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LIEBE GEMEINDE,

ich sehe schon das müde Lächeln vor mir, völlig desillusionierte Gesichter, wenn ich diesen Vers laut verkündige. Was haben Sie denn für Flausen im Kopf? Solche Versprechungen haben wir schon viel zu oft gehört und ihnen geglaubt. Das passiert uns nicht noch einmal.

Falschen Versprechungen geglaubt zu haben scheint für viele einer schweren Niederlage, ja
Demütigung gleichzukommen. Wohl weil Vertrauen gebrochen wurde. Und Vertrauen (im Neuen
Testament das gleiche Wort für Glaube) wird als
sehr wertvolles Gut empfunden. Manchmal sagen mir Leute traurig: Ich kann einfach nicht glauben an Gott, als ob sie es doch gern könnten. Vertrauen ist die Bedingung unserer Demokratie und die Grundlage jeder Wirtschaft. Und Vertrauen ist in einer Partnerschaft mindestens ebenso wichtig wie die viel besungene Liebe.

Doch wir können Vertrauen oder Glaube nie herstellen, nicht erarbeiten. Es ist einfach nicht unserer Verfügbarkeit unterworfen. Glaube wird von Gott geschenkt und Vertrauen kann wachsen, aber eben langsam. – Insofern ist es verständlich, wenn wir unser Vertrauen nicht leichtfertig investieren und nicht zu schnell Versprechungen Glauben schenken, selbst wenn sie in der Bibel stehen.
Dabei provoziert diese Verheißung Gottes meiner Ansicht nach gar nicht zuerst Glauben, sondern durchaus Furcht. Diese Zusage Gottes, die uns Jesaja überliefert hat, ist gar nicht nur angenehm für uns. Gehört unser Volk doch nicht zu den Benachteiligten, mit denen wir uns angesichts eines solchen Verses zu schnell identifizieren.
Wenn Gott ankündigt, viele Völker zurechtzuweisen und Recht unter den Nationen aufzurichten, dann, bin ich mir sehr sicher, wird er auch nach Deutschland kommen. Und er wird uns keine Vorwürfe machen, dass wir nicht mehr Exportweltmeister sind mit der höchsten Arbeitseffizienz oder nicht mehr die pünktlichste Bahn haben. Eher wird es darum gehen, wieviel mehr wir haben und verbrauchen als andere Menschen, die immer noch massenweise verhungern. Nicht alle Ungerechtigkeit und Ungleichverteilung haben wir verschuldet. Jedoch mehr, als wir gemeinhin
annehmen. Und letztlich ist es eine Frage der Prioritätensetzung, ob uns Brücken und schöne Schultoiletten wichtiger sind als das Leben von Menschen. Zugegeben, Wahlen kann man hierzulande wohl eher mit sanierten Toiletten gewinnen. Und genau darum wird Gott in unser Land kommen, uns zurechtzuweisen.
Dabei ist doch klar, dass Hass auf fremde Menschen dadurch angestachelt wird, dass falsche Alternativen aufgebaut werden. Das dazu benötigte Geld muss keineswegs unbedingt bei den Schulen eingespart werden. Aber irgendwo schon. Und um nicht immer nur bei anderen Einsparungen zu fordern – was wäre, wenn der Staat das Geld bei den Kirchen sparen würde? Dann müssten wir mit noch weniger Personal auskommen, mehr Stellen streichen als ohnehin schon wegen der rückläufigen Gemeindegliederzahlen. Dann gäbe es z.B. Konfirmandenunterricht nur noch an wenigeren Stellen, weil nicht alles durch Ehrenamtliche zu machen ist. Längere Fahrtwege wären zu bewältigen und die Gemeinden müssten noch mehr zusammengehen. Ob das am Ende dem Welt-Frieden zum Durchbruch verhelfen würde, bleibt offen. Doch ebenso, ob dadurch die Kirche kleiner und schwächer oder selbstbewusster und aktiver würde.
Frieden wird sein, wenn Recht aufgerichtet ist. Krieg wird uninteressant, wenn auch der Kleinste und Schwächste sein Recht einklagen und es durchgesetzt werden kann. Das betrifft den Frieden in der Familie ebenso wie den im Land, in der Welt und der Schöpfung gegenüber. Der Egoismus der Stärkeren steht nicht nur gegen Gottes Gebot, er ist auch dumm und wirtschaftlich desaströs.
Was ist für uns zu tun? Ich denke, wir müssen nicht zuerst darüber streiten, ob jetzt alle Waffen umgeschmiedet werden sollten. Am Anfang steht etwas anderes: Recht aufrichten, auch für die anderen. Gleiches Recht für Autofahrer und Radfahrer, für Senioren und für Kinder, für Wohlhabende und Geringverdiener – auf der Straße und in der Kirche und bei der Wohnungssuche. Dazu müsste ein jeder aufhören, immer nur seine Interessen zu sehen und dafür zu streiten. Da hätten wir alle zu tun. Ich auch.

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer

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