheit.

Manches Beglückende hat freilich auch seinen Preis – oder ist nicht einfach aus dem Zusammenhang gerissen zu feiern. So unerwartet der Rückgang des Ausstosses von Treibhausgasen in diesem Jahr weltweit zu konstatieren ist, so sehr er die Klimabewegten unter uns froh stimmen wird, kommt er doch mit der Kehrseite der sonstigen Folgen des Virus daher .. Die Krise als Chance – nicht jeder wird das gern hören.

Einen wirklich uneingeschränkten Jubel stimmt uns der 66. Psalm an. Jubilate Deo omnis terra ..  „Alle Welt“ lädt er ins Lob Gottes ein – alle Welt und darin auch uns. Lassen wir uns darauf ein?

Lassen wir uns ansprechen, zu Gottes „neuer Schöpfung“ zu gehören? Rebe am Weinstock Gottes zu sein, von dem Jesus einladend redet. Uns in einem weiten Zusammenhang zu begreifen, der uns zum Miteinander heraus-fordert und uns in unserer Individualität an die Menschen neben mir weist?

Sehe wir doch einmal hin, wer da ist!

Sehen wir einander an, wenn wir nun öfter wieder zusammensitzen können. Auch auf den Elbwiesen. Auch in den Kirchenbänken und bald auch hoffentlich wieder im Cafe und im Konzert. Nein, es ist noch nichts wieder selbstverständlich.

Und so mancher auch in unserer Stadt ist erkrankt. Und mancher ringt zwischen Tod und Leben.

Das ist ein Teil des Geheimnisses, das dazu führt, das Menschen in Jubel auszubrechen vermögen: 

Nichts ist selbstverständlich .. Nicht die großartige Erfahrung der Osternacht. Nicht die Tat Gottes, der in der Auferweckung Jesu Christi das Leben den Tod überwinden lässt.

Nichts ist selbstverständlich: Mein Leben nicht, jeder neue Morgen, an dem ich atme.. Nicht, dass der geplante Tag der Konfirmation auch stattfinden wird – und nicht, dass ich JA sage dazu, getauft worden zu sein.

Zusammen sitzen die ersten 15 oder 2 mal 15 Besucher unseres Loschwitzer Gottesdienstes hier in der Kirche und singen. Singen EG 110: „Die ganze Welt“ – also omnis terra – „fröhlich ist“! Singen von den Vöglein und hoffentlich gar wie die Vöglein. Singen von der güldenen Sonne und ermuntern einander dabei, die Stimmen zu erschwingen ..

Jubel in die Stimme zu legen .. Recht betrachtet, haben wir alle dazu Grund  – oder etwa nicht? – Weil der Sonntag heute Jubilate heißt, einer der fröhlichsten im ganzen Kirchenjahr, ist uns allen zur Aufgabe gegeben, uns darüber Rechenschaft zu geben! Und froh zu werden – wie alle Welt!

Ihr und Euer Pfarrer Markus Deckert


1. Sonntag nach Ostern, 19.4.2020

Ein Wort zum Sonntag Quasimodogeniti in Corona-Zeiten

EG 108, 1 Mit Freuden zart zu dieser Fahrt  laßt uns zugleich fröhlich singen / beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen. Das ewig Heil wird uns zuteil, denn Jesus Christ erstanden ist, welchs er läßt reichlich verkünden.

Liebe Gemeinde, ich grüße euch und Sie ,eine Woche danach‘!

Sieht man uns an, dass wir Ostern gefeiert haben? Oder sieht man uns nur an, dass wir wieder einmal einen Friseur brauchten??

Unsere Kirche steht im Schmuck der Osterfestzeit: Statt stachligem Christusdorn sind es nun rote und gelbe Tulpen .. und es sind Eure hierher gebrachten selbstgestalteten Ostereier – eine Augenweide! Und draußen vor der Kirchentür sind es die von Konfirmanden zugespielten Bibelworte – ihre gewünachten Konfirmationssprüche als eine Bestärkung am Weg! Das Lied, das uns Kantor Braun spielt, ist alt, aber noch frisch und fröhlich ..

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen .. so beginnt es. Fahrten sind derzeit nur im nahen Umkreis gestattet. Nix mehr mit Skifahren in Tirol, wie es doch sonst mancher in den Osterferien meinte, zelebrieren zu müssen. Aber – wie wäre es mit anbaden ..? Das geht auch hier. Ich hab es am Ostersonntag vollbracht. Na, vollbracht? Waren es doch 24 Grad in der Sonne ..

Anbaden zu Ostern, das ist gar nicht so weit hergeholt! Ostern ist DAS frühchristliche Taufdatum! Was für eine Fahrt endet da für einen Menschen auf der Suche nach dem Heil, nach dem Heiland, nach Jesus Christus? Eingetaucht ins Wasser der Taufe ist ein Zielpunkt erreicht. Die Fahrt ist nicht zu Ende, mit der Taufe wird sie etwas Wirkliches, nimmt sie Fahrt auf .. Wohl nur, wer als Erwachsener nach langem Suchen und Tasten zur Taufe kommt, kann das so richtig ermessen. Einen solchen Erwachsenen erinnere ich heute – Herrn Heinz Kempe, der sich im September des vergangenen Jahres hier am Taufstein 84-jährig hat taufen lassen. In der vergangenen Woche wurde der schwerkranke Mann heimgerufen zu Gott. Kam seine Lebensfahrt an ihr Ziel. Wir haben ihn im Vertrauen auf Gott beerdigt. Haben dazu dieses Osterlied gesungen, in dem es am Ende heißt: .. so wird ER uns aus Lieb und Gunst nach unserm Tod, frei aller Not, zur ewgen Freude geleiten.

Herr Kempe war ein humorvoller Herr. – Und wir, wie sind wir drauf? Die Osterbotschaft könnte uns allen eine frische Prise Humor ins Gesicht blasen. So, dass wir wieder ein bischen werden wie – ja, wie Kinder.

,Quasimodogeniti‘ – wie die neugeborenen Kinder, frisch und fröhlich, und doch schon an einem Ziel angekommen, so können sich Christenmenschen fühlen – auch in Coronazeiten.

Ganz so reichlich verkünden lässt es sich derzeit nicht, was uns zu Ostern zuteil wird.. aber nutzen wir die Möglichkeiten, die wir haben, einander in österlicher Freude zu begegnen!

Wir können einander beschenken – nicht nur mit Ostereiern. Weil wir Beschenkte sind. Einander bestärken – und wenn es mit unserem Konfirmationsspruch wäre .. weil Gott uns stärken will, gerade auch in diesen herausfordernden Tagen.

Frohe Ostern wünsche ich uns an jedem neuen Tag – die Festzeit geht ja bis Pfingsten. Spätestens das möchten wir mit Euch und Ihnen wieder in unserer Kirche feiern!

Eine Osterüberraschung aber, die habe ich noch: Am nächsten Sonntag feiern viele mit uns – einen Gottesdienst im Netz aus der Loschwitzer Kirche. Die Sächsische Posaunenmission wird ihn verantworten, und Kantor Braun und ich wirken auch mit.

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ostersonntag, 12.4.2020

Ein Ostergruß – in Corona-Zeiten

Liebe Loschwitzer und Wachwitzer, und Sie und Ihr alle sonst, die auf diesem Kanal erreichbar und jetzt schon wach sind:

Einen wunderbar guten Morgen, denn: Christ ist erstanden / Er ist wahrhaftig auferstanden!

Über die Jahrtausende reicht dieser österliche Gruß, dieses Bekenntnis, das wir hören und einander zurufen können: Christ ist erstanden / Er ist wahrhaftig auferstanden!

Wache Sinne braucht es, eben das zu hören und tief in sich aufzunehmen. So, dass die Sorge, so, dass die Angst weicht. So, dass sich Erstarrtes löst, sich das Herz öffnet und überfließt vor Freude.

Erst recht in diesem Jahr. Wie seltsam, einander nicht zu sehen und doch nahekommen zu wollen in dieser Morgenstunde! Der österliche Gruß ist hineinzusagen in eine Welt, die sich kaum wiedererkennt. Der Osterspaziergang darf gerade paarweise stattfinden, der Kirchgang ist nur gestattet, weil der Gottesdienst ausfällt. Doch HIER – begegnen wir uns – hören und sehen, singen oder summen vielleicht mit – und verbinden uns so von einem Osterfeuer zum anderen ..

Der Tod ist uns, zugegeben, nah gerückt in den Tagen der Karwoche. Bilder einer Welt im Griff der Pandemie wirken noch anders als das Erlebnis einer Passionsmusik. Die Angst vor dem tödlichen Virus ist längst dort, wo die Osterfreude erst noch hinreichen will. Nicht wenige auch in Dresden sitzen bereits in Quarantäne.

Quarantäne – dieser Begriff stammt ab vom französischen Wort ,quarantaine‘  und bedeutet die Summe von Vierzig. Das Wort ist aus der Bibel – von der vierzigtägigen Fasten-zeit vor Ostern – hergeleitet.

Die ist ja nun vorbei! – Wie schön wäre es, wir könnten feiern, dass auch die Zeit der Quarantäne JETZT vorbei sei. Das Virus besiegt und alle Angst über Bord geworfen werden könnte!

So schnell geht es nicht. Das Dunkel des Karfreitags behält abgründige Macht. Und doch: Christus ist durch dieses Dunkel hindurch gegangen. Hat es hinter sich gelassen, auch für uns.

Auferweckt, lässt ER uns aufatmen. Auferstanden, lässt ER uns hoffen – und singen.

