Liebe Loschwitzer und Wachwitzer, liebe Gemeinde,

Von oben nach unten …

… führt da ein Weg. Im Engadin war es und die Dreitausender schienen zum Greifen nah.

Ich bin diesen Weg ohne einen Last-Esel gegangen – mein Gepäck blieb am frühen Morgen im Hotel, der Raum in der Herberge war mir sicher. Gerade einmal die Trinkflasche und einige Früchteriegel hatte ich dabei. Auch war im Schweizer Nationalpark kein Dornwald zu durchwandern – golden standen die Lärchen, dunkelgrün die Arven im späten Herbstlicht.

Als ich das Bild nun wieder ansah, da kamen sie mir allerdings in den Sinn: Lieder, die gerade jetzt verlocken, mitgesungen zu werden – Lieder der Erwartung, Lieder im Advent: Übers Gebirg Maria geht zu ihrer Bas` Elisabeth .. Kurz darauf geht sie mit Josef wieder übers Gebirge – hochschwanger in dessen Herkunftsort, in die kleinste unter den Städten Juda`s, nach Bethlehem. Und noch eines: DAS Weihnachtslied, von Martin Luther nicht nur getextet, sondern auch musikalisch gefasst, kommt mir angesichts dieses atemberaubenden Anblickes in den Sinn: Vom Himmel hoch, da kommt Gott her ..

Ein Weg von oben nach unten .. eindrücklicher als ein oft schon hergezeigtes Krippenbild scheint mir diese Sicht auf das nahe Fest. Statt des tierischen Rahmens, Ochs und Esel – eine Gebirgskulisse. Schroffe Hänge und eisige Gipfel im vielleicht nicht mehr ewigen (?) Schnee. Doch – das Kind? Nein, hier in zweieinhalb tausend Metern Höhe ist es menschenleer. So bedarf es ein wenig Phantasie, um mit diesem Pfad den Weg zu verbinden, der ganz und gar einmalig ist:
Gott kommt herunter. Geht ins Abenteuer – und muß dabei abwärts. Weit abwärts in die Nacht der Welt. Dort wird ER ein Menschenkind. Wird berührbar, macht sich verletzlich. Hirten bringen Geschenke. Aber Gott legt sich kein dickes Fell zu gegen die Zumutungen dieser Welt. Lichter werden entzündet – eher Stalllaternen als Scheinwerfer und Strahler. Dort, wo das Dunkel wohnt, verbreiten für einen kurzen Moment himmlische Heerscharen ihren Glanz. Doch bis heute wird dieses Glänzen erinnert, wird von Engeln berichtet, die die frohe Kunde verbreiteten. Heute verbreiten wir sie.

Verbreiten wir sie? Wissen wir davon zu reden und zu singen, wie Gott auf unerhörte Weise Leben ins Erstarrte bringt? Ahnen wir etwas davon, daß darüber Menschen staunend auf die Knie fallen könnten? Oder – stimmen wir nur, weil man’s so macht, mit ein in den Schall und verkünden ohne rechten Glauben, daß der Erlöser (!) nun (!) erschien .. ?

Wie schön, wenn der Funke überspringt! Wenn Menschen ergriffen mitsingen und Münder nicht nur ins Kauen, nicht nur ins Maulen und Schwatzen, sondern ins Loben finden! Von der ‚Weltnacht Dunkel` haben wir im Gottesdienst zu Beginn der FriedensDekade gesungen (SVH 093). Ja, es geht rauh zu hier unten – im Kleinen und im Großen. Darum schlage ich auch fürs adventliche Erwarten diese Worte als Gebet wieder vor:

Zünde an dein Feuer, Herr, im Herzen mir, / hell mög es brennen, lieber Heiland, dir. / Was ich bin und habe, soll dein Eigen sein. / In deine Hände schließe fest mich ein.
Wollest mich bewahren, wenn der Satan droht. / Du bist der Retter, Herr, von Sünd und Tod. / In der Weltnacht Dunkel leuchte mir als Stern, / Herr, bleibe bei mir, sei mir niemals fern.
Bald wird uns leuchten Gottes ewges Licht. / Freue dich, Seele, und verzage nicht! / Lass die Klagen schweigen, wenn das Lied erschallt / fröhlichen Glaubens: Unser Herr kommt bald.
Quelle des Lebens und der Freude Quell, du machst das Dunkel meiner Seele hell. Du hörst mein Beten, hilfst aus aller Not, Jesus, mein Heiland, mein Herr und Gott.

Und notiere dies alles noch vor dem Advent – wieder an einem Tag mit Nachrichten von Folterspuren und tödlichen Luftangriffen, und im Gedenken an unsere Toten am Ewigkeitssonntag. Ja, das Dunkel der Weltnacht ist nicht zu unterschätzen. Es ist – abgründig! Und doch vermag es elementare Hoffnungen nicht auf Dauer zu unterdrücken: Unser äußeres Menschsein wird vergehen, wird in der Erde vergraben. Wir aber werden aufgehoben! Unsere Seelen werden in Gottes Hand geborgen sein – werden dereinst in ihr tanzen! Und alles durch das Kind. Durch dieses Kind in der Krippe wird der Tod verschlungen sein in den Sieg. Werden wir den Pfad hinaufgeführt, den Gott abgestiegen ist. Werden uns am Ziel unseres Lebens noch Gipfel-Momente erwarten. Das ist christliche Hoffnung auf Auferstehung. Das ist im Letzten der Sinn, ein Kind anzubeten. Dieses Jesus-Kind, in dem Gott uns naherückt. Gott, der uns so weit entgegenkam .. So weit herunter ..

Und notiere dies alles noch vor dem Advent – wieder an einem Tag mit Nachrichten von Folterspuren und tödlichen Luftangriffen, und im Gedenken an unsere Toten am Ewigkeitssonntag. Ja, das Dunkel der Weltnacht ist nicht zu unterschätzen. Es ist – abgründig! Und doch vermag es elementare Hoffnungen nicht auf Dauer zu unterdrücken: Unser äußeres Menschsein wird vergehen, wird in der Erde vergraben. Wir aber werden aufgehoben! Unsere Seelen werden in Gottes Hand geborgen sein – werden dereinst in ihr tanzen! Und alles durch das Kind. Durch dieses Kind in der Krippe wird der Tod verschlungen sein in den Sieg. Werden wir den Pfad hinaufgeführt, den Gott abgestiegen ist. Werden uns am Ziel unseres Lebens noch Gipfel-Momente erwarten. Das ist christliche Hoffnung auf Auferstehung. Das ist im Letzten der Sinn, ein Kind anzubeten. Dieses Jesus-Kind, in dem Gott uns naherückt. Gott, der uns so weit entgegenkam .. So weit herunter ..

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Weihnacht! Und frohe Wege dahin, wo Gott Ihnen nah rückt. Wo Engel und sogar Bengel singen und wir Menschen einander in Liebe und ein bisschen verschwenderisch beschenken. Wie Gott es längst tat! Wo wir – vielleicht sogar ausgelassen, ja, selig?! – feiern. Doch vergessen wir nicht: Die Schergen sind schon im Anmarsch. Herodes kann garnicht anders. Das Kind ist gefährdet. Und Gottes Welt-Abenteuer ein riskantes Unterfangen: Sein Friede stemmt sich gegen allen verletzenden Streit, selbst gegen Putins Krieg. Seine Erlösung gilt aller seufzenden Kreatur einer aufgeheizten Erde. Seine Welt-Rettung ist längst im Gang. Oh, du fröhliche! Vielem, so vielem, zum Trotz!

Ihr Pfarrer Markus Deckert