Liebe Loschwitzer und Wachwitzer, liebe Gemeinde,

Unsere schöne Kirche!

So werden Sie bestimmt auch empfinden, wenn Sie diese Ansicht vom Veilchenweg aus betrachten. Wie auf einem Gemälde liegt sie uns da zu Füßen – grün lacht ein Sommertag, Früchte reifen am Hang und Wolken lassen einen baldigen erfrischenden Regen erwarten.

Daß unsere Kirche aus einer Ruine wiedererstand, dieder Krieg hinterlassen hatte, das, ja, ich weiß, steht nur wenigen Leserinnen und Lesern noch persönlich vor Augen. Mancher Besucher ahnt nicht einmal etwas von dieser Historie und meint, der Nosseni-Altar habe immer schon hier gestanden.

Wir wissen es besser. Viele unter uns haben das grandiose Aufbauwerk nicht vergessen, mit dem die Gemeinde diesen besonderen Ort für ihr gottesdienstliches Feiern wiedererlangt hat. Und haben daran persönlich Anteil – sie können es auf ´ihrer` Sandsteinplatte erinnern …
Wie fassungslos macht es dann, anno domini 2022 Bilder der Verwüstung vor Augen zu haben! Bilder zerschossener und ausgebrannter Bauten – Bilder, die aus gar nicht so großer Ferne kommen. In der Ukraine tobt Krieg – auf alle Bilder von Frieden und Schönheit legt dies in diesen Wochen einen langen Schatten.

Daß Schönheit und Freiheit verteidigt sein wollen … Manchem dämmert das erst ganz langsam. Hatten wir uns nicht allzu gut eingerichtet in einer Welt, die andere für uns sicherten? – Manchmal suche auch ich in diesen Tagen neu, zu verstehen, was dem Frieden wirklich dient. Als Bausoldaten in Prora / Rügen wollten wir keine Waffe in die Hand nehmen. Aber war es wirklich ein friedliches Aufbauwerk? Jahrzehnte später erinnere ich noch das Motiv der damaligen, für DDR-Verhältnisse gigantischen, Investition eines Hafens: Den unsicher gewordenen Kantonisten Polen umgehen – dafür wurden wir benutzt. Wir ahnten noch nichts von North Stream II.

Während ich dies schreibe, wird gerade unsere Kirche vermessen. Akribisch und genau geschieht dies – ein Schritt in der Vorbereitung geplanter Baumaßnahmen. Akribisch und genau – so wird in Europa gerade auf Häuser, auch auf Gotteshäuser, und sogar auf Menschen gezielt. Wird Technik einzig dafür gebraucht, zu zerstören, zu töten, höchstmögliche Verluste zuzufügen. Dies tun Menschen, von denen manche – Gott sei es geklagt – getaufte Christen sind. Deren Kriegsherr, der dieses Leid befiehlt und letztverantwortet, war vor Jahrzehnten ein kleiner KGB-Offizier, der mit seiner Familie unter uns in dieser Stadt in der Angelikastraße wohnte. Welche Kränkung ist in ihm und unter seinesgleichen so groß geworden, gerade noch Unvorstellbares auszulösen?

Alles, was wir Menschen tun und lassen, ist geeignet, dem Frieden zu dienen. Oder dem Krieg. Unser Blick auf die Preise an Tankstellen. Unsere Art der Kommunikation. Unser mehr oder weniger nachhaltiger Lebensstil. Und auch die Weise, in der wir Geschichte verstehen und unseren Glauben leben.

Endlich haben wir die Osternacht wieder in unserer Kirche feiern können! Seither brennt die zu dieser Feier geweihte Osterkerze zu allen Gelegenheiten, in jedem Gottesdienst. Ihr Schein leuchtet gegen das Dunkle dieser Welt an. Im ´Exsultet`, dem Gesang zu Beginn, heißt es:

Sie verbanne das Dunkel dieser Nacht (..) Sie leuchte noch, wenn der Morgenstern kommt, jener Morgenstern, der keinen Untergang mehr kennt: Christus, zurückgekehrt aus dem Reich des Todes, der mit hellem Licht die Menschen erleuchtet …

Taufkerzen werden an dieser Kerze nun wieder entzündet: Nach Jahren höchster Zurückhaltung auf dem Hintergrund der Pandemie wird wieder getauft und das Leben als Gottes Gabe gefeiert. Gehen wir von Ostern her auf Pfingsten zu. Dann wird ein starker Jahrgang von Jugendlichen in drei Gottesdiensten konfirmiert. Solche Tage sind die schönste Zierde für unsere Kirche .. Die Jugendlichen haben wie wir alle eine Zeit in den Knochen, die uns nicht gut tat. Die Menschen auf Abstand hielt, Begegnung beschränkte und Verständigung vermied. Wie viel mehr noch gilt all dies im grässlichsten Ernstfall des Konfliktes – im Krieg. Gebe Gott, daß der bald ein Ende hat und die Ukraine aus Ruinen und in Freiheit wiederersteht!

Zu Pfingsten geben wir dem Geist Raum, der nicht der unsere ist. Und können mitsingen:

Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn! Nehmt ihn ein, so wird sein Schein euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.
Laß die Zungen brennen, wenn wir JESUS nennen, führ den Geist empor; gib uns Kraft zu beten und vor Gott zu treten, spricht du selbst uns vor. Gib uns Mut, du höchstes Gut, tröst uns kräftiglich von oben bei der Feinde Toben.
Güldner Himmelsregen, schütte deinen Segen auf der Kirche Feld; lasse Ströme fließen, die das Land begießen, wo dein Wort hinfällt, und verleih, daß es gedeih, hundertfältig Früchte bringe, alles ihm gelinge.

Bilderreiche Worte hatte Benjamin Schmolck, gekrönter Dichter und langjähriger Pfarrer an der Friedenskirche im schlesischen Schweidnitz, gefunden. Das heutige Swidnica hat Städtepartnerschaften mit den ukrainischen Städten Iwano-Frankiwsk und Tschernihiw. Und so schließt sich der Kreis – schneller, als mancher glauben mag …

Lassen wir uns in dieser überschatteten österlichen Festzeit grüßen und den Frieden wünschen, der höher ist als alle Menschenvernunft!

Ihr Pfarrer Markus Deckert