Ja, es geht hier um uns. Um das Entscheidende für unser Leben. Um unser Heil.

Wir haben nicht alles selbst in der Hand – und müssen auch nicht alles im Griff haben. Wir können uns DEM anvertrauen, der die Liebe Gottes so gelebt hat, dass alles Dunkel in seinem Angesicht hell wird.

Jesus lebt – MIT IHM auch ich. Auch Du! Wir alle!

Darum: Frohe gesegnete Ostern!

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Bearbeitung des Liedes Erstanden ist der heilig Christ (EG 105) zum Ostermontag.

Karfreitag, 10.4.2020

Ein Wort zur „dunkelsten Stunde der Menschheit“ am Karfreitag in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen,

was sollen Worte unter dem Kreuz? Was können sie noch sagen? Ist da am Kreuz nicht alles gesagt, geurteilt, geschrien, geflüstert? Selbst die sieben Worte, die Jesus am Kreuz gesagt haben soll, sind ja jedes für sich eher zu meditieren als predigend auszulegen.

Kann es also reichen – innezuhalten, still zu werden? Auf IHN in seinem Leid zu sehen? Im Kreuz die Kreuze der Welt zu sehen?

In seiner Geißelung die Geisel der Pandemie?

Vor wenigen Tagen horchte ich bei einer Wortmeldung in den Medien auf: Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die Bulgarin Kristalina Georgieva, hatte angesichts der gegenwärtigen globalen Dramen um das Corona-Virus von der „dunkelsten Stunde der Menschheit“ gesprochen.

Ein großes Wort angesichts der verheerenden Nachrichten, die von den Kurven der Infektions- und Todesraten gespeist werden, auf die alle Welt gebannt sieht. Aber ist es angemessen angesichts der Dramen, die in der Geschichte der Menschheit bisher zu verzeichnen sind? Und – ist dieses Prädikat nicht für uns Christen ein geradezu besetztes Wort?

Die „dunkelste Stunde“ begehen wir heute, am Karfreitag, diesem dunklen, stillen Tag:

Jesus wird ans Kreuz geschlagen. Blind für seine wahre Identität oder eben in halber Ahnung, dass diese alles gefährdet und durcheinanderbringt, was gilt, wird er abgeführt und gefangengesetzt, wird er verspottet und geschlagen, bringen es Freunde fertig, ihn zu verraten und seine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Erleidet er den Foltertod.

Ach, meine Sünden haben dich geschlagen..  EG 81, 3

Meine?? Wir können abwehren und uns als Zuschauer gebärden. Wir können das Passionsgeschehen kultur- und religionsgeschichtlich einordnen. Aber – wir können uns auch berühren lassen. Von seinem Geschick. Von den überlieferten und vertonten Passionsberichten. Von Bildern und Kreuzweg-Stationen.

Mitten im Gewühl der Pilger und Touristen am Ölberg oder in den engen Gassen Ost-Jerusalems rund um die via dolorosa können wir uns plötzlich gemeint wissen.

Auf unser Zuhause zurückgewiesen an diesem Karfreitag 2020 können wir genauso  innehalten, still werden, gebannt einer Passionsvertonung lauschen oder uns anders in diese „dunkelste Stunde“ vertiefen. Dazu lade ich Sie ein.

Und schreibe Ihnen am Tag zuvor. Mit all seinen Ablenkungen und Aufgaben und Anregungen. Etwa dieser:

In einem beachtlichen Artikel, den Thea Dorn in der ZEIT unter dem Titel: „Es gibt schlimmeres als den Tod. Den elenden Tod“ schreibt, erinnert sie auch an das verquere Verhältnis der modernen Menschen zu Tod und Sterblichkeit:

Es ist keine neue Einsicht, dass Gesellschaften umso stärker dazu neigen, den Tod und mit ihm alle Gedanken an die menschliche Sterblichkeit zu verdrängen, je säkularer und je medizinisch-technologischer sie ticken. Der französische Historiker Philippe Ariès hat der Geschichte des Todes in den 1970er-Jahren eine umfangreiche Studie gewidmet. Darin blickt er mit einer Mischung aus Spott und Verachtung auf die modernen Gesellschaften, die sich naiv wie Kinder einreden wollen, sie könnten sich den Tod vom Leibe halten, wenn sie nur konsequent genug die Augen vor ihm verschlössen. Mit einer eigentümlichen Wehmut entrollt der Historiker das Panorama früherer Gesellschaften, in denen sich der Mensch, bildlich gesprochen, noch jeden Abend in Sterbekleidern zu Bett begab, weil er stets damit rechnete, am Morgen nicht mehr aufzuwachen ..

Etwas von dieser früheren Vertrautheit halten die Riten und Feiertage, die Choräle und Schriften religiöser Überlieferung wach, gerade die unseren als Christen: So, wie wir in Christi Tod getauft sind, werden wir mit IHM leben. In diesem tiefen, kaum auslotbaren Geheimnis treffen Karfreitag und Ostermorgen zusammen. Diesem Geheimnis können wir in den Tagen, in die wir jetzt gehen, nachspüren.

Heute, am Vortag des Karfreitags, ist auch des Märtyrertodes zu gedenken, den am 9. April 1945, also vor genau 75 Jahren, Georg Elser in Dachau sowie Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Hans von Dohnanyi, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz erlitten. Sie alle, im Widerstand gegen das Regime Adolf Hitlers engagiert, wurden aus blinder Rache und dem fanatischen Wunsch, dass die Feinde des Regimes dieses nicht überleben sollten, ermordet.

Und siehe – sie leben. Sie werden erinnert. Sie inspirieren Menschen heute, wach und entschieden einzutreten für die Freiheit und Würde des Menschen.

Vielen dieser Menschen, deren Namen heute Straßen bezeichnen, die uns als Vorbilder gelten dürfen, sind am Kreuzweg Jesu entlanggehend zu ihrer entschiedenen Haltung gereift. Oder haben im Sterben den Kreuzestod Jesu vor Augen gehabt.

Und siehe – wir leben. Am Karfreitag ist Ostern schon nah. Nicht nur, weil es vorbereitet sein will, das große frohe Fest. Nein, auch, weil wir wohl nur so die Begegnung  mit der dunkelsten Stunde der Menschheit ertragen können. 

In der verlässlich offenen Kirche liegen Osterkerzen bereit. Gegen Spende in den Wandtresor können Sie diese für Ihre Andacht und Besinnung, für Ihre Feier des Ostermorgens in der Familie mitnehmen. Und wie wir dann den Ostermorgen dezentral und doch gemeinsam begehen können, wie wir an ihm Jesus als das Licht der Welt feiern, dazu finden Sie in der Sonderausgabe des neuen GEMEINDEBRIEFES, der Ihnen vielleicht jetzt gerade ins Haus gebracht wird sowie auf der Website Informationen.

In der Stille dieses Tages und in leiser Vorfreude auf den nicht mehr fernen Ostermorgen grüße ich Sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Gemeinde,

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Zum Karfreitag wird Ihnen auf unserer Homepage auch ein Choral zugespielt:

Das alte Passionslied: O Traurigkeit, o Herzeleid .. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 80), das sich in der Betrachtung des Kreuzestodes Jesu erschrocken seiner eigenen Anteile an der Gottesferne der Menschheit bewusst wird.

So können wir beten:

Jesus von Nazareth, König der Juden, Gottes Sohn und wahrer Mensch. Wir stehen vor deinem Kreuz – betroffen, beklommen, dankbar. Du trägst auch unsere Schuld. Du stirbst – und wir sind frei.

Viele stehen vor einem Kreuz. Hergeben kann schwerer sein als Sterben. Tröste sie, zeige ihnen einen Weg wie der Mutter Maria und dem Jünger Johannes. Finde auch Wege für uns.

Viele tragen wie Du ihr Kreuz. Schon ehe sie zusammenbrechen, sende ihnen Helfer wie Simon von Kyrene. Hilf uns helfen, tragen beten.

Wir stehen vor deinem Kreuz. In der Stille bringen wir dir unser Leid, unsere Schuld, unseren Dank: …………………..

Wir stehen vor deinem Kreuz – betroffen, beklommen, dankbar. Du trägst auch unsere Schuld. Du stirbst – und wir sind frei. AMEN

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Palmsonntag, 5.4.2020

Ein Wort zum Palmsonntag
in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen!

auch den Sonntag Palmarum werden wir in diesem Jahr nicht in unserer Kirche begehen. Er ist das Eingangstor in die Karwoche, an deren Ende uns das Osterfest erwartet. Und erzählt von einem Tor, an dem sich Spektakuläres abspielt: Jesus wird erwartet – und wird triumphal empfangen.

Zwar irritiert sein Zug auf einem Esel. Aber doch wird er bejubelt, als sei ganz klar er der erwartete Messias. Hosianna! Hilf uns! rufen sie ihm zu – Begeisterte, Aufgeputschte, Kinder, Alte, das Volk in den Straßen und von den Balkonen.

Was erwarten wir? Wen erwarten wir? Noch vor Wochen habe ich mit Konfirmanden überlegt, wer denn am Körnerplatz aufschlagen müsste, damit ihm oder ihr ein solcher Empfang wie Jesus damals bereitet würde.. Ein Popstar? Ein gefeierter Fußballer? Greta? Die Bundeskanzlerin? Für keine der Antworten gab es Mehrheiten. Und es war zu spüren, dass wir uns nicht einigen würden. Dass es wohl je nach Generation und Milieu ganz verschiedene Menschen wären, die unsere Begeisterung weckten.

