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LIEBE GEMEINDE,
der Stall von Bethlehem gehört für uns zur „trauten“ Weihnacht. Die heilige Familie mit Hirten und den Weisen, Schafen sowie Ochs und Esel um die Krippe in der Mitte und Engel darüber sind geradezu der Inbegriff
unseres Weihnachts-Gefühls. Unser ganzes Leben begleitet uns dieses Motiv, eingefärbt in verschiedenste Zeiten und Kulturen. Es ist uns vertraut und schafft Vertrauen, wie es wohl nur zur Weihnacht geschieht.
Dabei ist der Stall nur eine Schlussfolgerung. Vermutlich nicht einmal historisch. Der Evangelist Lukas erzählt lediglich von einer Krippe in der Herberge. In Bethlehem wird heute als Geburtsstätte Jesu eine Höhle präsentiert, über der nun eine Kirche steht.
Ochs und Esel sind leider auch etwa 600 Jahre später erst an die Krippe gekommen, als im sog. Pseudo-Matthäus-Evangelium geschrieben wurde: Am dritten Tag nach der Geburt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja (1:3) gesagt ist: ‚Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.´ Dieses Evangelium hatte einen großen Einfluss auf das Denken und die Ikonographie im Mittelalter. Und Bilder wirken immer stärker.
Gefühlig und romantisch sind Ställe selten. Dass es für Maria und Joseph damals eine heimelige Atmosphäre gewesen war, entspringt wohl eher unserem Bedürfnis danach. Tatsächlich sind Ställe – jedenfalls für städtische Nasen – voller lästiger Fliegen, schmutzig und es stinkt. Selbst wenn es wirklich eine Höhle war, so war es kalt, unhygienisch und ärmlich. – Warum mutet Gott uns solch eine Geschichte zu, die wir denn auch alsbald ausgeschmückt und verschönt haben?
Dass Gott Mensch wird, auch nur werden könnte, war für die damalige Vorstellungskraft einfach viel zu viel. Gott und Mensch waren das Gegensätzlichste, das man sich vorstellen konnte: der sterbliche Mensch – der ewige Gott. Die Menschwerdung Gottes in Jesus wird demzufolge in einem frühchristlichen Lied, das uns Paulus in Philipperbrief zitiert, auch als Selbsterniedrigung Gottes beschrieben. In den Religionen der Nachbarvölker waren manchmal die Herrscher göttlichen Ursprungs oder wurden nach ihrem Tod zu Göttern. Doch Gott als Mensch in ärmlichsten Verhältnissen in einem winzigen schwachen Land – das war eben das komplette Gegenprogramm. Damit wird vorabgebildet, dass Jesus sich primär den Armen, Entrechteten und Ausgestoßenen zugewandt hat. Die „Option für die Armen“ nennen wir das in
der Theologie, die bei Lukas besonders betont ist.
Was heißt das nun für uns heute? Gott wäre nicht nach Deutschland nach Loschwitz gekommen. Wir sind wirtschaftlich und politisch auf der Gewinnerseite, wir brauchen Gottes Hilfe weit weniger als die meisten Menschen. Doch existenziell sind wir ebenso zerbrechlich, fehlerhaft und vergänglich wie alle anderen. Wir sind allzu menschlich in unseren Ängsten, Nöten und Bedürfnissen. Wenn wir in der Beichte sagen: „Ich armer, elender, sündiger Mensch…“, dann protestieren wir innerlich, weil wir doch keine solchen Jammergestalten sind. Aber spätestens im Krankenbett
oder in ehrlicher Selbsterkenntnis geben wir diesen Protest auf. – Gott kommt auch zu uns, auch in mein Leben. Er klopft an und nun ist es an mir, ihm zu öffnen, mich von ihm aufrichten und auch in den Dienst nehmen zu lassen. Was wir im Stall von Bethlehem finden können, sind Würde, Hoffnung und Lebenssinn – für jeden Menschen.
Andere Bezugsstellen dafür fallen mir nicht ein. –
So wünsche ich Ihnen eine vertraute Weihnacht mit eben diesen drei Geschenken.
Ihr Pfarrer Gabriel Beyer
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