Heute, Wochen später, könnten wir alle uns wohl doch auf den oder die Gruppe von Wissenschaftlern einigen, die den ultimativen Impfstoff gegen das Corona-Virus entwickeln. Sie hätten großen Applaus, ja, einen außerordentlichen Empfang in Loschwitz verdient. Sie würden gefeiert. – Ach, wäre es nur soweit!

Heilung und Heil – und sogar noch mehr – werden von Jesus erwartet. Der Wanderprediger aus Galiläa zieht die Menschen an durch sein Reden und Wirken. Und gerät mit der Faszination, die er auslöst, in den Strudel unterschiedlichster Erwartungen. Alle ziehen an ihm, Kranke wie politisch Desillusionierte, Fromme wie Deklassierte. Und er wird und muss manchen von ihnen enttäuschen. Sätze wie „Mein Reich ist nicht von dieser Welt ..“ spiegeln die Spannung zwischen ganz irdischen, ganz handfest politischen Erwartungen von Gruppen und Grüppchen in der damaligen Gesellschaft und dem Selbstverständnis des Jesus aus Nazareth wider..

Wer ist der, der da kommt..? So wisperte es nicht nur von Fenster zu Fenster in den Straßen Jerusalems. So fragen Menschen auch heute. Wer ist er mir – Jesus? Und wie hätte ich Jesus gern? Als den exemplarisch ,guten Menschen‘? Als den Gottessohn? Als den Richter über alle Welt? Als den, der aufräumt oder als den, der erlöst? Und die kritische Frage heißt: Zieh ich an ihm, mache ich IHN mir zurecht? Oder lasse ich mich in Seine Nachfolge rufen.

Dass Bild, das ich uns hier zeige, habe ich genau vor einem Jahr aufgenommen. Es hängt fast an der Stelle, an der es gewesen sein muss – damals, als Jesus mit seinen Jüngern zum Pessachfest nach Jerusalem kam. Die Luft flirrte, Frühlingssonne schien, als wir – eine ganze Gruppe Dresdner Pfarrerinnen und Pfarrer – am Ölberg spazierten und auch das Auguste Victoria-Hospital mit der evangelischen Himmelfahrtskirche besuchten. 1907 – 10 gebaut, hat man von ihrem 45 Meter hohen Glockenturm einen einzigartigen Rundblick über Jerusalem und die Judäische Wüste.

Vom nahen einstigen Dorf Betfage aus soll Jesus auf einem Esel nach Jerusalem geritten sein. Daran erinnert dieses monumentale Ölbild, das in dieser Kirche hängt und in der Ausmalung der Szenerie nichts zu wünschen übrig lässt: Ja, so könnte es gewesen sein!

Uns, denen in diesem Jahr zu Palmarum Menschenansammlungen streng verboten sind, bleibt die Frage, wie wir uns öffnen für IHN und für seine Botschaft.

Nicht mit abgerissenen Zweigen gehen wir ihm entgegen. Und auch ohne Kirchgang und Passionsaufführung (die einzige Passionsaufführung in Dresden fand 2020 ja wohl in unserer Kirche, vor genau einem Monat, am 7. März, statt!).

Gehen wir mit Andacht in die nun kommenden Tage. In der verlässlich offenen Kirche werden ab Sonntag die kleinen, Ihnen bekannten Osterkerzen bereitliegen, die Sie sich bitte gegen Spende in den Wandtresor für ihre Andacht und Besinnung, für Ihre Feier des Ostermorgens in Familie mitnehmen.

Wie wir dann den Ostermorgen dezentral und doch gemeinsam begehen können, wir wir an ihm Jesus als das Licht der Welt feiern, dazu finden Sie in der Sonderausgabe des neuen GEMEINDEBRIEFES, die Ihnen in der Karwoche ins Haus gebracht wird sowie auf der Website zu Karfreitag Informationen.

In Vorfreude auf Ostern und darum mit wachen Sinnen auf dem Weg durch die vor uns liegende Karwoche grüße ich Sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Gemeinde,

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ein Wort zum Sonntag Judika am 29. März 2020 in Corona-Zeiten

Liebe „Netz-Gemeinde“ aus Loschwitzern, Wachwitzern und allen anderen, die dies lesen!

Wie ergeht es Ihnen gerade, jetzt, an der Schwelle zum dritten Wochenende in so außergewöhnlichen Zeiten?

Ich sehe die einen, die unter diesen Bedingungen so vieles stemmen. Die im Neuordnen-Müssen von beruflichen und familiären Herausforderungen an Grenzen geraten. Ich sehe andere, ungewohnt freigestellt. Dabei doch eingesperrt und abgeschnitten, wenn sie nicht gegenhalten und die gebliebenen bemessenen Freiräume nutzen.

Die Erfahrung, dass dieser andere Alltag anstrengt, die teilen viele: Ohne klaren zeitlichen Kompass unterwegs zu sein, täglich wechselnden Nachrichten ausgesetzt. Zwischen Hoffen und Bangen schwankend, und dabei angewiesen auf das Vertrauen, dass es ein Ende gibt, dass es am Ziel ein großes Aufatmen geben wird ..

So geht der Weg durch die Passionszeit dieses Jahres – durch herbe Wochen auf Ostern zu.

In einem Gottesdienst sehen wir uns derzeit  nicht. Und doch sehe ich viele Ihrer Gesichter vor mir: Menschen, mit denen ich in den letzten Tagen telephonierte. Anderen habe ich einen besonderen Gruß aus unserer Kirche zugespielt – all den Familien, bei denen die Taufe ihres Kindes schon eine Weile zurückliegt. Den Tauf-Rebstock habe ich dafür gepflückt, nur die letzten Taufkinder werden dort weiter namentlich erinnert.

Und habe vielen Familien so die Erinnerung ans Getauft-Sein ihrer Kinder direkt „vor die Tür“ gelegt. Nicht zum Stolpern, nein, zum Freuen!

Eigentlich sollte es am kommenden Sonntag einen „Theater-Gottesdienst“ in Loschwitz geben: War das „lukastheater“ eingeladen, das biblische Drama um Noah und die Sintflut für unsere Zeit zu interpretieren. Auch die Mitspieler hätten es bei der Ankündigung ihres Stückes nicht für möglich gehalten, dass solch ein eminentes Geschehen, wie wir es gerade erleben, ihr Spielen ausbremst.

Auch die Mitreisenden in der Arche Noahs waren .. eingesperrt und abgeschnitten.

Teilten die Erfahrung, dass dieser andere Alltag anstrengt: Ohne klaren zeitlichen Kompass unterwegs zu sein, täglich wechselnden Nachrichten ausgesetzt, zwischen Hoffen und Bangen schwankend, und dabei angewiesen auf das Vertrauen, dass es ein Ende gibt, dass es am Ziel ein großes Aufatmen geben wird .. Vierzig Tage und vierzig Nächte sollen sie in die Arche eingesperrt gewesen sein.

Am Ende der Noah-Geschichte aber wird unter dem leuchtenden Regenbogen die bleibende Zuwendung Gottes verheißen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht..

Und so steht auch das Wasser der Taufe und die ausgeteilte Taufbeere für Gottes Nähe in unserem eigenen Leben, was auch immer sich da ereignet.

Am vergangenen Sonntag trafen zur vertrauten Zeit des Gottesdienstbeginns in unserer offengehaltenen Kirche einige wenige Gemeindeglieder aufeinander. Wir sahen uns an und freuten uns, nicht allein zwischen den vielen unbesetzten Kirchenbänken zu stehen. Sangen sogar „All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und große Treu / sie hat kein End, den langen Tag / drauf jeder sich verlassen mag!“ . Beteten für diese unsere Welt – selbstverständlich mit dem notwendigen räumlichen Abstand zueinander. Und brachten uns wechselweise die Lesungen des Tages zu Gehör. Im Jesaja-Buch war da das Wort zu lesen, das in aufgewühlter Zeit für einen meiner Söhne zum Taufspruch geworden ist:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Jesaja 54, 10

Mag uns allen solches Zutrauen zuwachsen. Gott hat ein Wort für Dich und mich, dass uns in allem, was uns begegnet, was ängstet, was bedrängt, zusagt: Ich bin Dir nah. Ich spreche Dir Gnade, Frieden, Erbarmen zu.

Solche großen verheißungsvollen Worte dürfen wir hören. Sollen sie zu Herzen nehmen. Und in unser Leben übersetzen – für eine nächste Woche auf dem Weg nach Ostern.

Dann mag nicht alles leicht werden. Aber unser Herz fröhlicher und nicht zuerst bestimmt von düsteren Tagesnachrichten. Das wünsche ich Ihnen von Herzen!

Seien Sie alle freundlich gegrüßt und bleiben Sie behütet!

Ihr Pfarrer Markus Deckert


Ansprache im Abschiedsgottesdienst für Peter Schreier
am 8. Januar 2020 in der Dresdner Kreuzkirche

Liebe Frau Schreier,
liebe Söhne, Torsten und Ralph, und
Sie alle, die Sie zur Familie gehören,
liebe Freunde, Weggefährten und Künstlerkollegen,
liebe Kruzianer – auch Ihr Ehemaligen alle,
liebe Dresdner und ihre weitgereisten Gäste,

nun nehmen wir Abschied von Peter Schreier.

Seit er nach seinem beeindruckenden Lebensweg von 84 einhalb Jahren am 1. Christfesttag seine Augen für immer schloss, sind unsere Gedanken erfüllt von Traurigkeit, aber auch von Dank und vielen Erinnerungen. Es sind Erinnerungen an einen großen Menschen, einen außergewöhnlichen Künstler, einen begnadeten Sänger.

Für Sie, liebe Frau Schreier, ist es der Abschied von ihrem lieben Ehemann, mit dem Sie weit über sechzig Jahre zusammen durch das Leben gegangen sind, es ist der Abschied von Ihrem Vater und Schwiegervater, Eurem Großvater, vom älteren Bruder, vom jüngeren Schwager ..

.. für uns alle der Abschied von einem Künstler, der mit seiner Stimme von Dresden aus die Bühnen der Welt eroberte und unzähligen Menschen unvergessliche Momente tiefer Ergriffenheit schenkte.
Sie alle, die Sie hier versammelt sind, spüren das Besondere dieser Stunde – vielleicht ja auch schon Ihr, die allerjüngsten Kruzianer! Da geht der unbestreitbar Berühmteste von uns dahin. Und wir alle bezeugen unseren großen Respekt. Treten mit Dankbarkeit an seinen Sarg und befehlen ihn nun dem Heiland, zu dessen Krippe ´im finstern Stall` er als Evangelist hingeführt hat. Zu dem hin er im Weihnachtsoratorium sang: „Du Jesu, bist und bleibst mein Freund, und werd ich ängstlich zu dir flehn: Herr, hilf! Herr, hilf! So laß mich Hilfe sehn.“

Wir stehen vor Gott, jenem Herrn, den sein Sängerfreund Theo Adam im Brahms-Requiem so viele Male angerufen hat: „Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Ja, wir müssen alle davon. Nun er.
In solchem Abschied aber wird auch die Einmaligkeit, die unwiederbringliche Schönheit und Würde eines Lebens bewusst. Und es kann uns staunen lassen, welch´ wunderbare Gaben Gott uns Menschen gegeben hat.
Wie begnadet war das Leben Peter Schreiers mit einer Stimme, die ganz unverwechselbar er selbst war – ob als Liedinterpret, Operntenor oder eben als Oratoriensänger sofort herauszuhören aus vielen anderen Stimmen. Mit bleibender Nachwirkung gilt er als Sänger der Evangelisten-Partie in den Bach`schen Kantaten und Passionen – alle Leidenschaft legte er hinein in ein die Hörerschaft ergreifendes Erlebnis.

Ich sehe ihn noch beim Abschiedsgottesdienst für Theo Adam, nah, ganz nah am Sarg in der Loschwitzer Kirche sitzen. Ein knappes Jahr gerade ist das jetzt her .. Und alle, die Peter Schreier damals grüßten und angesichts seiner sichtbar angegriffenen Gesundheit um ihn bangten, haben sich sicher so wie ich gewünscht, dass der zeitliche Abstand größer sei bis zu dem Tag, an dem wir auch von ihm Abschied nehmen müssten. Nun ist es anders gekommen – Theo und Peter, beide großen Sänger, die aus dem Kreuzchor hervorgegangen sind, Freunde, die beide am Dresdner Elbhang zuhause waren, wurden im gleichen Jahr (2019) von Gott heimgerufen. Er, der Evangelist, der zur Krippe führt, an einem hoch symbolischen Datum: Genau dem Tag, an dem die Christenheit die Geburt Jesu begeht.

So hat es seinen Grund, heute in das alte Weihnachtslied einzustimmen: „Brich an, du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tagen ..“ An seinem Sterbetag wurde es an vielen Orten und auch im Loschwitzer Gottesdienst gesungen.

„Du Hirtenvolk, erschrecke nicht ..“

Viele unter uns haben im Ohr, wie er die Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet..“ interpretierte, und dabei im Wechselspiel mit der SoloFlöte nicht nur die kunstvollen Läufe virtuos beherrschte, sondern sein Singen die erschrockenen Hirten ermunterte und die Hörer gleichsam mitzog – und so die Sehnsucht aufweckte, nun selbst „das holde Kind zu sehn.“

Wer an der Krippe war, geht anders wieder, als er dorthin gekommen ist. Wer ´das holde Kind` und damit Christus im Herzen trägt, geht anders durchs Leben. Darf sich am Ende seiner Tage bei IHM und von IHM erlöst wissen.  Aufgehoben im ´schönen Morgenlicht`, das wir Sterblichen nur erahnen, von dem aber doch schon zu singen ist.

Es ging Peter Schreier merklich nahe, vom Tod naher Freunde zu hören. Zuletzt Ende Oktober von Reimar Bluth, dem Leiter der Klassik-Aufnahmeproduktion von Eterna. Und die Fragen: Was tröstet?, Was bleibt? und: Kommt noch etwas? die kannte auch er.

Ob es ihn jeweils an ´Goethes Nachtlied` erinnerte, das er oft als Zugabe bei Liederabenden gesungen hat? Das Lied, in dem die Vögel schweigen und das memento mori angestimmt wird: „Warte nur, warte nur, balde, balde ruhst Du auch.“

Heute singen wir für ihn, der schon Schwerstes durchlebt hatte, Monate in Krankheit, Tage und Nächte im Koma, aus dem er bisher immer zurückfand ins Leben.

Dankbar dürfen wir sagen, dass die letzten Jahre noch einmal ein Geschenk an ihn waren.  Und sein Heimgang auch Erlösung ist. – So müssen wir nicht verstummen heute. Wir können singen und schon darin Trost erfahren.

Nachrufe und Buch-Portraits, Internet-Einträge und das Erzählen vieler Zeitzeugen ergeben ein reiches, inzwischen auch längst veröffentlichtes Bild, das dieses Leben nacherzählt und würdigt.

Es gibt Antwort auf die Frage, wer er war. Wer aber war er Euch und Ihnen? Für viele unter uns, auch über seine Familie hinaus, berührt diese Frage das eigene Leben, genauso, wie das Bild seines Lebens inzwischen zur Identität von Chor und Kirche und Stadt gehört. Sie, liebe Familie Schreier, finden sich da hoffentlich oft wieder – zwischen dem offiziellen Peter Schreier und Ihrem Bild vom vertrauten Menschen neben sich.

Große Kapitel der Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte sind nicht ohne seinen Namen zu schreiben! Auch nicht die jüngere Geschichte des Kreuzchores. – Mit Respekt erkennen wir ihn in all diesen Erinnerungen. Sehen, wie er sich als Künstler wie als Mensch verstand: Der Musik dienend und sie ganz aus sich selbst heraus interpretierend. Sprechend dafür war seine Entscheidung, auf der Höhe seines sängerischen Schaffens eine Dirigierkarriere zu verfolgen. Chor und Orchester um ihn herum gruppiert, widmete er sich einigermaßen singulär in einer Person als Evangelist wie als Dirigent der Partitur – verstand sich als Regisseur, der die Handlung in den Vordergrund stellt und für Dramatik sorgt. Der Hörer soll gebannt am Geschehen bleiben und auf dessen Fortgang schauen, nicht etwa von der Musik eingelullt werden.

Schon als Knabe hatte er davon geträumt, Tenor zu werden – um später Evangelistenpartien singen zu können! So jedenfalls ist es überliefert. Und auch, wie er versuchte, sich eine Tenorstimme zu verschaffen ..  J

Wenn dies hier (mehr als eine menschliche Feierstunde, wenn dies) wirklich ein Gottesdienst ist, dann soll der Tod des Verstorbenen in der Gegenwart des Gotteswortes aufgefangen sein. Uns zum Heil ist es längst gesagt und tröstet alles andere als billig. Peter Schreier hat dem Wort musikalisch immer wieder nachgespürt – ob in Liedern von Schubert oder Schumann, Brahms oder Mendelssohn, exemplarisch in den Schütz`schen Kleinen Geistlichen Konzerten. Dass das Wort im Hörer zur Wirkung kommt, ist ja nicht selbstverständlich – auch in dieser Stunde nicht. Es ist auf viele Bedingungen angewiesen. Aber die Musik ist eine goldene Brücke ins Herz der Hörer. Und wenn Bach für manchen als der fünfte Evangelist gilt, wäre nun zu zählen, wo Peter Schreier einzureihen ist ..

Dort, wo das Wort nicht untergeht in schöner, gar lauter Musik. Sondern, wo es durch ehrliche und geradlinige Interpretation wirkt. Es nützt doch nichts, wenn nur schöne Töne abgeliefert werden! – ein typischer Schreier-Satz!

Von welchem Wort bekommen wir heute Zuversicht zugespielt? Reich jedenfalls sind wir mit ihnen beschenkt – so, dass wir an diesem Sarg nicht stumm und nicht taub bleiben müssen. Durch die Trauerfeier auch Hoffnung klingen mag! Ja, sie sogar Zuversicht wecken soll, und Lust darauf, weiterzusingen.

Jede und jeder unter uns trägt seine Erinnerungen hierher. Mögen sie gestreift werden bei dem, was wir in dieser Stunde zu hören bekommen. – Das große Kapitel Oper, liebe Gemeinde, schlage ich hier erst garnicht auf. Viele Berufenere wissen Peter Schreiers Karriere auf den Bühnen der Welt, als Tamino, aber ja weitere 60 (!) Rollen verkörpernd, zu würdigen.

Hier in der Kreuzkirche liegt vielmehr noch einmal obenauf, was ihn in Kindheit und Jugend prägte.

Mit großer Dankbarkeit sprach der gebürtige Meißner von seinen Eltern, dem Kirchschullehrer und Kantor Max Schreier in Gauernitz, und dessen Frau Helene. Ihnen verdankt er die in die Wiege gelegte und schon in frühster Kindheit zum Klingen gebrachte Musikalität. Nach der verstörenden Erschütterung, die das Kriegsende mit Sirenengeheul überm Dorf und Feuerglühen von Dresden her auch in seiner Jungenseele hinterliess, war der 1. Juli 1945 der Tag, an dem sein bisheriges Kinderleben endete: Als allererster Junge fand er sich gemäß dem Aufruf des Alumnatsinspektors im Notquartier in Dresden-Plauen ein, erlebte die Anfänge des Sich-Wieder-Findens des in alle Richtungen zerstobenen Chores hautnah .. Wenige Wochen später, am 4. August, hier! in der damals ausgebrannten und mühsam, auch von Kruzianerhänden von Trümmern beräumten Kreuzkirche, den Gottesdienst, in dem der Kreuzchor erstmals wieder sang ..

Die schöne Altstimme rückte ihn schnell in den Blick des Kantors. Rudolf Mauersberger erkennt in ihm einen Ausnahme-Kruzianer und hat viel mit ihm vor. Immer war es spannend, Peter Schreier selbst zu hören, wenn er die längst überlieferten Erinnerungen noch einmal neu gewichtete und als Anekdoten weitergab. Wenn er die Bauernfamilie Hubricht in Oberbobritzsch, bei der er sich mit seinem Bruder über Jahre jeden Sommer bei Ferienaufenthalten durchfutterte, über den grünen Klee lobte. Oder sich erinnerte, wie er hintendrauf auf dem Fahrrad des Kreuzkantors zu schon nächtlicher Stunde die Loschwitzer Brücke passierte. All das wird nun Buchwissen, und nie wieder mehr von ihm selbst ausgeplaudert .. Wie vieles andere mehr bis hin zum: Werden Sie Sänger! Mauersbergers hellsichtiger Rat an ihn .. Wie hatte er ihn da längst zum Sänger, zum Vor-Sänger werden lassen! Während der Vater noch in russischer Gefangenschaft steckte, trug die Begegnung mit diesem strengen, fördernden und fordernden ErsatzVater zum Werden des Menschen bei, dessen Lebenswerk uns heute noch einmal vor Augen steht.

Das Singen als Kruzianer machte ihn mit liturgischen Traditionen vertraut, auch mit den Werken Bachs und Schütz’ens, gab ihm geistig-geistliche Schätze für sein ganzes Leben mit ..

Sie, liebe Frau Schreier, aber lernen ihn kennen, als Peter gar nicht singen kann – der 16-Jährige mitten im Stimmbruch! Ihre Lebens- und Liebesgeschichte gehört nicht in die wissbegierige Öffentlichkeit – Sie wissen selbst, was Sie einander waren! Was es Ihnen an Glück, auch an Entsagung bedeutete, mit diesem Mann durchs Leben zu gehen! War er doch beides, ganz nah und ganz fern. Blieb er verwurzelter Dresdner, selbst in den Jahrzehnten, für die er nach Berlin gerufen war. Und wurde zugleich Weltbürger, zuhause auf mehreren Kontinenten.

Mit der Dresdner Kulturlandschaft und ihren Menschen blieb er eng verbunden. Er fühlte, wo er herkam und hielt diese Herkunft in Ehren. Zugleich wurde der Kammersänger überall in Europa, ja weltweit gefeiert.

Durchdrang er doch in ganz eigener Weise seine Bühnenrollen. Lebte dabei oft in beglückender Gemeinschaft mit seinen Sänger- und Sängerinnenkollegen und den jeweiligen Dirigenten.

Es ist nur zu verständlich, dass Peter Schreier durch seine Kunst eine unzählbare Zahl von Menschen in seinen Bann zog und sich vielerorts auch Fan-Gemeinden bildeten. Selbst aus Japan gingen Wünsche ein, heute hier Kränze niederzulegen ..

Ihre Erinnerungen, liebe Familie, sind aber das, was nicht auch heute noch hintanstehen soll!

Mit der Geburt von Ihnen beiden, liebe Söhne, wart Ihr Schreiers eine Familie. Habt ihn als glücklichen und vielseitig interessierten Vater erlebt – als Mensch, ganz im Dienst an der Kunst unterwegs. Die Kehrseite der großen Berühmtheit: Sie konnte in die Last seiner Prominenz umschlagen!

Vermutlich erzählen Sie andere Anekdoten als die, die in den Büchern stehen. Trauern anders als so mancher Verehrer. Sie wissen, wofür Sie ihm dankbar sind, für das, was eben auch in der knappen Zeit möglich war, die ihm seine sängerische Passion liess. Denken an das gemeinsame Leben zuerst in Strehlen, später im Haus an der Calberlastraße. An das Lungkwitzer Domizil. Gute Tage gab es überall zu erleben, auch im Familienurlaub in Ahrenshoop oder entlang des Festspielkalenders in Salzburg ..

Seine Liebe zu Dresden hat er gern betont. Hier lebten und leben viele der Freunde. Wird er geschätzt von Nachbarn und gekannt auch in Kreisen, die sich sonst kaum in Kirche und Oper verirren. Hier in Dresden schmeckte ihm das Essen, obwohl er es auch ganz besonders in Japan genoß.

Auch Euch, die Enkelkinder, möchte ich ansprechen. – Ihr habt noch einmal ganz anders den Mann vor Augen, der Euch liebte und im Blick hatte! Wisst von ihm mehr als die Musikhörer: Habt die von ihm gekochten Konfitüren gekostet, seinen Fang beim Hochsee-Angeln bewundert. Habt die geliebten Hunde ausgeführt und im Swimmingpool der Großeltern gebadet ..

Und wieder Andere, Studierende und angehende Musiker, erlebten in ihm den strengen Lehrer, etwa in Meisterkursen, in denen er seine künstlerischen Erfahrungen weitergab. – Lange vor diesem Abschied heute standen doch schon andere Abschiede ..

Im Dezember 2005 beendete er seine Sängerlaufbahn mit einem Konzert im Prager Rudolphinum. Fünf Jahre zuvor, im Juni 2000, trat er gefeiert von der Opernbühne ab. – Für Dresdner bleiben noch andere Daten unvergessen:

Zur Eröffnung der Semperoper singt Peter Schreier am 15. Februar 1985, begleitet von Swjatoslaw Richter, die Winterreise. 2005 singt er zur Weihe der Frauenkirche. Singt zugunsten seiner Geburtstadt Meißen, deren Altstadt dringender Rettung bedurfte. Und .. ? Ja, das darf ich hier auch erinnern:

Denn noch ein Bau wird ihm zur Herzensangelegenheit: Die Wiedererstehung der Loschwitzer Kirche aus einer Kriegsruine. 25 Jahre ist dies her, und dass sich die Gemeinde dort wieder versammeln kann, auch mit sein Werk, seit er sich gemeinsam mit seinem Mitkruzianer Udo Zimmermann Theo Adam anschloss, der zu diesem Zweck eine Stiftung proklamiert hatte. Viele Erinnerungen an diese atemberaubende Zeit sind noch lebendig. Benefizkonzerte in Hamburg, München und auch in Dresden warben Mittel ein und begeisterten viele, sich kurz nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten an diesem Wiederaufbau zu beteiligen.

Er, der als Kruzianer durch die vom Krieg gezeichnete Stadt gegangen war, hat erleben und mithelfen dürfen, wie sie wieder erstand .. !

Wir sind ihm für vieles dankbar. Und ich bin es auch persönlich: Für Begegnungen in seinen letzten Lebensjahren – nachdem ich mir als kleiner Kruzianer vierzig Jahre zuvor ehrfürchtig ein Autogramm erbeten hatte. Nun erlebte ich manch tiefschürfendes Gespräch mit ihm. Auch die Übertragung eines Fußballabends im vergangenen Juli, bei dem Dynamo unter die Räder kam, aber wenigstens gegen einen bedeutenden Gegner spielte. Auch, wie geradezu demütig er werden konnte, wenn es an die letzten Fragen des Lebens ging! Er wusste, dass Ruhm „ein zweifelhaftes und vergängliches Gebilde ist“.

An einem der letzten Novemberabende drückte er mir die CD der Johannespassion in die Hand, die er noch im Februar 2018 in der Leipziger Thomaskirche dirigiert hatte. Eine große Freude für ihn, dass ihm dies noch vergönnt gewesen war. – Deren Schlusschoral werden wir von Euch Kruzianern hören!

Ihr singt ihn Gott ins Ohr, seid Euch dessen bewusst! Singt ihn für Peter Schreier – und dereinst für Euch selbst! So schließt sich der große Bogen eines Menschenlebens vor unseren Augen und Ohren.

„Aus der Tiefe rufe ich zu Dir..“ haben wir mit dem Psalmisten gebetet. Ihr, liebe Familie, kennt Euren Vater auch in der Tiefe schwerer Tage ..

„Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu Dir ..“ Das De profundis aus dem Dresdner Requiem, wir wissen es, hatte Mauersberger ganz und gar für seinen vergänglichen Knabenalt geschrieben. Mag uns die Ahnung bewahrt bleiben, dass auch uns in den Tiefen des Lebens dieser Herr DIE Adresse für unser Rufen bleibt!

Er darf nun schauen, was er geglaubt hat – und vielleicht noch mehr. Darf schauen, wovon er gesungen hat, wenn sich das Tor der Ewigkeit für ihn öffnet. Dort wird ihn Gesang erwarten. Anders mag ich es mir für ihn und für uns alle nicht vorstellen. Dorthin, in die Liebe Gottes, befehlen wir ihn, unseren lieben Verstorbenen, Peter Schreier.

„Es ist vollbracht!“ – die Alt-Arie aus der Johannespassion hat er als 15-jähriger gesungen.

 „(..) O Trost für die gekränkten Seelen! Die Trauernacht lässt mich die letzte Stunde zählen.“  .. Doch dann: „Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf. Es ist vollbracht.“

Jesus Christus öffnet die Tür! Kommt uns entgegen! In der Traurigkeit des Abschiedes liegt auch tiefe Sehnsucht. Und streckt sich danach aus, österlich hoffen zu können. So zuversichtlich zu empfinden und zu glauben, wie wir längst schon singen. Solche Sehnsucht wünsche ich uns allen ins Herz.

Und Gottes Frieden, ihm wie uns.
AMEN

Fürbitte:

Wir können uns bergen in der Kraft des Glaubens! Mit unruhigen Gedanken die Hände falten und beten:

Gott unseres Lebens,

Das Herz ist schwer, möchte seufzen und klagen. Wir müssen Abschied nehmen – von ihm!

Von Peter Schreier, dem Ehemann und Vater, dem Bruder, dem Freund und Mit-Kruzianer, dem großen Sänger Dresdens..

Wecke DU Hoffnung in uns, die Kraft hat, selbst dem Tod standzuhalten.

Lass uns dankbar sein für all das, was er uns war. Für die Gabe dieser Stimme, die so eindrücklich von dem sang, was unseren Glauben nährt. – Lass uns jetzt weitersingen, wenn sie verstummt.

Sei Du ihm jetzt nah, wie wir es nicht mehr sein können. Sei auch bei uns, unser Gott, wenn wir dann zurückkehren in unseren Alltag. Sei jedem von uns nah mit dem Trost deines Wortes und dem Frieden, der nur von Dir kommen kann ..

 Amen


Predigt am Pfingstsonntag 2019

Liebe Gemeinde am Pfingstsonntag,

diese Verse aus Psalm 84 stehen mit Grund am Anfang der Predigt. Als ich mich – 1981 war das – nach der Konfirmation der Jungen Gemeinde der Kruzianer anschloss, beobachtete ich, wie ein Herr schon fortgeschrittenen Alters unter meinen Weggefährten der höheren Klassen auf einer Woge der Sympathie schwebte. Woche für Woche, heute undenkbar, strömten dreißig oder mehr junge Männer ins Gemeindehaus in der Sebastian-Bach-Straße, und warum? Um „Feuri“ zu erleben. Bald schon hatte der Blasewitzer Pfarrer mit seinem freundlichen Blick und seinem geistigen Anspruch auch mich gewonnen.

Im Herbst und Winter ’81 las er mit uns – ich sehe die grünen Bibeln noch – ausgewählte Psalmen. Uralte Texte also, mit denen wir auch sonst zeitweise lebten, die wir übers Jahr sangen. Jetzt aber bedachten wir sie einmal genauer – bevor dann im zweiten Teil des Abends Zeit etwa für Guareschi’s „Don Camillo und Peppone“ war.

Und manches erschloss sich plötzlich oder war erst einmal Anlass zum Gespräch. Psalmworte, so wie die von Heinrich Schützens Vertonung des 84. Psalms hatten uns ja auch belustigt: Wenn Luther übersetzte ..

.. die durch das Jammertal gehen und graben daselbst Brunnen. Und die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt.
Sie erhalten einen Sieg nach dem andern, dass man sehen muss, der rechte Gott sei zu Zion. ††

Das klang uns schräg im Ohr! Die Lehrer (!) werden mit viel Segen geschmückt?? Waren wir doch einer sich sozialistisch und atheistisch gebärdenden Volksbildung ausgesetzt .. Welcher Lehrer sollte uns da noch mit Segen geschmückt – ausgerechnet den Gott Zions nahebringen? – Gerade deshalb gingen wir doch zu Feurig, um Alternatives zu hören!

Liebe Gemeinde, bei wem haben Sie etwas für’s Leben gelernt? – Bei den Eltern, ja. Bei wem sonst? Und was hat Ihnen das Lernen leicht oder schwer gemacht? Wo gelang es wie selbstverständlich, als wäre es ein Spiel? Und wo war es mühsam und beschwerlich? Und: Warum war oder ist das Lernen daaa langweilig – und dort ein einziges Vergnügen?

Das muss wohl mit einem bestimmten Geist zu tun haben. Mit einem Geist, der uns aufweckt und alle Sinne öffnet. Der zur Begeisterung befähigt. Oder, wenn er fehlt, als Belehrung quält, die keinerlei Interesse zu wecken vermag.

Der Pfingstsonntag gibt Anlass, so zu fragen. – Menschen lassen sich begeistern. Sie öffnen sich, lernen dazu und geben Erfahrenes weiter. Sie brennen für die Sache mit Jesus und selbst fremde Sprachen sind da keine Hürden mehr. Sogar Milieu- und Landesgrenzen werden übersprungen. Religiöse Globalisierung, wenn man das so nennen will. Pfingsten geschieht ansteckende Kommunikation – sie steht am Anfang des Weges der Christenheit hin zu einer weltumgreifenden Kirche. Ist das ein Wunder? Ein Wunder, das sich ganz von oben her ereignet hat!, so malt es Lukas in der Apostelgeschichte seinem ersten Leser Theophilus und damit allen anderen auch vor Augen.

Wir hören heute wieder davon – inmitten von zwiespältigen Erfahrungen mit den Folgen von Globalisierung. Und sind heute mehr Fragende als Begeisterte. Wie selbstverständlich gehört das Christentum zum eigenen Lebensentwurf, aber was es austrägt und ob ich davon zu reden vermag? Das gerät oft unsicher, so, als hätte es kein Pfingsten gegeben. Und, wenn wir an „Kirche“ denken, ist der Gedanke an eine um sich greifende Dynamik nicht gerade naheliegend. Sind wir ehrlich, gestehen wir zu: Viele Geister greifen nach uns. So vieles nimmt uns gefangen.
Es wäre ein großer Schritt, sich davon freizumachen und einfach wieder zu bitten: Komm, Heiliger Geist ..
Es wäre ein Schritt hin zum Wesentlichen ..

Und da ist dieser besondere Geburtstag heute. Gottfried Feurig war NICHT Pfarrer in Loschwitz. Unser Gemeindegebiet aber lag zwischen den Kirchen, in denen er gewirkt hat: In Weißig oben im Hochland von 1955 – 58, dann ab Januar 1959 jahrzehntelang in „Heilig Geist“ in Blasewitz, woher wir die Glocken läuten hören. Gottfried Feurig hat viele Menschen geprägt, auch viele, stelle ich fest, die inzwischen auf dieser Seite des Flusses am Elbhang wohnen. Auch viele, die heute ganz anderswo zuhause sind. War ihnen damals in „Heilig Geist“ im besten Sinn Geist-Licher. Lehrer. Er gehörte zu der Sorte von Gottes Bodenpersonal, die nicht zu wenig Humor mitbekommen hatte. Zugleich wusste er mehr als genug von den Wirrnissen, in die der Mensch im Leben geraten kann. Von den Tücken der Freiheit. Von den Abgründen der Menschenseele. Das Leben selbst und nicht zuletzt die jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Werk von Dichtern und Denkern hatte ihn gelehrt, vom Menschenleben nicht zu schlicht zu denken.

Wenn wir uns heute hier und manche dann später an seinem Grab auf unserem Loschwitzer Friedhof dankbar an ihn erinnern, dann darf wohl mit Psalm 84 gesagt werden: Sein Wirken als Lehrer war mit viel Segen geschmückt! – Das begann für die Kruzianer weit vor 1981 .. deshalb lasse ich hier Hartmut Ritzschel zu Wort kommen ..

(Und er kam hier würdigend zu Wort…)

Pfingsten 2019 singen wir genauso wie zu Pfingsten 1989 vom Geist, der lehret .. Das überlieferte Geschehen lässt nach dem Geist, der uns zu lehren versteht, lässt nach dem Trost und dem Tröster fragen.

Nach ganz Grundsätzlichem also Ausschau halten – damals und auch heute, in dieser Zeit scheinbar großer Beliebigkeit. Wer hört heute noch gern lange zu, ob mir da einer Gedanken entwickelt, die auch mein Leben tragen können? Braucht es erst wieder ein „Gehen im Jammertal“, eine empfindliche Notlage, damit wir, wie es im Psalm heißt: .. daselbst Brunnen graben? Uns also nicht nur nach Freiheit, Glanz und Gloria, sondern nach Tiefe ausstrecken? Die Gabe des Pfingstfestes – sie ist unverfügbar, aber sie fällt, davon bin ich überzeugt, auch nicht einfach vom Himmel. Sie braucht wache, sich nach dem Geist sehnende  Menschen. Und sie wird von empathischen Menschen vermittelt, die uns zu Lehrern werden. Die uns Erfahrungen vermitteln davon, wie wir getrost und getröstet in dieser Welt leben können. Gott segne uns alle mit seinem Geist, dass wir einander zu solchen Menschen werden! Die einander nicht von oben herab belehren – das steht allein Gott zu. Sondern die einander durch ihr Miteinander zum Segen werden! Lernende sind und bleiben wir dabei lebenslang. So lange, bis Gott uns schauen lässt, was wir geglaubt haben.

Jesus sprach zum Abschied: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote befolgen. Und ich will den Vater bitten, Euch einen andern Tröster zu geben, dass er bei Euch sei in Ewigkeit: Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann.

Ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei Euch und wird in euch wirksam sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Menschenvernunft erhelle und bewege unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Heiland. AMEN


Konfirmationspredigt 2019, 2

zu Johannes 16, 23 b – 24 / 33 am Sonntag Rogate

Liebe Konfirmanden,

ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier im großen Rund irgendjemanden gibt, der jetzt nicht gute Gedanken für einen von Euch im Herzen bewegt. Oder gleich für Euch alle: Wünsche, die in Erfüllung gehen mögen. Hoffnungen, die wahr werden sollen .. in naher und in ferner Zukunft!

Gute Gedanken werden zum Gebet, wenn wir sie Gott ins Ohr sagen – hier in der Kirche oder irgendwo da draußen, so wie damals – bei Eurer Geburt oder später am Kinderbett.

Bei der Taufe frage ich die Paten ganz offiziell: Werden Sie für Ihr Patenkind beten? Und da hab ich noch immer ein freundlich bestimmtes Ja! gehört. Manchmal zwar aus überraschtem Mund, aber ist diese Frage nicht die selbstverständlichste, die an den Taufstein gehört?

Ich ahne dabei, wie unterschiedlich es unter uns Christen bestellt ist mit der Praxis des Betens. Was dem einen von Kindesbeinen an vertrautes Ritual, als Tischgesang oder als liebgewordene Morgenmeditation, zu dem finden andere keinen Zugang. Oder allenfalls in Form eines Stoßgebets bei heller Aufregung. Dabei hat wohl jeder von uns schon einmal den Satz gehört: Gott ist nur ein Gebet weit von dir entfernt. „Nur“ ein Gebet? Diese Entfernung ist eben relativ.

Der heutige Sonntag trägt den Namen „Rogate!“ Er lockt, diese Entfernung zu überbrücken: Betet! Bittet! Dankt! Bleibt nicht stumm vor Eurem Schöpfer .. Rogate!

Ihr habt als Konfirmanden das „Vater unser“ gelernt, wenn Ihr es nicht sogar schon auswendig konntet, als wir im August 2017 starteten. Das Vater unser ist die Antwort, die Jesus seinen Freunden gab, als sie ihn angingen mit der Frage, die wir alle kennen: Sag, wie geht das – beten? – Da lehrte er sie: So sollt Ihr beten ..! (Mt 6, 9).

Heute lesen wir im Johannes-Evangelium Verse, die gleichfalls das Beten in den Blick rücken: Jesus nimmt Abschied von seinen Freunden. Und legt ihnen ans Herz, was ihn am meisten bewegt: Das Vertrauen zu Gott, den er „lieber Vater“ nennt.

Amen, das sage ich Euch: Alles, worum Ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird er euch geben!
Bis jetzt habt Ihr in meinem Namen noch um nichts gebeten. Bittet – und ihr werdet es bekommen. Dann wird eure Freude vollkommen sein! (Joh 16, 23 / 24)

Ein verführerisches Versprechen, mag mancher denken. Das könnte man ausnutzen wie eine Geldkarte, die mir plötzlich zur Verfügung steht. Was wünsche ich mir gleich einmal – wenn mir alles gegeben wird?

Ja, was sind unsere Wünsche und Hoffnungen? Haben wir überhaupt welche? Oder haben wir schon für alles eine App, für jedes Problem eine Versicherung? Wer gewohnt ist, auf sich selbst zu setzen, wer schon volle Hände und volle Schränke hat, der wird sich schwer tun, um etwas zu bitten. Gar zu beten.

Manche Wünsche und Hoffnungen scheinen zeitlos zu sein. Gewicht bekommen sie, wenn es spürbar an ihrer Erfüllung fehlt. Verleih uns Frieden .. wird dort zum lauten Schrei, wo der Frieden als zerbrechlich erfahren wird. Und andere Wünsche? Täusche ich mich, oder treten materielle Wünsche in unseren Breiten gerade etwas zurück? Es fehlt doch mehr noch an gemeinsamer Zeit, an Gelassenheit, an Stille. Und es kommen Bedrohungen in Sicht, die auch mit unseren Ansprüchen an Freiheit und Wohlstand zusammenhängen.

Not lehrt Beten! hieß es früher. Aber kennen wir noch Not? Manche von Euch sagen: Ich weiß garnicht, was ich mir noch wünschen soll, ich hab doch alles. Andere sehen Nöte, die hinter allem Reichtum lauern.

Vor Wochen schickte mir ein alter Freund der Gemeinde Aufzeichnungen seines Vaters von der Konfirmation 1919 – also genau vor einhundert Jahren! – Darin heißt es:

„Zu Ostern 1919 wurde ich in der Loschwitzer Kirche konfirmiert. Vater spendierte eine feldgraue Hose, die schwarz gefärbt wurde. Dazu erübrigte er (!) noch ein Paar schwarze Schuhe. Auch ein schwarzer Rock fand sich schließlich noch und fertig war der Konfirmand. Außer guten Ratschlägen und dem kirchlichen Segen gab es nichts, was heute so zu einer Konfirmation zu gehören scheint.“

Undenkbar, sich das heute vorzustellen, stimmt’s? Hundert Jahre sind eben eine lange Zeitspanne. Im Vergleich geht es uns anno domini 2019 bestens! Und – wie wird es in hundert Jahren sein? Tragen Konfirmanden dann überhaupt noch Hosen und schwarze Schuh, im Jahr 2119? – Der Segen aber wird es weiter sein, er bleibt das Eigentliche. Er unterscheidet Euer Fest von den sogenannten Weihen Eurer Klassenkameraden. Der Segen – mehr als schöne Worte. Er nimmt ernst, dass wir nicht aus uns heraus leben, sondern Teil der Schöpfung Gottes sind. Und da sind wir beim Gebet.

Wie anfangen, zu beten? Vielleicht mit dem Staunen beginnen, bestimmt aber mit dem Dank – für Licht und Atem, für unsere Freunde. Und später, wenn wir uns ins Danken eingeübt haben, Gott ans Herz legen, worum wir IHN noch bitten wollen.

Wenn wir dabei in Jesu Namen bitten, ist uns schon bewusst, dass Gott kein Wunschbriefkasten ist. Wir werden begreifen, dass Gott, den wir durch Jesus kennenlernen, manchen Wunsch anders erfüllt als wir es erwarten. Dass es erfülltes Leben gibt trotz vieler unerfüllter Wünsche.

Seid Euch bewusst: Ihr selbst seid, so wie Ihr seid, erhörte Gebete Eurer Eltern. Ihr seid, wie wir alle, Gottes Kinder, und die sollten mit ihrem Vater im Himmel reden – nicht nur über IHN. Und IHN erst recht nicht verschweigen!

In unserer Gemeinde denken wir gerade besonders an erhörte Gebete und erfüllte Träume. Das drückt sich in einer kleinen Liedzeile aus: Was müssen das für Träume sein, dass die Kirche in Loschwitz wieder aufersteht. Hoffnung, Leute, betet!

Dieses kurze Lied, das uns unser verstorbenes Gemeindeglied Peter Fücker hinterlassen hat, enthält alles, was zu rechtem Beten gehört: Staunen, Nachdenklichkeit, Zuversicht. Bitte, Dank – und die Einladung zum Mitbeten..

Schön und schwer, wie es eben nun einmal ist, wird nie im luftleeren Raum gebetet. Da sind Trauer und Verlust, da ist überschäumendes Glück.. – Wir beten zu Gott im Namen Jesu. Wir unterscheiden uns darin, dass wir nicht zu einem Heiligen beten, wie es ein immer wieder in unserer Kirche abgelegter Zettel nahelegt, der Judas Thaddäus als ganz besonderen Patron in verzweifelten Fällen empfiehlt. Solche Mittler zu Gott braucht es nicht, sagen wir Evangelisch-Lutherischen.

Und sind doch allesamt immer wieder Anfänger dabei, zu beten. Von uns weg zu sehen. Uns auf DEN zu besinnen, DER uns trägt. Wer kann das?

Gott ruft uns dazu. Ja, wir aber sind Menschen – und können nicht einfach so mit Gott reden. – Am besten tun wir beides: Im Kopf behalten, was wir vor Gott sollen und als Menschen nur schwer vermögen. Und eben damit Gott die Ehre geben.

So ist das Gebet einen immer neuen Anlauf wert. Jesus sagt dazu am Ende dieser Verse:

Das habe ich euch gesagt, damit ihr bei mir Frieden findet. In dieser Welt müsst ihr auch Leid und Schmerz aushalten. Aber verliert nicht den Mut: Ich habe diese Welt besiegt! (V 33)

Liebe Gemeinde, Rogate! Betet! – gerade auch, weil es eine schöne und manchmal schwere Angelegenheit ist. Und wie auch sonst in Beziehungen die Scheu da ist, sich drauf einzulassen. Haben wir es beim Beten doch nicht nur mit uns selbst zu tun. Da gilt der Anspruch, dass wir es wirklich mit Gott zu tun bekommen. Dietrich Bonhoeffer, ein blitzgescheiter deutscher Theologe, hat das vor achtzig Jahren in den Satz gebracht: Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Diesen Satz sollten wir noch einmal meditieren:

Gott wartet auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten – und antwortet.

Solchen Glauben wünsche ich uns allen, nicht nur zum Sonntag Rogate, sondern für alle Zeit des Lebens. Daraus wächst der Mut zum Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4, 7). AMEN

Fürbitten, formuliert von Konfirmanden

Ich danke Gott, dass ich ein gesundes Leben habe, genug Essen und Trinken und dass meine Familie wohlauf ist.

Ich bitte Gott, mich zu behüten auch an den finstersten Tagen. Und dass es zu meiner Konfi gutes Wetter wird. KYRIE

Ich danke Gott für die verschiedenen Charaktere der Menschen, das wir alle unterschiedlich geschaffen und so etwas Besonderes sind.

Ich bitte Gott, dass wir bewusster mit dem Leben umgehen.

Dass wir Menschen aufhören, aneinander vorbeizureden und blind umherlaufen. KYRIE

Ich danke Gott für Pflanzen und Tiere, für das Leben auf dieser wunderschönen Erde, die hoffentlich noch gerettet werden kann.

Ich bitte Gott, dass er mir zur Seite steht und mich vor schlechten Entscheidungen zu bewahren. KYRIE

Ich danke Gott, dass wir heute zusammen diesen besonderen Tag feiern dürfen. Dass ich jeden neuen Tag genießen und in diesem Luxus leben darf.

Ich bitte Gott, dass er es allen Menschen möglich mache, so zu leben. Und uns von heute an weiter im Glauben bestärkt. KYRIE

Ich bitte Gott, mich zu trösten, wenn es mir schlecht geht. Mir viel Kraft zu verleihen.

Ich möchte beten, schenk mir dafür die richtigen Worte. AMEN


Konfirmationspredigt 2019, 1

zu Apostelgeschichte 16, 23 – 34 am Sonntag Kantate

Liebe Konfirmanden, es wird euch nicht überraschen, wozu die Predigt am Sonntag Kantate locken will – zum Singen! Gott zu loben, wo auch immer ich bin. Gott zu preisen, wie auch immer ich mich gerade fühle..

Singen … Ihr wisst, das hat euch hier erwartet! Wenn wir uns donnerstags trafen oder Sonntag morgens, gesungen wurde fast immer. Mal mehr, mal weniger begeistert .. In Eurer Konfirmandenzeit habt Ihr erlebt, wie die Gemeinde ihre Kantorin verabschiedet und um ihren Nachfolger gekämpft hat. Was es in unserer Kirche bedeutet, dass der Glaube ins Singen lockt .. Auch heute klingt es von oben und von unten – ja, Ihr gehört in eine musikalische Gemeinde. Neben Euch haben heute alle Sänger und Sängerinnen ihren Festtag ..

Die spannende Frage ist nur: Warum sollte ich singen? Warum sollte ich mitsingen? Braucht es dafür eine besondere Stimme? Eine ganz besondere Stimmung .. ?

V 23 – 25

Unser Text aus der Apostelgeschichte beginnt heftig: Mit vielen Schlägen! Paulus und Silas, zwei Christen auf Missionsreise, hatten in der Stadt, die sie besuchten, eine Frau geheilt. Doch statt Dank ereilt sie eine Anklage: Sie hätten für Unruhe gesorgt. Da aber Ruhe erste Bürgerpflicht ist, schlägt man sie, steckt sie ins Gefängnis. Eingeschlossen, weggesperrt, hört man sie spätabends – singen. Singen?? Ja, wenn sie wütende Beschwerdebriefe schrieben. Wenn sie Fluchtwege suchten .. Das wäre logisch. Aber nein – sie singen! Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Um Mitternacht, ihrer Gebetszeit, singen und beten sie, auch in dieser vertrackten Lage .. Und anders als andere so laut, dass es auch die hören, die noch vier, fünf Zellen weiter feststecken.

Was könnten wir singen – ohne Noten? Warum sollten wir singen – wenn uns jemand einsperrt? Käme uns da noch etwas über die Lippen? Könnte der Gedanke an Gott uns dann etwas auf die Zunge legen, was hoffen lässt?

Draußen im Leben. Mitten in der Nacht. Eingesperrt mit der eigenen Angst .. ?

Ein Konfirmationsspruch? Ein Liedvers? Ein tröstlicher Gedanke? Was davon tragen wir im Gepäck?

Orgel .. und gemeinsam: Laudate omnes gentes laudate Dominum!

Da geschieht nun wirklich Unerwartetes: V 26 – 34

Wundersam verkehrt sich ihre üble Lage: Die Geschlagenen aus der hintersten Zelle, sie werden zu Ehrengästen. Ein Erdbeben reißt sie und all die anderen Gefangenen aus ihren Ketten. Plötzlich stehen die Türen offen, doch Paulus und Silas – bleiben. Sie bewahren den Aufseher davor, sich das Leben zu nehmen. Sie werden – seine Tischgäste!! Die ehrt er mindestens so sehr wie Ihr heute Eure Gäste. Gibt’s doch da wirklich etwas zu feiern – in Loschwitz und Wachwitz wie eben damals in diesem Philippi! Nicht, dass wir uns selber feiern. Wir feiern eine Freude, die ohne Gott nicht zu denken ist. Das geht nun an Sie, liebe Eltern: Ganz sicher gehört Ihre Tochter, gehört Ihr Sohn heute in die Mitte aller Aufmerksamkeit. Aber eben so, wie wir in unseren Beziehungsgeschichten heute zusammenkommen: Bis hierher hat Sie, hat Euch, hat uns Gott gebracht .. !

In Sichtweite auf Philippi, den Schauplatz dieser Geschichte, wird bis heute gesungen – auf dem Athos reiht sich ein orthodoxes Kloster ans andere.. Ein ununterbrochenes Gotteslob, tags und nachts, erklingt dort, wo Europa das erste Mal mit dem Christenglauben in Berührung kam..

Eben mit dieser (!) Begegnung: Den Wärter traf es in seiner ganzen Existenz: Er gewinnt sein Leben noch einmal: Mit seinem ganzen Haus, mit Kindern und allem Personal, lässt er sich taufen. Weiß sich gerettet, nicht nur für eine Nacht – genauso wie sich Paulus und Silas gerettet sehen. Im Morgenlicht verblassen die Wunden von gestern. Eine Auferstehungsgeschichte ist das .. !?

Liebe Konfirmanden, ja, da ereignet sich Wundersames. Aber: Braucht es erst Fußballabende wie in der vorletzten Woche, um sich über Wunder zu wundern? Gehen nicht manchmal mitten im Leben die Augen über? Unerwartet öffnen sich Türen. Lösen sich Fesseln, lichten sich Nebel. Und das Leben bekommt tiefen Sinn. Sicher spürt Ihr, dass wir mit dem Glauben mehr als auswendig Gelerntes mit Euch teilen. Die Erinnerungen Eurer Konfirmandenzeit wollen Euch locken, in der wunderbaren Gewissheit zu wachsen, dass Gott uns kennt und liebt. Wollen locken, mitzusingen, weil ich mich berührt weiß. Weil DER mein Herz gewonnen hat, dem ich vertraue.

Wir wünschen Euch heute natürlich Schritte in die große Freiheit des Lebens, eine helle Zukunft – keine Gefängnis-Erfahrungen. Dabei weiß jeder: Unsere Welt hat auch Beklemmendes zu bieten! Aber: An Widerständen wachsen wir auch! Das lese ich hier – und erinnere selber so eine Geschichte. Da war ich gerade fünf Jahre älter als Ihr. Bausoldat auf Rügen. Und wirklich in eine Gefängniszelle gesperrt. Wir hatten einen Ausgang genutzt, den befreundeten Pfarrer zu besuchen, mit der Hand die Glocken zu läuten, im Gottesdienst zu singen. Nur: Seine Dorfkirche lag jenseits des erlaubten Gebiets für unseren freien Tag. Das war in der Unfreiheit der kleinen DDR Grund, in einem Matrosenknast eingesperrt zu werden. Ich erinnere mich, dass ich da auch gesungen habe. Bekehrt habe ich damit zwar keinen, oder doch? Mich selber, von der Angst, dort zu verstummen. – Es ist eine Erinnerung wie aus einem anderen Leben.

Alle Zukunft ist offen. Keiner weiß, welches finstere Tal, welche grünen Auen auf uns warten. Dass aber Gott mitgeht, dieses Vertrauen, diese Zuversicht wünsche ich jedem von Euch. Ihr gewinnt es mit Anderen – so, wie Paulus und Silas. Dazu sind wir Gemeinde Jesu, einander zu tragen, wenn es schwer wird. Gott immer neu zu loben, selbst noch im Stimmbruch. Durchs ganze Jahr – vom Advent bis zum Erntedank. Kantate ist der Termin der großen Ermunterung dazu!

Zum Schluss noch ein Wort von Paulus. Eins seiner am häufigsten zitierten. In einem Brief an seine in Philippi gewonnenen Freunde geschrieben, ist es zugleich ein Wunsch für uns alle:

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4, 7). AMEN

Fürbitten, formuliert von Konfirmanden

Ich danke Gott, dass ich eine sehr nette Familie, dass ich Freunde habe. Dass ich geliebt werde und dass ich lieben darf.

Ich bitte Gott, dass meine Oma und mein Opa noch lange leben. KYRIE

Ich danke Gott für Frieden und Gesundheit. Für das frohe Miteinander in unserer Gruppe. Dafür, dass meine Eltern immer für mich da sind.

Ich bitte für ein Ende der Kriege. Dass Kinder überall zur Schule gehen können. Und – dass am Sonntag die Sonne scheint! KYRIE

Die KonfiZeit hat mich mit neuen Erfahrungen bereichert. Hat mir Anstöße gegeben und manchen aufregenden Moment dazu.

Ich bitte Gott darum, dass dieses behütete Leben nicht zerbricht und ich mein Lächeln behalte. KYRIE

Ich freue mich, mit vielen anderen Menschen zur Kirche zu gehören.

Ich bitte dich, dass wir uns nicht verlieren. Dass Du, Gott, uns nah bleibst. Dass Du mich und uns alle immer begleitest und diese Welt  beschützt. KYRIE

Ich kann singen, weil wir frei von Gewalt und Ausbeutung leben. Weil ich mit meinen Eltern über alles reden kann, was mir auf dem Herzen liegt. – Weil Du, Gott, da bist und uns bestärkst! AMEN